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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

TheaterSpielzeit als Schonraum

Absolventen des ersten Frankfurter Regiestudios zeigen ihre Stücke

Von Natascha Pflaumbaum

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Roter Vorhang (dpa / picture alliance / Hans-Jürgen Wiedl)
Absolventen des Frankfurter Regiestudios zeigten ihre Stücke. (dpa / picture alliance / Hans-Jürgen Wiedl)

Drei Regisseure, drei Stücke, drei Wochen Probezeit: Eine Spielzeit produzierten Absolventen des ersten Frankfurter Regiestudios Stücke, die im Schauspiel gezeigt wurden. Die Abschlussarbeiten waren nun in den Kammerspielen zu sehen.

"Das Leben des Joyless Pleasure" nennt Alexander Eisenach seine gesellschaftskritische Farce, mit der er den Tripel-Abend in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt eröffnete: ein eigenes Stück - geschrieben zusammen mit seiner Dramaturgin Rebecca Lang.

In ihrem 75-minütigen Konversationsstück schicken Eisenach und Lang eine Sozialanthropologin, einen Psychoanalytiker, einen Nudisten und einen Heizer auf die Suche nach dem Glück. Die vier machen eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff, in der Hoffnung, auf die Insel der Nutzlosen zu treffen, wo sie erforschen können, was Glück ist. Glück – so meinen sie - sei kein oberflächliches Vergnügen, sondern wahre Freude.

75 Minuten lang philosophieren sich die vier Passagiere höchst klug, höchst geistreich und höchst klugscheisserisch immer näher an ihre imaginäre Insel heran, meistens in trockenem Sozialphilosophen-Jargon, dessen unfreiwilliges Kalauer- und Pointen-Potential Eisenach und Lang auf so spielerische und wenig besserwisserische Weise entlarven, dass man sich nur so die Schenkel klopft. Kein Thema, das in diesem gesellschaftskritischen Diskurs unangesprochen bleibt: Machtkritik, Konsumkritik, Gesellschaftskritik. Das Palaver der vier umweht eine einzige Empörung über die Welt!

Eisenach lässt das Geschehen hinter Bühnen verdeckenden Sperrholzstelen spielen. Man sieht also nichts, obwohl alles live gespielt wird. Ein Kameramann dreht die Ereignisse, die als Film auf die Sperrholzdinger vorn am Bühnenrand projiziert werden. Die Plansequenz ist großartig trashig: wackelig von der Schulter gedreht, es gibt keinen Schnitt, aber nicht ein einziges Mal Bildausschuss. Actionszenen, wie etwa Sturm in der Badewanne, wechseln mit Backstageszenen, wie Kostümwechsel. Die Projektion ist hier Programm und Metapher zugleich und wird erst durchbrochen, als die vier Reisenden die Insel gefunden haben. Da stehen sie dann direkt vor dem Publikum, betrachten es wie eine neu gefundene Spezies im Urwald.

Wir sind also die Glücklichen, ohne dass wir es eine Stunde zuvor noch geahnt hätten. Eisenachs Humor ist erfrischend, seine Pointen kommen "à point", in gut erträglichen Salven, sein handwerkliches Talent ist übergroß. Die Vielfalt und Vielzahl seiner Ideen, die Komplexität, mit der er das vermeintliche Chaos am Ende bändigt, sein Feingefühl für dramatische Steigerungen im aristotelischen Sinne und sein Vorliebe für Brechungen à la Brecht machen sein Theater zu einer inspirierenden Erfrischung für den Geist.

Johanna Wehner hat fantastische Schauspieler

Ersan Mondtag hat sich in seiner Frankfurter Regiestudiozeit schwerpunktmäßig mit dem Mythos befasst. In seinem Stück "Orpheus#" beschäftigt er sich mit verschiedenen Topoi bzw. Szenen des Orpheusmythos: mit Erinnerung, Tod, Zerberus und Hades. Mondtags Bühne ist nahezu leer. Eine begehbare Schrankwand mit einem Mickey-Mouse-Gesicht, eine rote Digitalschriftanzeige und Leuchtstoffröhren sind einziges Inventar.

Mondtag konzipiert kein Sprechtheater, sondern eine Art Tanztheater, wobei er Bewegungen fast vollständig entdynamisiert. Diese Form ist eigen, im Grunde baut er eine Art soziale Körperskulptur. Mondtag benötigt darum Tänzer für seine Inszenierung, weil der Körper als Ganzes zählt. Diese Tänzer – es sind vier in hautengen roten Ganzkörperanzügen, auf die in weißer Farbe das menschliche Skelett gedruckt ist – "verkörpern" Szenen aus dem Orpheusmythos: reduziert und drastisch. Die Sache geht auf, weil Mondtag vier Darsteller hat, die bereits im Stillstand auratisch wirken.

Johanna Wehner beschließt den Abend mit einem anscheinend unfertigen Stück – zumindest deutet sie das so an. Ihre Textcollage von Stefan Zweigs Novelle "Angst" eröffnet sie mit einem Entschuldigungs-Prolog des Schauspielers Lukas Rüppel, der aufgrund von Krankheit mehrere Probentage gefehlt hat.

Sie lässt das Bühnengeschehen am Ende dann auch eher unmotiviert ausfransen mit einem Video, in dem sie ihre eigene Angst als Countdown zur Premiere in Bilder setzt. Auf der Bühne lässt Wehner dann die große Constanze Becker, Thomas Huber und Lukas Rüppel in verschiedenen Szenen die Geschichte von Stefan Zweigs Novelle "Angst" zusammenschustern.

Wehner hat hier wirklich fantastische Schauspieler und macht so wenig mit und aus ihnen. Man brabbelt, man stammelt und zerlacht den Text, läuft gegen Wände, schleppt Tüten, lässt sich von minutenlangen Texteinspielungen berieseln. Mal mit, mal ohne Videoprojektion. Unklar ist, warum diese Ehebrecherin-Geschichte heute nach der Bewegung der Frauenemanzipation noch interessant ist, unklar bleibt vor allem, was das für eine Angst in diesem Zusammenhang ist. Wohl eher eine Angst vor dem Stück ...

Sie sind Konkurrenten und sind es doch nicht. Denn so unterschiedlich und wiedererkennbar ihre Handschrift ist: Alexander Eisenach, Ersan Mondtag und Johanna Wehner werden ihren Weg gehen.

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