Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons

Freitag, 28.02.2020
 
Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2014

Theater MünsterJauchegrube aus Verachtung und Bereicherung

Die Geschichten des chinesischen Dissidenten Liao Yiwu als Bühnenstück

Von Michael Laages

Podcast abonnieren
Liao Yiwu wurde für sein Gedicht "Massaker" zu vier Jahren Haft verurteilt. (AFP / Kenzo Tribouillard)
Liao Yiwu wurde für sein Gedicht "Massaker" zu vier Jahren Haft verurteilt. (AFP / Kenzo Tribouillard)

Bei mundtot gemachten Zeitzeugen sammelt der Autor Liao Yiwu sein Material. Regisseur Max Claessen schafft eine kraftvolle Inszenierung dieser Geschichten von unten und hält sich fern von China-Klischees.

Gut 200 Stück weißes Gartenstuhlmobiliar stehen uns gegenüber. Etwa so viele, wie wir selber sind, im kleinen Haus des Theaters in Münster. Von den "Abwesenden" erzählt dieses starke Bild gleich zu Beginn – und es passt gut zum chinesischen Autor Liao Yiwu.

Auch er, geboren 1958, nach Deutschland geflohen vor drei Jahren, erzählt ja von denen, die "abwesend" bleiben müssen im Alltag seiner Heimat: von den Kleinkriminellen und entwurzelten Jungen vom Lande, den Prostituierten und Desillusionierten in allen Schichten.

"Fräulein Hallo" ist eines dieser Mädchen zwischen Party und Puff. Sie nennt sich so, weil jedes der Gespräche, das sie führt in der Bar, naturgemäß so beginnt. Gleich nebenan hockt der Toilettemann – und vielleicht ist ja er einer wie der "Bauernkaiser", wie der ehedem "große Steuermann" Mao Tse-Tung. Nichts mehr hat das "neue China" mit Maos Geschichte zu tun, nur Gewalt und Unterdrückung überdauerten die vielen "großen Sprünge" nach vorn. Und auch Maos China selber war ja ein Schlachthaus.

In diesem zweiten Teil der Uraufführungsinszenierung kommen die für Bühne sortierten Geschichten von Liao Yiwu an in der Gegenwart. Zuvor und bis zur Pause erzählen sie von alten Zeiten. Die traditionellen "Totenrufer" werden beschworen, die die Überreste der Verstorbenen klagend durch die Lande trugen – die Revolution schafft sie ab.

Eigene "Klassenzugehörigkeit" wieder und wieder bekunden

Viel ist zu Beginn vom Bürgerkrieg die Rede, den das neue China von Mao und Liu Schao-tschi gewann gegen den General Tschiang Kai-shek, dessen Truppen nach Taiwan flüchteten – und es braucht schon ein wenig historische Kenntnis, um die innerchinesischen wie weltpolitischen Konflikte einordnen zu können, die in den Berichten eingefangen sind, die Liao Yiwu bei mundtot gemachten Zeitzeugen sammelte.

Vom Schlafwandler ist die Rede, der sich als "Rechtsabweichler" opfert und überlebt: "Wer kein Schlafwandler ist, ist nicht normal". Immer wieder müssen Menschen die eigene "Klassenzugehörigkeit" bekunden, schon vor und erst recht in der Kultur-Revolution – eine ehedem Wohlhabende erzählt von großer Hungersnot, und vom Sohn, der in einem Erdloch überlebte. Dahinter schnibbelt der Rest vom Ensemble Gemüse.

Ein Musiker muss "Selbstkritik" üben – und die treuen Genossen rezitieren den haarsträubenden Blödsinn, der in der roten Mao-Bibel steht, deren Wahrheit vor 40 Jahren groteskerweise ja auch vielen im Westen heilig war.

Ein Kader der KP berichtet über das ewige Scheitern von Fortschritt und Reform. Ein Geschäftsmann aus der Provinz erlebt aus der Perspektive des Hotelgasts das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz im Juni 1989. Das verändert sein Leben, nun revoltiert auch er, gegen guten Rat aus der Familie – und die 200 Stühle sind zur Barrikade geworden.

Wenig Hoffnung auf Besserung

Max Claessens Inszenierung auf Mirjam Benkners Bühne bleibt sparsam. Die halbwegs szenisch geschriebenen Geschichten des Autors sind es auch. Das fünfköpfige Ensemble agiert unerhört wandlungsreich und hält sich so gut wie irgend möglich fern von China-Klischees. Für die steht bestenfalls der Drache im Bühnenhintergrund. Die traurigen Blicke auf die wirkliche Welt, wie sie die Zeitzeugen vom Rande offizieller chinesischer Geschichtsschreibung dem Autor Liao Yuwi mit auf die Flucht gegeben haben, lassen derweil wenig Hoffnung für den Weg zum Besseren.

Gerade die Wende hin zum Turbo-Kapitalismus der Gegenwart, auf der Basis uralter und niemals in Frage gestellter Traditionen der Volkskultur, hat ja in jene Jauchegrube aus Verachtung und Bereicherung geführt, die das neue China heute repräsentiert – ohne Moral, ganz oben wie ganz unten in der Gesellschaft.

So müssen die Texte von Liao Yiwu auch auf dem Theater als Dokumente der lebendigen Apokalypse verstanden werden. In Münster wird ein kraftvoller Theaterabend daraus. Und wer den Geschwister-Scholl- und Friedenspreis-Träger schon erzählen hörte, der ahnt, wie fremd das Land uns noch ist, das in unserem wirtschaftlichen Alltag längst eine so große Rolle spielt; und wie unerhört viel wir noch lernen müssen, damit nicht auch wir wie die Schlafwandler sind.

 

Mehr zum Thema:

Webseite zum Stück "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" im Theater Münster

29.09.2013 | KRITIK
Der Geschmack von Babyfleisch
Buch der Woche - Liao Yiwu: "Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch", Fischer, Frankfurt, 496 Seiten

11.08.2013 | ESSAY UND DISKURS
Das Schreiben als Lebensrettung
Der Schriftsteller Liao Yiwu in der Gesprächsreihe "Exil - Traumatisierung und Mission"

18.02.2011 | FAZIT 
Problemfeld Amoklauf
"Feuer mit mir" am Theater Chemnitz

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKultur in Zeiten von Corona
Touristen in Mailand auf dem Duomo Platz am  25.2. 2020  (dpa/ Cristiano Barni/Eidon/)

Der Coronavirus hat nicht nur Europa erreicht, sondern inzwischen auch die Kulturwelt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet, dass in Mailand Museen und Theater geschlossen sind. Inzwischen werden schon Vergleiche zur Zeit der Pest gezogen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur