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Fazit | Beitrag vom 26.04.2019

Theaterabend über Ignaz KirchnerEine Hommage an den verstorbenen Burgschauspieler

Von Christoph Leibold

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Das Bild zeigt den Schauspieler Ignaz Kirchner in einem blauen Anzug auf der Bühne. (Herbert Neubauer/APA)
Ganz in blau stand der Schauspieler Ignaz Kirchner als Alfons der Zweite im September 2016 in einer Probe zu "Torquato Tasso" auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Zwei Jahre später ist er verstorben. (Herbert Neubauer/APA)

Der 2018 verstorbene Schauspieler Ignaz Kirchner war ein Sammler. Mehr als 40 Jahre klebte er Fotos aus Zeitschriften und Zeitungen in unzählige Notizhefte. Joachim Meyerhoff hat daraus das Stück "Land in Sicht" inszeniert, das in Wien Premiere feierte.

Bis zu seinem Tod im vergangenen Herbst gehörte der Schauspieler Ignaz Kirchner viele Jahre dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an. In den letzten Jahren stand er dabei immer wieder mit seinem Kollegen Joachim Meyerhoff auf der Bühne. Der hat ihm nun einen Theaterabend gewidmet: "Land in Sicht". Der Titel verweist womöglich auf das Stück über den Schiffbrüchigen "Robinson Crusoe", das Meyerhoff und Kirchner vor ein paar Jahren als Zweipersonen-Drama spielten. Die Grundlage für Meyerhoffs Hommage bildet aber ein Stapel vollgeklebter und -geschriebener Notizhefte, die Ignaz Kirchner hinterlassen hat. Das Stück hatte am Freitag (26.4.2019) im zur Wiener Burg gehörigen Akademietheater Premiere.

Man möge sich doch bitte nicht allzu große Gedanken über den Titel machen, erklärt Joachim Meyerhoff ziemlich am Anfang des Stücks. Lange vor Probenbeginn habe ihn Karin Bergmann, die Intendantin des Burgtheaters, angerufen und gefragt, wie denn seine Ignaz-Kirchner-Hommage heißen solle. Und weil er da gerade den Rio-Reiser-Song "Land in Sicht" gehört habe, stehe nun eben das über dem Abend.

Tatsächlich erklingt das Lied nicht in der Aufführung, schaut man sich den Text an stolpert man aber über die Zeile: "…die längst verlor'n Geglaubten werden von den Toten auferstehen." Da wirkt der Titel dann gar nicht mehr so zufällig, wie behauptet, ist man damit doch ganz nah an Meyerhoffs autobiografischer Romanreihe "Alle Toten fliegen hoch", die sich in liebevoller Erinnerung um verstorbene Angehörige dreht: um den Vater, die Großeltern oder den früh verunglückten Bruder. "Land in Sicht" ist ein Abend aus ganz ähnlichem Geist, nur dass Ignaz Kirchner kein Familienmitglied Meyerhoffs war, wohl aber ein Seelenverwandter, mit dem er viel zusammengespielt hat. In Molieres "Der eingebildete Kranke" zum Beispiel.

300 Notizbücher voll Skurrilem

Mehr als die Hälfte des dreistündigen Theaterabends "Land in Sicht" vergeht damit, dass Joachim Meyerhoff einfach nur erzählt von Ignaz Kirchner und seiner Beziehung zu ihm. Er tut das mit der ihm eigenen Fabulierlust und -begabung, die unweigerlich in den Bann zieht. So berichtet er zum Beispiel, wie er Kirchner nach dessen Zusammenbruch im "Eingebildeten Kranken" in die Klinik begleitet habe; und wie der, trotz angegriffener Gesundheit, diebische Freude daran gehabt habe, dem Sanitäter vorzugaukeln, er sei Arzt – er spielte seine Rolle aus dem Stück einfach weiter. Meyerhoff schildert aber auch Kirchners Zorn auf die Gesellschaft und die Verhältnisse, der Kirchners Motor war. Eine Wut, die er, Meyerhoff, teile. Später packt er dann Kirchers Klebebücher aus Kartons. Eine Kamera filmt die Seiten, die Meyerhoff aufblättert, die Aufnahmen werden fürs Publikum auf eine Leinwand projiziert.

Fast 300 Notizbücher hat Ignaz Kirchner im Laufe seines Lebens mit Bildern aus Zeitungen und Illustrierten gefüllt. Fotos von Politikern und andere Prominenten. Skurriles und Grausames. Und dazwischen Zitate von Autoren wie Friedrich Hölderlin oder Robert Walser, die oft um Fragen von Wahnsinn und Normalität kreisen.

Über die Abgründigkeit der Welt

In den Bildern und Notizen tut sich ein Kosmos auf, in der die Abgründigkeit der Welt auf die Sonderlichkeit eines Menschen trifft, der in dieser Welt irr zu werden drohte; und der, um dem zu entgehen, diese seine Sonderlichkeit in Bücher packte. Und in sein Bühnenleben. Mehr noch als eine Hommage scheint dieser Abend daher eine Séance. Eine Beschwörung des Geistes von Ignaz Kirchner, und damit des Geistes eines Theaters, das eine Robinson-Insel sein kann. Ein utopischer Ort, wo das vermeintlich Abseitige, Ver-rückte ins Zentrum rückt.

Am Ende hängen Kirchners Klebebücher an der Bühnenrückwand und darunter, beleuchtet, sind einige seiner Kostüme ausgestellt – mehrere Minuten zu Musik zur Betrachtung frei gegeben. Das bewegende Schlussbild eines berührenden Abends. Gleich, denkt man, tritt Kirchner auf und spielt wieder. So wie es in Rio Reisers "Land in Sicht" heißt: "…die längst verlor’n Geglaubten werden von den Toten auferstehen."

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