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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.11.2014

Theater Petras' theatralische Revue

Armin Petras' inszeniert Wilhelm Raabes "Pfisters Mühle" in Stuttgart

Von Rainer Zerbst

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Der Theaterregisseur Armin Petras (dpa / picture alliance)
Der Theaterregisseur Armin Petras (dpa / picture alliance)

Wilhelm Raabes Roman "Pfisters Mühle" thematisiert die Spaltung der Gesellschaft durch die industrielle Technik. Armin Petras' ist in seiner Inszenierung in Stuttgart ein komödiantisches Schauspiel gelungen. Allerdings gelang ihm dies nur auf Kosten des Inhalts.

Der Abend endet mit einem eindrucksvollen Bild. Ein riesiger Berg aus dunklen Stofffetzen beherrscht die Bühne, langsam steigt er in die Höhe wie ein schwarzer Atompilz. Dazu ertönen bedrohlich anmutende Klänge aus den Lautsprechern.

Dann betreten Menschen die Bühne, bleiben reglos stehen wie lebende Tote, alle mit einer Sonnenbrille geschützt gegen das grelle Scheinwerferlicht, vielleicht sind es auch Blindenbrillen. Es ist die junge Generation an diesem Abend, gewissermaßen die Zukunft der Menschheit, die, so lässt dieses abschließende Bühnentableau ahnen, keine mehr hat. Die alte Generation, die wir noch kurz zuvor als handelnde Figuren erlebt haben, kriechen aus der verseuchten Brühe, die einstmals der Bach von Pfisters Mühle war. Bühnenbildner Martin Eder hat hier ein szenisches Symbol für die Botschaft gestaltet, die man aus Wilhelm Raabes Roman herauslesen kann: Die Industrie hat die Herrschaft über die Welt angetreten, die Menschen haben nichts mehr zu melden.

Proportionen aus dem Ruder gelaufen

Um dieses Schlusstableau erleben zu können, musste man freilich erst eine dreißigminütige Pause durchstehen, und das nach stark zwei Stunden Bühnengeschehen ohne Pause – hier sind alle dramaturgischen Proportionen aus dem Ruder gelaufen – und das gilt auch für das eigentliche Stück. Dabei ist Regisseur Armin Petras sogar so etwas wie die Quadratur des Kreises gelungen: Denn ein Erzählkunstwerk in ein Schauspiel zu verwandeln, gelingt nur in den seltensten Fällen. Petras lässt den Ich-Erzähler des Romans nahezu ständig auf der Bühne präsent sein, er agiert wie ein Regisseur – insofern war es sogar passend, dass Regisseur Petras diese Rolle spielen musste. Er gibt mit der Schreibfeder die Einsätze, als erfinde er in diesem Augenblick gerade erst die Geschichte, und die beginnt idyllisch mit dem Lied von der alten Mühle.

Die Welt ist noch in Ordnung, die Gäste strömen in die heimelige Gartenwirtschaft hinter der Mühle. Allerdings steigen schon bedrohliche Dämpfe aus dem Boden auf. Wie Wilhelm Raabe in seinem Roman mit feinen verbalen Andeutungen das spätere Schicksal dieses Idylls andeutet, so lassen die Dämpfe ahnen, dass Unbill droht. Bühnenbildner Martin Eder reichen einige Requisiten als Andeutung der Spielorte – im Hintergrund tut sich alsbald ein riesiger Schlund auf, der sich später zu einem Turbinenrad öffnet – Symbol der immer beherrschender werdenden industriellen Technik.

Chemiker im Schaffensrausch

Und sehr bald bilden sich denn auch schon in dieser sich rasant verändernden Gesellschaft die verschiedenen Lager: Hier der Wirt mit seiner Familie, der sein jahrhundertealtes Gewerbe weiter betreiben will, dort die nach Geld und Karriere strebenden jüngeren Zeitgenossen, allen voran der Chemiker Adam August Asche – der Name ist Symbol. Er verfällt gar einem regelrechten Schaffensrausch.

In dieser Szene freilich deutet sich auch schon die Krux dieses Abends an. Minutenlang wird ausgespielt, was schon nach wenigen Sekunden deutlich geworden ist. Jeder Regieeinfall wird in dieser Inszenierung zu einem eigenen kleinen Stück im Stück. Manchmal dauern solche szenischen Exkurse fünf, gar zehn Minuten lang, ohne zum eigentlichen Stück etwas beizutragen. Zugegeben: Das alles wird von den Schauspielern faszinierend komödiantisch gespielt - doch mit dem ernsten Thema der gesellschaftlichen Veränderung und Umweltzerstörung hat vieles davon nur am Rande zu tun. Über weite Strecken war dieser Theaterabend nicht "Pfisters Mühle", sondern Armin Petras' theatralische Revue.

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