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Fazit | Beitrag vom 05.11.2018

Theater-Festival in MünchenIm Straßenstaub des Kapitalismus

Von Tobias Krone

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Das Bild zeigt ein Kind, auf dessen Gesicht und Oberkörper Bilder projiziert sind. (©-Clara-Hermans)
„Paradise Now (1968-2018)“ von Fabuleus/Michiel Vandevelde (Clara Hermans) (©-Clara-Hermans)

Der Riss zwischen Arm und Reich in den Städten wird immer größer, auch in München. Hier thematisiert derzeit das Festival "Politik im freien Theater" die gesellschaftliche Spaltung.

Der Kapitalismus und seine Kinder: Längst hat er ihren Spieltrieb und ihren Narzissmus mit Smartphonesucht und Selfiekultur vereinnahmt. Ein Phänomen, das die 13 Jugendlichen der belgischen Theatertruppe "Fabuleus" mit gestenreichen Pantominen auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringen, inklusive einer Reminiszenz an die medialen Bilder von Revolte und Niederschlagung der neueren Geschichte, ehe sie sich dem wilden Reigen des 68er-Klassikers "Paradise Now" ergeben, der in einen Schwall aus Worten mündet.

50 Jahre nachdem das "Living Theatre" seine antikapitalistische Rebellion unters Publikum brachte, versuchen die Jugendlichen nun eine neue Agitation – in direkter Ansprache des Publikums, das in München verhalten reagiert.

Wut, Ohnmacht, Zärtlichkeit

Wut, Ohnmacht, sexuelle Befreiung und Zärtlichkeit. Nachdem die Jugendlichen in virtuoser schauspielerischer Drastik gezeigt haben, was heute im Theater möglich ist, laden sie das Publikum dann etwas sanfter zu sich auf die Bühne ein. Dort proklamiert das Ensemble sein popkulturelles Manifest der Gegenwart.

"Das heißt es, gegenwärtig zu sein – die Gegenwart zu leben, ist die schwierigste Sache für uns", sagen sie. Nur Freude, und nicht das vergebliche Gefühl der Hoffnung könne heute noch dem System des Kapitalismus widerstehen, als ein Verrat an ihm.

So politisch diskussionswürdig diese These ist, so künstlerisch würdig ist die Re-Inszenierung von "Paradise Now" durch die Kids der Generation Smartphone.

Der Kapitalismus und seine Kinder

Verrat am Kapitalismus – als einen solchen könnte man auch Noemi Lakmaiers Performance-Film "One Morning in May" bezeichnen, den die Österreicherin als Teil der Performance-Show "Tender Provocations of Hope and Fear" live kommentiert:

"Menschen starren mich an und Menschen steigen über mich hinweg. Ich höre eine junge Männerstimme, ich bemerke, dass sie mich anspricht: Schleck den Boden, schleck den Boden, du kleine Hure. Schleck den Boden, so wie du meinen Schwanz schlecken willst."

Noemi Lakmaier sitzt im Rollstuhl, sie lebt in Tower Hamlets, einem der ärmsten Stadtteile Londons in unmittelbarer Nähe zur City, wo die globale Finanzindustrie täglich mit Milliardenwerten handelt. Der Film zeigt, wie sie im Hosenanzug einen Tag lang durch die Straßen robbt.

Durch die Straßen robben

"Es ist mir halt wirklich aufgefallen, diese ökonomischen Unterschiede und wie man so schnell von einem zum Anderen gehen kann. Auch wenn man das eigentlich nicht bemerkt. Ja, deshalb wollte ich diese Route auf andere Art erforschen", sagt sie.

Im Straßenstaub des Kapitalismus, kein Bild könnte besser in diese Zeit passen, und auch in München ist es gut platziert. Das Nebeneinander von Immobilienspekulation und der Ausbeutung obdachloser Tagelöhner aus Südosteuropa ist unter den Brücken über die Isar bestens zu besichtigen. Und auch um diesen Osten kümmert sich das Festival.

Immobilienspekulanten und Tagelöhner

Einen Abend später, im lustigen Balkan-Bus:

"Wir fahren jetzt nach Bosnien. Und ähh, das ist, wie Sie wissen, außerhalb der EU. Wenn Sie zufällig Ihre Pässe vergessen haben oder Ihre Ausweise nicht dabei haben, dann kann ein bisschen Geld auch helfen."

In der Performance-Show "Convacatory Conak" fahren die Festivalbesucher im Bus zur Probenhalle der Kammerspiele, wo das österreichische Theaterkollektiv "God’s Entertainment" in ihren Conak – ihre Herberge – lädt. Hier haben sie ein bosnisches Kulissen-Dorf aufgebaut, mit all seinen akustischen Gleichzeitigkeiten. Eine Moschee steht einer Kirche gegenüber.

In einer kleinen Geografielektion erfährt das Publikum, wie unklar definiert die Region im Südosten Europas ist. Das Wort Balkan wird auch im ehemaligen Jugoslawien eher als Schimpfwort gebraucht: "Man kann sagen, Balkan, das sind immer die Anderen."

Leider besteht die weitere Exkursion in das Kunst-Bosnien in den kommenden zwei Stunden aus nicht viel mehr als Sidekicks, wie etwa der Durchsage, dass jetzt die Busse weg sind. Publikum und Darsteller einigen sich bald auf ein Picknick mit Trauben, Brot und Bier von der Bar. Ein inhaltlich dünner Abend voller guter, unausgegorener Ideen.

Info: Das Festival "Politik im Freien Theater" läuft vom 1. bis 11. November 2018 an verschiedenen Aufführungsorten in München.

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