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Kompressor | Beitrag vom 06.08.2014

TheaterVisionen und zerfetzte Sprache

Serie - Die Kunst des Krieges (4/5)

Von Michael Laages

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Soldaten der französischen Armee im Ersten Weltkrieg (1914-1918) in einem Schützengraben. (picture-alliance/ dpa)
Soldaten der französischen Armee im Ersten Weltkrieg (1914-1918) in einem Schützengraben. (picture-alliance/ dpa)

Mit dem Ersten Weltkrieg sahen viele Zeitgenossen den Untergang der Menschheit heraufziehen. Theatermacher nahmen die Katastrophe bereits 1913 vorweg, spiegelten sie und verarbeiteten sie in bedrückenden Stücken.

Die wichtigste Meldung zuerst: Der Lappen ging hoch, der Vorhang auf. Anders als 27 Jahre später, als 1945 auch ungezählte Bühnenhäuser in Schutt und Asche lagen, hatte der schon im Ersten Weltkrieg betriebene Luftkrieg der Bombenflieger nur sehr selten die Zentren der Städte erreicht. Einige Theater nur, speziell die in Grenzregionen zu Frankreich, blieben auf Zeit geschlossen. Auch hatte kein "Führerbefehl" wie 1944 die Schließung aller Bühnen angeordnet. Im Gegenteil: Bis zum Schluss hatte das Theater in Deutschland das Völkerschlachten in Europa begleitet – gern mit klassischen Heldendramen, gelegentlich aber auch mit visionären Texten wie Carl Sternheims Zeitpanorama, das mit dem Jahr 1913 (und unter diesem Titel) vieles von dem, was danach kam, vorausnahm.

Und zu Ende gingen Krieg und Kaisertum in der Reichshauptstadt mit dem "Kaufmann von Venedig". Max Reinhardts Neuinszenierung von Shakespeares Klassiker, so der Theaterhistoriograf Günther Rühle, hatte Premiere am 8. November 1918. Am Tag darauf stürmten die nun auch in Berlin – wie zuvor in Kiel – aktiven Arbeiter- und Soldatenräte Schloss und Regierungssitz, und an der Stelle, wo Wilhelm II. vier Jahre zuvor den Krieg erklärt hatte, riefen die Besetzer die Republik aus. Auf Schloss und Brandenburger Tor wehten rote Fahnen. Bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin waren an diesem Abend Ibsens "Gespenster" zu sehen. Mit Ausrufung der Republik war die Zensur nun auch offiziell abgeschafft; erstmals blieben an diesem Abend die Plätze für Kripo und politische Polizei leer. Und was kam jetzt?

Eine Sprache zerfetzt wie die Leichen der Soldaten

Nur im Aufschrei, nur mit neuer Sprache, die zuweilen so zerfetzt daher komme, wie es die Körper der in den Schützengräben und im Gas geschundenen Soldaten seien, könne der Ton der neuen Zeit zum Ausdruck kommen, so ein kritischer Zeitzeuge. Mit dem gerade gehörten Schrei beginnt die Inszenierung von Ernst Tollers Nachkriegs- und Heimkehrerdrama "Hinkemann", die das Düsseldorfer Schauspielhaus gerade bei den Salzburger Festspielen gezeigt hat.

Autor Toller war als Freiwilliger ins Feld gezogen – jetzt war auch er einer der zahlreichen Intellektuellen, Schriftsteller und Künstler, die mittendrin im Auf- und Umbruch der Revolution standen – wie Siegfried Jacobsohn, Theaterkritiker und Herausgeber der "Weltbühne", der mit im Berliner "Rat der geistigen Arbeiter" saß, wie der Theaterkritiker Kurt Eisner, der die Räterepublik in München führte, ihm zur Seite die Schriftsteller Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam.

"War einmal ein Revoluzzer / im Zivilstand Lampenputzer / ging im Revoluzzer-Schritt / mit den Revoluzzern mit ..."

Wolfgang Neuss singt Erich Mühsam. Mühsam, der Bohemien, war vielleicht die schillerndste Persönlichkeit jener Münchner Revolte, die von den Kräften der Reaktion brutal beendet wurde: Eisner und Landauer ermordet, Toller und Mühsam auf Jahre in Festungshaft. Erst den Nazis blieb es vorbehalten, Mühsam 1935 im Konzentrationslager zu ermorden. Aber zurück zu Ernst Toller:

"Wie'n Karussell muss man dreh'n, immer rundum, immer rundum ..."

Nur auf dem Rummelplatz findet Heimkehrer Hinkemann Arbeit, verkrüppelt im Krieg durch einen Schuss ins Gemächt und darum "kein richtiger Mann mehr", beißt ausgerechnet er als letzter deutscher Held Ratten und Mäusen die Kehle durch – wie ehedem die deutsche Kriegsmaschinerie. Jeder Schuss ein Russ', jeder Stoß ein Franzos'. Und eben jeder Biss eine Ratte.

Exzesse des Tingeltangels

Schon Frank Wedekind, gestorben kurz vor Kriegsende und Ahnherr vieler neuer, antibürgerlicher Dramatikern, hatte die Rummelplatzwelt als Arena zielloser menschlicher Urgewalten beschrieben. Exzesse des Tingeltangels tauchen von nun an regelmäßig auf, vorzugsweise in expressionistisch aufgerissener Sprache. Sie spitzte auch in Tollers "Hinkemann" den Streit zu zwischen Individualität und Konformismus in der neuen Ordnung: den Streit ums Glück.

"Du sprichst von Glück, Genosse Unversehr ... Ich habe lange darüber nachgedacht, was denn das Glück eigentlich ist und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass einer das Glück hat oder nicht."

"Nein! Bürgerliche Ideologie! Eine vernünftige Menschheit produziert ein glückliches Dasein!"

Neuen Bühnen für neue Texte

Und auch die Aussicht auf das Scheitern der Revolte klingt schon mit:

"Ihr Toren! Was wisst Ihr von der Qual einer armseligen Kreatur! Wie müsst Ihr anders werden, um Eure neue Gesellschaft zu bauen. Da wo Eure Heilmittel aufhören, da fängt unsere Not erst an. Da steht der Mensch allein. Da tut sich ein Abgrund auf, der heißt: ohne Trost. Da wölbt sich ein Himmel, der heißt: ohne Glück!"

Das heutige deutsche Theatersystem wurde begründet

Neue Bühnen gab es für solche Texte: die "Kammerspiele", erst in München, dann in Hamburg, oder die "Tribüne" in Berlin, die mit Ernst Tollers "Wandlung" von 1919 eröffnet wurde. Der wichtigste Schauspieler dieses neuen Tons spielte an beiden Häusern: Fritz Kortner. 

Aber neben dem Aufbruch der Autoren, etwa auch Walter Hasenclever und Fritz von Unruh, später natürlich Bert Brecht, Hanns Johst oder Arnolt Bronnen, und dem Furor heimkehrender Schauspieler wandelte sich bei Kriegsende 1918 vor allem die Struktur der Bühnen. Aus kaiserlichen Hof- und Residenz- wurden republikanische, öffentlich-rechtlich finanzierte Stadt- und Staatstheater. Berlin war nicht mehr so wichtig, junges Theater fand auch und gerade in Hamburg und München, Düsseldorf und Darmstadt, Frankfurt und Leipzig statt. Private Bühnen mit viel Glück überlebten sogar die Inflation. Das bis heute gültige deutsche Theatersystem wurde mit der Republik begründet.  Gerade mal zwanzig Jahre blieben bis zur nächsten Katastrophe.

Mehr zum Thema:

Die Kunst des Krieges (1/5) - Die Stunde der Angriffslustigen (Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 01.08.2014)

Die Kunst des Krieges (2/5) - Erst belächelt, dann bewundert (Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 04.08.2014)

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