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Fazit | Beitrag vom 11.06.2018

Theaster Gates - "Black Madonna" im Kunstmuseum BaselManifest gegen die Unsichtbarkeit der schwarzen Frau

Von Rudolf Schmitz

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Farbfoto, Portrait eines schwarzen englischen englische Künstlers, Theaster Gates in seiner Installation in Temple Church, Bristol 2015 (Imago/ Zuma Press)
"Kunst ist dann am stärksten, wenn sie auf andere Menschen trifft", sagt der Künstler Theaster Gates. (Imago/ Zuma Press)

Der in Chicago geborene Theaster Gates ist jemand, der die Kunstszene aufmischt und Kunst und Gesellschaft zusammenbringen will. Im Kunstmuseum Basel widmet er sich dem Thema der "Black Madonna".

Viel Chorgesang, viel Gospelmusik, viel Jazz – Theaster Gates macht klar, dass wir in die Welt der Schwarzen Madonna regelrecht eintauchen sollen. Mit seiner Band, den Black Monks of Mississippi, eröffnete er heute seine Ausstellung.

Der Künstler versteht die Ausstellung und das Museum als öffentlichen Probe- und Konzertraum, die Besucher können bei Schallplattenaufnahmen mitwirken oder gemeinsam mit Theaster Gates eine alte Heidelberger Druckmaschine in Gang setzen. Im Hauptraum der Baseler Schau gibt es ein Fotoarchiv mit mehr als 3000 Bildern, die jeder Besucher herausnehmen, betrachten, auf einer entsprechenden Ablage präsentieren kann.

Es sind Fotos schwarzer Frauen, meist aus den 50er- und 60er-Jahren, sie stammen aus dem Archiv der Johnson Publishing Company, die mit ihren Zeitschriften "Ebony" und "Jet" eine selbstbewusste schwarze Kultur propagierte.

"Mit dem Archiv der Johnson Publishing Company versuche ich die Idee zu entfalten, dass wir jeden Tag an einer Schwarzen Madonna vorbeigehen. Sie ist jeden Tag präsent, trägt die Sorgen der Welt, kümmert sich um ihre Kinder – es ist eine Ausstellung aus der Sicht der afroamerikanischen Frau."

Theaster Gates hat dieses Zeitschriftenarchiv aufgekauft, die Fotos zeigen noch Spuren der Bildbearbeitung oder handgeschriebene Editionskommentare. Aus besonders eindrucksvollen Exemplaren hat der afroamerikanische Künstler eine eigene Bildedition gemacht. Es sind Frauen, die afro-amerikanischen Alltag demonstrieren, aber auch emanzipatives, provokantes Verhalten: Posen, die geeignet sind, die schwarze Schönheit zu artikulieren und zu feiern. "Black Madonna" ist ein einziges Manifest gegen die Unsichtbarkeit der schwarzen Frau in der Geschichte der Fotografie und der amerikanischen Kultur.

"The power you do not use, is being used against us. Against me, against you, against our children, against our world".

Clash von weißer und afroamerikanischer Auffassung

Und wenn sich Theaster Gates bestimmter Gemälde aus der Sammlung des Baseler Kunstmuseums bedient, wie der sehr schrägen, geradezu obszönen Maria mit Kind von Maarten van Heemskerck aus dem Jahr 1530, dann geht es um den Clash von weißer und afroamerikanischer Auffassung von "Schwarzer Madonna".

"Diese Madonna symbolisiert den Verfall der Welt. Diese Madonna ist vielleicht zu einem gewissen Anteil schwarz, vielleicht hat es da einen holländischen Reisenden nach Afrika verschlagen. Alles auf dem Bild zeigt den Verfall der Zivilisation. 1530 dachten die Leute, das Ende der Welt ist nah, und genau so ist es heute."

Ein Nachfolger von Joseph Beuys?

Aber Theaster Gates gehört zweifellos nicht zu den Apokalyptikern. Als ehemaliger Community Worker, der in Chicago einem ganzen heruntergekommenen Stadtteil neue Energie einhauchte, indem er zusammen mit den Bewohnern an der Verbesserung der Lebensverhältnisse arbeitete, versteht er Kunst als Mittel zum Zweck. Als Ermutigung, als Aufklärung, als Formulierung sozialer Bedürfnisse mithilfe stimulierender Techniken und Ausdrucksformen. Ein legitimer Nachfolger von Joseph Beuys und seiner Idee der sozialen Skulptur?

"Meine Arbeit ist nicht exakt wie die von Joseph Beuys. Aber ich glaube, Kunst ist dann am stärksten, wenn sie auf andere Menschen trifft. Eine von mir gemachte Skulptur ist erst dann stark, wenn sie jemand aktiviert hat."

Die Ausstellung im Baseler Museum für Gegenwart und im Neubau des Kunstmuseums lässt sich als Archiv vergangener und erneut zu aktivierender Energien begreifen. Mit dem Auftritt eines Gospelchors im Baseler Münster oder Improvisationen des Baseler Jazz Campus im Museum selbst trägt die Baseler Schau zur Erweiterung der Kunstwahrnehmung bei.

"Black Madonna" ist vor allem eine geglückte Hommage an die vielen positiven Energien, die in der Welt so herumschwirren und die man immer wieder dingfest machen muss.

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