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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.02.2021

Thea Dorn: "Trost. Briefe an Max"Die Suche nach Haltung inmitten einer Tragödie

Von Carsten Hueck

Buchcover: "Trost. Briefe an Max" von Thea Dorn (Penguin / Deutschlandradio)
Zwischen Polemik und Pamphlet: Thea Dorns Buch zur Coronapandemie. (Penguin / Deutschlandradio)

Die Mutter ist in der ersten Corona-Welle gestorben. Schreibend setzt sich Thea Dorns Erzählerin mit der eigenen Trauer auseinander. Zugleich ist "Trost. Briefe an Max" eine scharfsinnige Polemik, Kulturkritik und ein Pamphlet in einem.

Wut war schon in Thea Dorns Krimis das zentrale Thema, und Wut durchzieht grell auch die 170 Seiten ihres neuen Buches, gibt der Geschichte ihre Schubkraft. Die spielt zwischen Mai und August des vergangenen Jahres und ist formal schlicht gestrickt: Johanna, die in einer Berliner Zeitungsredaktion arbeitet, ist die Mutter gestorben. Gleich zu Beginn der ersten Coronawelle fuhr die lebenslustige Schauspielagentin noch nach Italien, rief aufgekratzt die Tochter an, schwärmte davon, wie leer die Uffizien seien. 

Danach Grappa im Restaurant, Besuch bei einem alten Schauspielerfreund. Dann ging alles schnell, erste Symptome auf der Rückfahrt, Krankenhaus, Besuchsverbot für die Tochter. Sie darf ihre Mutter nicht mehr sehen. Der Leichensack kann nicht geöffnet werden, die Beerdigung findet unter Bedingungen des Social Distancing statt.

Kokett, aufgebracht, klug

Johanna ist untröstlich, hin-und hergerissen zwischen Wut, Empörung und Trauer. "Distanztheater" und "Hygienehirten" und "Seuchenrittmeister" findet sie angesichts ihrer Situation völlig unangemessen. Von all dem berichtet sie per Brief ihrem alten Philosophieprofessor, der von einer Ägäisinsel zurückschreibt. Ganz mäeutisch, jeweils nur eine lakonische Frage auf einer Postkarte mit ausgewähltem Bildmotiv. 

Schnell lässt sich Johanna zum Denken verleiten, widerspricht, ist patzig, kokett, aufgebracht, klug, vor allem leidenschaftlich. Man kann in diesem Buch scharfem, engagiertem Denken zusehen und sich freuen, wie eine Autorin ihrer Ich-Schreiberin Worte in den Text legt, die eine anfangs private Situation aufheben, in eine grundsätzliche, gesellschaftliche Fragestellung überführen und Lösungen eröffnen.

"Trost" ist Polemik und Kulturkritik, Philosophie und Pamphlet in einem – die Suche nach innerer Haltung inmitten einer Tragödie.

Pandemie als Auslöser der Bewusstwerdung

Johanna führt vordergründig einen Dialog mit sich selbst, doch über Dinge, die uns alle betreffen. Die konkrete pandemische Situation ist nur der Auslöser, sich bewusst zu werden, wie wir mit unserem Leben umgehen. Johanna, die beseelte Kämpferin – auch die Heldin in Thea Dorns letztem Roman trug diesen Namen – verzweifelt an dem, was sie umgibt: eine Gesellschaft, der sie Lebensunfähigkeit vorwirft, weil sie permanent versuche, den Tod zu vermeiden und nur auf sich selbst starre. Der Umgang mit der Pandemie ist so nur Symptom einer tiefersitzenden Krankheit.

Es ist tatsächlich Trost, dass Johanna nicht aufgibt, widerborstig ist, angriffslustig. Sie findet sich nicht ab mit den Verhältnissen, kämpft mit Geist und Worten, lässt aber Widersprüche zu. Zitiert Heine und Gryphius, examiniert Platon und Seneca. Und findet am Ende tatsächlich eine Möglichkeit, ihr Leben zu ändern.

Thea Dorn: "Trost. Briefe an Max"
Penguin Verlag, München 2021
169 Seiten, 16 Euro

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