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Zeitfragen | Beitrag vom 19.11.2020

"The Mutant Project" von Eben KirkseyKrimi um die Crispr-Cas9-Babys

Von Julia Diekämper

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Eine Illustration zeigt Doppelhelix DNA mit modifizierten Genen. (Symbolbild) (imago images / Science Photo Library)
Eingriff ins menschliche Erbgut: "Crispr ist so neu, dass wir neue demokratische Experimente brauchen", sagt Eben Kirksey. (imago images / Science Photo Library)

In China verändert ein Wissenschaftler das Erbgut zweier Kinder, um sie vor HIV zu schützen. Der Fall löst weltweit Kontroversen aus. Diese spannende politische und soziale Geschichte erzählt der Anthropologe Eben Kirksey in „The Mutant Project“.

"Menschen prägen seit Jahrzehnten die Evolution", sagt Eben Kirksey. "Der heutige Mensch ist ja ein Produkt der modernen Wissenschaft, also der Chemie, der Biologie, der Robotik und der Informatik. Wir haben das alles kreiert, aber es hat uns und alles unnatürlich gemacht: Wir haben industrielle Ökosysteme, Kapitalakkumulation oder Umweltverschmutzung. Das gehört alles dazu, wenn wir davon reden, was es bedeutet, heute Mensch zu sein."

Ich treffe Eben Kirksey im Berliner Museum für Naturkunde, im Saal "Evolution in Aktion". Ein passender Ort, um mit dem Anthropologen über die Zukunft der menschlichen Natur zu sprechen: Über die Genschere Crispr-Cas9 und ganz konkret über Lulu und Nana, diese beiden Kinder, deren CCR5-Gen der chinesische Wissenschaftler He Jiankui ausgeschaltet hat, um sie so vor einer HIV-Infektion zu schützen.

Als wissenschaftliches Roadmovie erzählt

Dieser Eingriff ins menschliche Erbgut, für Kirksey war das der Startpunkt eines nun als Buch erschienenen wissenschaftlichen Roadmovies entlang des Topos vom Menschenmachen.

"Dr. He hatte einen Hammer und er suchte nach einem Nagel", erklärt er. "Bei der Auswahl des CCR5 handelt es sich also in Wirklichkeit um eine soziale Geschichte. Aber auch um eine politische."

Und genau diese Geschichte, die soziale und die politische, erzählt Eben Kirksey. Für sein Buch "The Mutant Project" ist er kreuz und quer durch China gereist, hat Forschungseinrichtungen besucht und mit Forschenden und Politikern gesprochen.

Er trägt Schicht für Schicht ab, um ein global verflochtenes Netz freizulegen und aufzudecken, inwiefern Technologien weniger einem primär medizinischen - also der Therapie der HIV Erkrankung - sondern vielmehr einem sozialen Problem dienen.

"HIV geht dort mit einem extremen sozialen Stigma einher"

"Im Grunde ist HIV eine Krankheit, die mit wenigen ernsthaften lebensbedrohlichen Problemen einhergeht und die gut behandelt werden kann, auch in China", sagt Eben Kirksey. "Aber HIV geht dort mit einem extremen sozialen Stigma einher. Für Menschen, die mit dem Virus leben, ist es daher schwer, eine Anstellung oder einen Ehepartner finden. Und so ist dieses Experiment mit dem ersten Einsatz von Crispr in der Reproduktionsmedizin eigentlich ein Ergebnis dieser komplizierten politischen Dynamik und der sozialen Stigmatisierung."

Das Labor suchte über den Anbieter WeChat nach Ehepaaren mit einem HIV-positiven Mann und einer HIV-negativen Frau. Innerhalb weniger Tage nach der ersten Werbung für das Experiment wurde das Labor von Freiwilligen förmlich überrannt. Kein Wunder, wie der Amerikaner in seinem Buch erkundet.

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Denn in China gilt ein Kind als Ausdruck einer legitimen heterosexuellen Beziehung. Und es ist für homosexuelle Männer, die in einer heterosexuellen Beziehung leben, gerade auch wegen der restriktiven Sexualpolitik von besonderem Interesse.

Vor diesem Hintergrund sieht Eben Kirksey in dem spektakulären Aufstieg He Jiankuiis und seinem nicht minder spektakulären Fall keineswegs das Bild eines verrückten Wissenschaftlers. Nein, He Jiankuiis hatte die Technik, die Zielgruppe und es gab ein politisches Interesse.

"Ich sehe das als ein nationales Programm Chinas an, das die westliche Moderne erschüttern soll", sagt Eben Kirksey. "Es ist ein explizites politisches Programm des Präsidenten Xi Jingping, denn in der China-Dream-Politik geht es darum, eine führende Rolle in Wissenschaft und Technologie zu übernehmen. Es gibt also intensive Debatten in China und es gibt intensive internationale Kontroversen, und ich glaube, deshalb ist er im Gefängnis gelandet."

Eingriff in menschliches Erbgut war politisch gewollt

Es war also politisch gewollt, dass dieser junge, unter anderem an der Universität Stanford ausgebildete Wissenschaftler, sich an die Veränderung des menschlichen Erbguts gemacht hat. Auch wenn He Jiankuiis zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Mittlerweile sind Eben Kirksey und ich in der Nasssammlung des Naturkundemuseums angekommen. Regale voller Tierpräparate in Gläsern in einem Gemisch aus Alkohol und Wasser. Vor einem Fisch bleiben wir stehen.

"Es ist relativ simpel, einen Menschen zu erschaffen, der unter UV-Licht grün leuchtet, wissen Sie", sagt der Anthropologe. "Das ist bei verschiedenen Tierarten immer und immer wieder gemacht worden. Der Leuchtfisch zum Beispiel, den man heute in Tierhandlungen kaufen kann. Man nimmt einfach ein Gen von einer Qualle und setzt es in Menschen ein, tatsächlich gibt ganz unterschiedliche Farben, die man auswählen kann."

Erleuchtete Menschen? Klingt verrückt. Aber das, was wir ästhetisch präferieren, ist natürlich tief verwurzelt in dem, was eine Gesellschaft als "normal" erachtet.

"Wer also als normal gelten darf, welche Arten von biologischer Vielfalt wir schätzen, das sind ganz subjektive Urteile, und wir müssen sorgfältig darauf achten, wie diese Technologie diese Urteilsfindung gestaltet."

"Partizipative Wissenschaft ist ein interessanter Weg"

In Eben Kirkseys Buch entsteht die wirkliche Bedeutung der Crispr-Technologie durch das Geflecht aus politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

"Deshalb erzähle ich die Geschichte von Crispr neben der Geschichte der kostspieligen Kosmetikindustrie", erklärt er. "Die Klinik, die Dr. He die ethische Erlaubnis für dieses Experiment gegeben hat, verfügt über einen sehr hochkarätigen Salon für medizinische Schönheitspflege, der kunstvoll asiatische Augenlider entfernt oder Hautaufhellungen durchführt. Also alles Dinge, die etwas damit zu haben, wie man sich Ethnie vorstellt."

Wer aber darf entscheiden, welche Gene gut und welche schlecht sind, und welche den kommenden Generationen mit Hilfe moderner biologischer Techniken einprogrammiert werden sollten?

Wenn Wissenschaft und Politik über gesellschaftliche Teilhabe mitentscheiden, leitet sich hieraus für Eben Kirksey eine notwendige Verpflichtung ab:

"Ich denke, partizipative Wissenschaft ist ein interessanter Weg, um Menschen dazu zu bringen, auf andere Weise über die Möglichkeiten von Crispr zu sprechen und nachzudenken. Und Crispr ist so neu, dass wir neue demokratische Experimente brauchen, um herauszufinden, wie wir diese Technologie beherrschen wollen."

"The Mutant Project" von Eben Kirksey ist bisher noch nicht in deutscher Sprache erschienen.

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