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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.05.2009

Theater für die Tonne

Christine Eder zeigt mit Helmut Kraussers "Eros" bei den Ruhrfestspielen, wie eine Literaturadaption scheitern muss

Von Stefan Keim

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Die Geschichte einer Obsession vor zeithistorischem Hintergrund: Helmut Kraussers "Eros" ist ein Roman über die deutsche Seele und ihre Deformierungen, hart am Rande zur Kolportage, aber auch vielschichtig, gewaltig, emotional. Ein Leseerlebnis, bei dem sich – je nach Neigung – überlebensgroße Kinobilder einstellen können. Eine Riesenherausforderung für das Theater, denn so ein Stoff ist in ein paar Stunden niemals ganz zu erfassen. Er erfordert einen entschlossenen Zugriff, eine klare Entscheidung, was man auf der Bühne erzählen will.

Christine Eder und die Dramaturgin Katja Friedrich haben den Text auf ein knappes Handlungsgerüst zusammengestrichen. Atmosphäre und Gefühle sind weg, nur das Gerippe der Geschichte ist geblieben. Auf Ledersofas und Ledersesseln lümmeln sich der ein bisschen wie der alte Bernhard Wicki aussehende Wolfram Kunkel und fünf Jungschauspieler herum. Kunkel verkörpert den todesnahen, enorm reichen Unternehmer Alexander von Brücken, der einem Autor – Krausser entwickelt im Buch ein ironisches Selbstporträt – die Geschichte seiner Liebe erzählt. Damit der daraus einen Roman schreibt. Über Jahrzehnte hat von Brücken das Mädchen, das er einst in einer Kiesgrube für 50 Mark küssen durfte, gesucht, beobachtet, aus Bedrängnis gerettet. Doch diese Sofie hat sich nie dem Reichtum in die Arme geworfen, sondern stets ihr Leben weiter geführt. Ein Leben, das sie in die Nähe der Terroristen der 70er-Jahre und später in die DDR führte.

Im Höllentempo jagt das Ensemble des Münchner Volkstheaters durch den Text, lässt kaum Bilder entstehen, albert aufgekratzt herum, tobt über die Sitzgarnitur. Für eine groteske Geschichtsrevue fehlt der Biss, Emotionen sind uncool, eine Auseinandersetzung mit deutscher Identität findet nicht statt. Wenn die Schauspieler nach eindreiviertel Stunden durch die Synopsis gehastet sind, geht das Licht aus, aber sie brüllen in die Dunkelheit hinein, lassen die Scheinwerfer wieder brennen, ziehen sich die Hosen aus und hüpfen herum. Alles gaga, alles balla, halbstarkes Hohlbirnentheater. Falls jemand dem Publikum den Spiegel vorhalten wollte, hat er den Spiegel vergessen.

Gelegentlich blitzt mal eine Ahnung von Talent auf. Xenia Tiling findet als Sofie authentische Töne, Stefan Murr deutet als von Brückens Vertrauter Lukian so etwas wie ein Geheimnis an. In ihm könnte ein interessanter Charakterdarsteller stecken. Wenn er eine Regisseurin findet, die etwas von dem Stoff begreift, den sie inszeniert. Das alles schmerzt besonders, weil Kraussers Roman sogar in dieser Verstümmelung noch zuckt, nicht alles Leben aus ihm vertrieben ist, die Lust, ihn wieder zu lesen und diesen Bühnenmurks zu vergessen, steigt.

Sebastian Baumgarten oder Frank Castorf könnten mit ihren prägnanten Regiehandschriften aus dem Roman bestimmt interessante Abende machen. Manche erfahrenen Adaptionsautoren, vielleicht sogar Krausser selbst, könnten den Stoff für die Bühne bearbeiten. Doch wenn eine eigene Idee fehlt, ist so eine Bearbeitung mehr als überflüssig. Das Volkstheater sollte die Einsicht haben, diese völlig verunglückte Produktion einfach in die Tonne zu kloppen.

Theaterzelt neben dem Ruhrfestspielhaus: 23., 24. Mai, www.ruhrfestspiele.de
Ab 28. Mai im Münchner Volkstheater, www.muenchner-volkstheater.de

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