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Tonart | Beitrag vom 31.05.2018

"The Future and The Past" von Natalie PrassFunky Disco-Beat mit ernsten Themen

Von Mathias Mauersberger

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Natalie Prass bei einem Konzert in London (imago/PA Images)
"Ich wollte Songs veröffentlichen, die zur politischen Lage in den USA Stellung beziehen", sagt Natalie Prass. (imago/PA Images)

Als politische Künstlerin war Natalie Prass bislang nicht bekannt. Ihr erstes Album wurde für den magischen Country-Soul gelobt. Auf ihrem zweiten Album entdeckt die Sängerin nun politische Themen, tanzbare Grooves und ein neues Selbstbewusstsein.

"Der Albumtitel ‚The Future And The Past‘ fasst alles zusammen, was ich als Künstlerin bin. Ich liebe Musik aus der Vergangenheit, lege aber auch Wert auf einen zeitgemäßen Sound. Gleichzeitig drückt der Titel aus, wo wir in den USA gerade stehen. Wir schauen wie benommen zurück. Und wir blicken in die Zukunft und wissen nicht, wohin die Reise geht."

In Glitzerschuhen und einem grün-weißen Jumpsuit tanzt Natalie Prass durch eine menschenleere Parkanlage. Auf einem knallbunten Stehkarussell beginnt sie, sich immer schneller im Kreis zu drehen. Die erste Minute des Musikvideos zu "Short Court Style", der ersten Single aus Natalie Prass neuem Album, wirkt wie eine Sequenz aus einem modernen Musical. Aber hinter der farbenfrohen Fassade und dem funky Disco-Beat verbergen sich ernsthafte Themen.

Songs aus der Schockstarre

"Ich hatte bereits ein ganzes Album fertig geschrieben, der Aufnahmetermin wurde allerdings immer wieder verschoben. Im November 2016 fanden dann die Präsidentschaftswahlen statt. Und dieses Mal war ich es, die den Aufnahmetermin nach hinten verlegte. Denn ich wollte Songs veröffentlichen, die zur politischen Lage in den USA Stellung beziehen."

Nach dem überraschenden Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus schrieb Natalie Prass den Großteil ihrer bereits fertigen Stücke um. Im Studio ihres langjährigen Freundes und Produzenten Mathew E. White in Richmond, Virginia nahm sie zwölf Songs auf, die vor allem von der Schockstarre der Post-Obama-Ära geprägt sind.

"Das Eröffnungsstück ‚Oh My‘ drückt aus, wie verärgert ich damals war. Ständig passierte etwas Neues, das noch unglaublicher war als das, was kurz vorher auf den Titelseiten stand. Es geht in dem Song um die Erderwärmung. Aber vor allem um die Rolle der Medien, die mit ihren Nachrichten und Meldungen einfach eine unglaubliche Macht haben."

"Ich kann nicht glauben, was ich lese. Ist es wahr oder ist es nur Panikmache?" Das fragt Natalie Prass in "Oh My" und singt anschließend von den Folgen des Klimawandels: den bedrohten Bienen, den sterbenden Bäumen, der zunehmenden Hitze. Aber nicht nur für Klimaschützer sei die Wahl Donald Trumps eine schlechte Nachricht. Auch für Frauen, Mütter, Frauenrechtler.

Tanzbare Gesellschaftskritik

"In ‚Sisters‘ wollte ich Themen behandeln, die in den USA vor allem für Frauen ein Problem sind: den bezahlten Mutterschutz, der nur für sehr Wenige zugänglich ist. Die mangelnden Sozialleistungen, gerade für Alleinerziehende. Im Refrain wiederum singe ich davon, dass Frauen zusammenhalten - und sich gegenseitig stärken sollten. Denn nur dann können wir in diesem Land und auf der Welt etwas verändern."

"Viel Gospel" habe Natalie Prass während der Aufnahmen gehört. Aber auch alten Soul und R‘n’B: "This Is My Country" von The Impressions und "Songs In The Key Of Life" von Stevie Wonder. Ähnlich wie diese Klassiker ist auch "The Future and the Past" eine Aufnahme, die Gesellschaftskritik mit Eleganz, Lebenslust und Tanzbarkeit vereint. Und sich damit erfrischend vom oft ernsten Duktus des Polit-Pop abhebt. Natalie Prass ist von der Folk-Sängerin zur selbstbewussten Disco-Queen geworden. Und steht gleichzeitig in der Tradition großer, feministischer Künstlerinnen.

"Von den Frauen, die mich beeinflusst haben, ist sicherlich Janet Jackson die Wichtigste. Eine sehr politische Sängerin. Oder Joni Mitchell, die sich nie für irgendwas entschuldigte, sondern ihre Kunst immer an erste Stelle setzte. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der der Mann das Sagen hatte und nie infrage gestellt werden durfte. Das hat mich sehr wütend gemacht. Feminismus ist also eine starke Triebfeder für mich, als Mensch und als Musikerin."

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