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Rang I | Beitrag vom 21.04.2018

Theater in UngarnKünstlerische Freiheit im Kleinen

András Forgách im Gespräch mit Susanne Burkhardt

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Dunkle Wolken über Budapest, Ungarn. (Daniel Olah on Unsplash)
Die ungarische Hauptstadt Budapest (Daniel Olah on Unsplash)

Viktor Orbáns Regierungspartei Fidesz lässt zwar das progessive MITEM-Festival zu, kleine Theater genießen auch eine gewisse Freiheit, doch die Stadttheater werden von der Regierung kontrolliert.

Mit der Wiederwahl von Viktor Orban und seiner Fidesz-Partei setzt sich der Umbau der ungarischen Gesellschaft fort – dazu gehören auch Eingriffe in die künstlerische Freiheit – so wurde der ungarische Regisseur Árpád Schilling im vergangenen Jahr offiziell zum Staatsfeind erklärt – ein beispielloser Vorgang. An allen großen Häusern des Landes wurden Orban-getreue Theaterleiter installiert.

Kleine Städte mit kleinen Theatern und größerer Freiheit

"Die Theater sind sehr kompromissbereit", sagt der ungarische Dramatiker und Schriftsteller András Forgách in Rang 1. Schon unter dem Kommunisten János Kádár, der das Land bis 1988 regierte, habe man gelernt, "wie man das schafft, dass man solche autoritären Systeme durchlebt". Dazu komme, dass die ungarische Theaterlandschaft sehr vielfältig sei: Man unterscheidet zwischen Stadttheatern und unabhängigen Theatern, so Forgách.

Während die Stadttheater abhängig von den Stadtpolitikern sind, die über ihre Leitung entscheiden, existieren die freien Häuser fort: "In vielen kleinen Städten blieben die Theater in guten Händen." Natürlich gäbe es hier und da "Gesten in Richtung Regierung" – aber man setze dort die Arbeit fort – in finanziell sehr schwieriger Situation.

Auch wenn beim aktuell stattfindenden internationalen Theaterfestival MITEM in Budapest progressives und linksliberales Theater zu sehen sei, mit kritischen Tönen gegen die Politik Orbans – so sei das, laut Forgách keine Geste – sondern lediglich eine "Insel im Leben des Nationaltheaters".

"Zweigesichtige Janusz-Politik des Regimes"

Nationaltheaterchef Attila Vidnyánszky – bekennender Orban-Freund – habe so viel Geld, dass er einladen könne, was er wolle. "Das MITEM-Festival ist phantastisch progressiv. Und dann ist das Nationaltheater wirklich voll mit Theaterleuten und theaterliebenden Menschen, weil man dort sehen kann, was im Theater in Deutschland, Frankreich, in Russland an progressivem Theater fortsetzt."

Für Forgách ist das "ein Paradox, ein Oxymoron" – kein Zeichen, sondern die gleiche "zweigesichtige Janusz-Politik des Regimes". 

Kleinere Theater wagen Experimente

Vidnyánszky habe einen guten Geschmack, wenn er Theaterstücke einladen könne, aber "sein Theater ist absolut politisch motiviert und die Vorstellungen nicht sehenswert". Die Regierung und regierungsnahen Intellektuellen Ungarns seien – so Forgách sehr gegen das Theater, was er schätzt – von Regisseuren wie Viktor Bodó, Béla Pintér, Kornél Mundruczó und Árpád Schilling. Ein Grund dafür, dass diese inzwischen vor allem im Ausland erfolgreich sind.

Hoffnung machen András Forgách vor allem die kleineren unabhängigen Gruppen, die viele Freiheiten haben in ihren Experimenten: "Ich sehe sehr interessante Geschichten in sehr kleinen Theatern mit 80 Zuschauern und nicht 1000 oder 300 – wie ich das sehe: Das Leben geht weiter mit all diesen Schwierigkeiten." 

Das Internationale Theater Festival MITEM in Budapest endet am 29. April 2018. 

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