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Tonart | Beitrag vom 14.08.2019

"The Center Won't Hold" von Sleater-KinneyDie ehemaligen Riot Grrrls sind erwachsen geworden

Von Torsten Hempelt

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Sleater Kinney spielen auf der Bühne mit zwei Gitarren und Schlagzeug (Jason Williamson)
Zwei Gitarren, kein Bass und jetzt auch ohne Schlagzeugerin: Sleater-Kinney. (Jason Williamson)

Zum 25-jährigen Bandbestehen bringen Sleater-Kinney ein neues Album heraus: "The Center Won't Hold" ist eine Entdeckungsreise an bisher unbekannte Orte, mit untypischen Tönen und einer düster-angespannten Stimmung. Ein mutiges Album.

Zwei Gitarren, zwei Stimmen und ein Schlagzeug – das sind Sleater-Kinney. Oder das waren sie zumindest. Doch dazu später mehr. 1994 gegründet von Carrie Brownstein und Corin Tucker – das sind die Stimmen und Gitarren –, 1996 komplettiert durch die Schlagzeugerin Janet Weiss, war das basslose Trio eine der wichtigsten und erfolgreichsten Bands der sogenannten "Riot Grrrl"-Bewegung.

Zwischen 2006 und 2015 lagen Sleater-Kinney auf Eis und erlebten bei ihrer Rückkehr etwas, das man vielleicht das "Pixies-Phänomen" nennen könnte: Dank der in der Abwesenheit stattgefundenen Legendenbildung waren die Konzerthallen nun größer, die Chartplatzierungen höher als vorher.

Zwischen Dekonstruktion und Neuerfindung

Doch es ihren Fans und sich selbst deshalb allzu bequem zu machen, ist die Sache von Sleater-Kinney nicht. Und so grenzt ihr Ansatz für "The Center Won't Hold", das zweite Album seit der Wiedervereinigung, an Dekonstruktion, ist mindestens Neuerfindung. Zu diesem Zweck hat die Band sich Annie Clark als Produzentin ins Boot geholt, besser bekannt als St. Vincent. Damit füllt nicht nur erstmalig eine Frau diese Position aus, sondern zudem eine Musikerin – und zwar eine, die das Experiment nicht scheut, wie Gitarristin und Sängerin Carrie Brownstein erklärt:

"Wir wollten niemanden, der uns mit Samthandschuhen anfasst oder eine Art 'reine' Version von Sleater-Kinney bewahren will – nach dem Motto: 'Oh, wir stellen euch drei einfach ins Studio und nehmen alles live auf." Das haben wir doch schon gemacht! Wir wollen Risiken eingehen, herausgefordert werden. In der Vergangenheit war die Arbeit an einer Platte eher ein Prozess der Dokumentation, diesmal ging es auf Entdeckungsreise."

Ein Eingeständnis von Verzweiflung

Diese Entdeckungsreise hat Sleater-Kinney offenbar an bisher unbekannte Orte geführt – wie nicht nur diese schroffen, für die Band eher untypischen Töne belegen, die das Album eröffnen und zu dessen pessimistisch wirkenden Titel passen: "The Center Won't Hold" – die Mitte wird nicht standhalten. Laut Brownstein Eingeständnis von Verzweiflung angesichts der derzeitigen allgemeinen Situation, aber auch Ausdruck einer kleinen Hoffnung auf Verbesserung.

So ist die Atmosphäre auf "The Center Won't Hold" über weite Strecken angespannt und/oder düster. Weiter als je zuvor wagen sich Sleater-Kinney aus ihrer klanglichen Komfortzone heraus, versetzen ihre Songs mit elektronischen Elementen, verfremdeten Klängen und Störgeräuschen. Sie besingen Isolation im Zeitalter der absoluten Vernetztheit, und im klagenden Schluss-Song "Broken" beschreibt Corin Tucker, wie es sich angefühlt hat, die Anhörung von Christine Blasey Ford zu den Missbrauchsvorwürfen gegen den jetzigen Supreme Court-Richter Brett Kavanaugh mitzuverfolgen – ein aus tiefster Seele kommendes "Me Too" inklusive.

Und mittendrin in all dem der Hoffnungsschimmer: Ein übersprudelnd melodiöses Lied, kurz und knapp "Love" betitelt, feiert die bisherige Geschichte von Sleater-Kinney und beinhaltet die vielleicht zentrale Zeile des Albums: "There's nothing more frightening and nothing more obscene than a well-worn body demanding to be seen." ("Es gibt nichts Furchteinflößenderes und Obszöneres, als einen vom Leben gezeichneten Körper, der verlangt, gesehen zu werden.")

Die ehemaligen Riot Grrrls sind erwachsen geworden, was für Frauen im Showgeschäft, zu dem ja auch die Musik gehört, immer noch eine schwierige Sache ist – und präsentieren sich trotzig genau so, wie sie sind. "Wir hatten tatsächlich seit 20 Jahren kein Foto mehr von uns auf einem unserer Album-Cover. Die meisten Leute zeigen ihre Gesichter und Körper dort gerne, wenn sie in ihren Zwanzigern sind. Wir haben uns entschieden, damit zu warten, bis wir alle über 40 waren – als ein seltsamer Akt des Widerstandes, als eine kleine Grenzüberschreitung."

"The Center Won't Hold" ist ein gutes und mutiges Album – doch mischt sich in die Freude darüber ein Wermutstropfen mit unbestreitbar ironischer Note: Janet Weiss, die Schlagzeugerin, die nicht nur auf der Bühne im Zentrum stand, sondern auch die musikalischen Erkundungsreisen ihrer beiden Mitstreiterinnen rhythmisch zusammenhielt, gab wenige Wochen vor Veröffentlichung im knappen Rahmen einer Twitterbotschaft ihren Ausstieg bekannt.

Ein schwerer Schlag, auf den viele Fans enttäuscht, manche beinahe aggressiv reagierten – ebenso wie auf die neue musikalische Ausrichtung. Auch Carrie Brownstein und Corin Tucker zeigten sich erschüttert und tun sich immer noch schwer, Worte zu finden. Doch eins scheint klar: Dies ist nicht das Ende von Sleater-Kinney.

Denn obwohl sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr romantisch verbandelt sind (was ohnehin nur eine kurze Episode war), kann man das, was die beiden verknüpft, sicher eine Art von "Liebe" nennen – schließlich tun sie es ja auch, in besagtem Song namens "Love".

Das Album "The Center Won't Hold" erscheint am 16. August.
Im Frühjahr 2020 kommen Sleater-Kinney auf Deutschland-Tour.

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