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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.04.2014

TheaterIm Ring des Rosenkriegs

Pascal Rambert inszeniert am Hamburger Thalia-Theater zum ersten Mal in Deutschland sein "Ende einer Liebe"

Von Alexander Kohlmann

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Anstrengend: Auf der Bühne halten Marina Galic und Jens Harzer einen jeweils einstündigen Monolog.  (Krafft Angerer)
Anstrengend: Auf der Bühne halten Marina Galic und Jens Harzer einen jeweils einstündigen Monolog. (Krafft Angerer)

Pascal Ramberts Liebesabgesang ist keine friedliche Trennung, auch wenn der Titel "Ende einer Liebe" das vielleicht vermuten ließe. Dieses Ende kommt eher einem Kampf gleich. Ein Schlagabtausch zwischen Mann und Frau - der allerdings arg lang geraten ist.

Wer bei dem lyrischen Titel "Ende einer Liebe" an ein sanftes Ausklingen, ein plötzliches Vergehen und an eine Trennung im Frieden gedacht hatte, wurde enttäuscht. Pascal Ramberts Liebesabgesang ist viel mehr ein heftiger Rosenkrieg, der an bekannte Vorbilder wie Michael Douglas und Kathleen Turner im gleichnamigen Film erinnert. Allerdings hat sich Rambert einen theatralen Kunstgriff erlaubt: die Tiraden der Liebenden prasseln nicht gleichzeitig oder im Dialog aufeinander ein, sondern nacheinander. Erst redet der Mann über eine Stunde lang, dann folgt das Rückspiel der Frau.

Nichts kann dabei die Aufmerksamkeit der Zuschauer ablenken. Die Bühne des Thalia-Theater in der Gaußstraße ist leer geräumt. Ein weißer Tanzboden markiert den Ring, Neonröhren hängen von der Decke. Die ehemals Liebenden betreten noch gemeinsam den Raum, bevor jeder von ihnen seine Kampf-Position einnimmt. Zehn Meter voneinander entfernt eröffnet er den Schlagabtausch. Er will sich trennen. Jahrzehnte der schleichenden Unterjochung sind ihm genug. Jens Harzer zeichnet einen Gerne-Groß, der es ihr einmal richtig zeigen will, ausbrechen aus dem Gefühl der Unterwerfung und trotz aller gegenteiliger Beteuerungen nicht verhehlen kann, dass er diese Frau immer noch liebt.

Stumme Anklage des eben noch Partners

Wie Geschosse prallen seine Gemeinheiten auf den Körper der Geliebten ein. Marina Galic steht zehn Meter entfernt und kann nicht sprechen, zuckt zusammen, bäumt sich auf, weint, schreit ohne Laute, erträgt die stumme Anklage des eben noch Partners, der sich plötzlich zum Richter über die gemeinsam verbrachte Zeit aufschwingt.

Nach über einer Stunde folgt das Rückspiel. Jetzt ist sie dran, eröffnet das verbale Gegenfeuer, und lässt den Noch-Ehemann immer kleiner werden. Sie wollte sich nicht trennen, so viel ist deutlich, aber sie steigt in den Ring, aus der Zuneigung wird Vernichtungswille, antike Vorbilder werden zitiert, gebrüllt, "du Arschloch, du". Von der Selbstgerechtigkeit des ausbrechenden Ehemann bleibt nichts mehr übrig, wenn er mit Angst, aber auch Faszination die Furie beobachtet, in die sich seine Ehefrau verwandelt.

Spezielle Geschichte einer Beziehung

Es ist keine generelle Betrachtung verschwindender Gefühle, die Ramberts für die Bühne eingerichtet hat, sondern eine ganz spezielle Geschichte einer Beziehung, die das Thalia-Theater an diesem Abend zeigt. Und doch verknüpft diese Rückschau auf ein gescheitertes, gemeinsames Projekt wohl jeder Zuschauer mit ganz eigenen Lebenserfahrungen, schon weil der Abend in seiner klaren Form keinerlei musikalische oder visuelle Ablenkungen von seinem Sujet bietet.

Das Ganze gerät allerdings doch arg lang, worauf die Geschichte hinausläuft ist schnell klar, als die Frau nach über einer Stunde endlich zu sprechen beginnt, ist viel Aufmerksamkeit bereits im überlangen Monolog des Mannes verloren gegangen. Ohne inhaltlichen Verlust hätten Kürzungen diesem "Ende einer Liebe" sehr gut getan. Die Leistung der Schauspieler allerdings ist überwältigend. Wenn Marina Galic und Jens Harzer beim Schlussapplaus mit schmerzverzehrten Gesicht kaum loslassen können von ihren Figuren, ist zu spüren, wie nahe ein Theater ohne doppelten Boden, ironischer Distanz und den allgegenwärtigen Brechungen auch dem Personal auf der Bühne noch gehen kann: Eine Erfahrung immerhin mit einigem Seltenheitswert im deutschsprachigen Regie-Theater.

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