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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.06.2016

ThailandDie "rigideste und die schlimmste" Militärdiktatur

Holger Senzel im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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König Bhumibol herrscht seit 70 Jahren über Thailand. (picture alliance/ANN)
König Bhumibol herrscht seit 70 Jahren über Thailand. (picture alliance/ANN)

Elefantenreiten, billige Restaurants und wunderschöne Traumstrände - so präsentiert sich Thailand den Touristen. Dass die Bevölkerung unter der eisernen Knute einer Militärdiktatur leidet, bleibt den Besuchern hingegen verborgen.

Korbinian Frenzel: Wenn man die letzte Woche Revue passieren lässt, die ersten parteipolitischen Spielereien um das Bundespräsidentenamt, da könnte man durchaus Sympathien für die gute alte Monarchie entdecken. Da stellen sich solche Fragen nicht, zumindest über sehr lange Zeiträume. Beispiel Thailand. Heute feiert dort der König sein 70. Thronjubiläum. Am 9. Juni 1946 kam König Bhumibol auf den Thron. Da gab es die Bundesrepublik noch nicht einmal. Wir wollen jetzt aber nicht die Monarchie feiern, sondern diesen Tag zum Anlass nehmen, nach den politischen Verhältnissen in Thailand zu fragen. Verbunden bin ich dazu mit unserem Südostasien-Korrespondenten Holger Senzel. Herr Senzel, Rothemden, Gelbhemden, diese Auseinandersetzung hat es vor zwei Jahren auch hier regelmäßig in die Schlagzeilen geschafft. Das Ergebnis war eine Machtübernahme durch das Militär. Wie geht es dem Land seit diesem Putsch?

Holger Senzel: Es herrscht eine vordergründige Ruhe im Karton, kann man sagen, und unter dieser Monarchie von König Bhumibol besteht eine handfeste Militärdiktatur unter diesem General Prayut Chan-o-cha. Der hat damals in diesen Streit eingegriffen zwischen Rot- und Gelbhemden, die Sie erwähnt haben, weil er gesagt hat, wir haben jetzt die Nase voll von diesen ewigen Kämpfen. Wir sorgen jetzt für Ruhe, und dann werden wir in kürzester Zeit Wahlen installieren. Die hat es nicht gegeben, stattdessen hat das Militär seine Macht immer weiter ausgebaut. Wir haben jetzt so eine Art Militärrecht in Thailand, das heißt, die Presse ist gleichgeschaltet. Es sind eine Menge Journalisten nach vielen Jahren entlassen worden. Die mussten Verpflichtungen unterschreiben, sich an keiner Protestbewegung zu beteiligen, weil ansonsten ihr Vermögen eingefroren wurde. Es sind viele Leute verhaftet worden, ohne Haftbefehl, ohne richterliche Anordnung, weil sie Kritik geübt haben. Es sind Leute ins Gefängnis gekommen, die auf Facebook Fotos gepostet haben mit einem roten Luftballon. Der rote Luftballon erinnerte nämlich an die Rothemden, das waren die Gegner der damaligen Regierung. Also das politische Leben, kann man sagen, ist zum Erliegen gekommen, auch wirtschaftlich geht es dem Land schlecht. Das ging es diesem Land aber vorher auch schon. Es bewegt sich nicht viel. Investoren meiden Thailand, weil die Situation sehr instabil ist. Der General Prayut Chan-o-cha verspricht immer wieder, ja, wir werden für Frieden sorgen, es wird Wahlen geben. Aber bislang ist nichts passiert, und das, was Menschenrechtsaktivisten fürchten, ist eigentlich, dass General Prayut Chan-o-cha zu viel Gefallen gefunden hat an der Macht. Er trägt jetzt auch keine Uniform mehr, sondern Zivilkleidung, und dass er diese Macht eher etablieren, eher stabilisieren wird. Es gab viele Militärdiktaturen ja in Thailand in den vergangenen Jahrzehnten, aber diese, das muss man sagen, ist wirklich die rigideste und wirklich die schlimmste.

Ein brüchiger Frieden

Frenzel: Regt sich denn dagegen Widerstand, spürbarer, sichtbarer Widerstand?

Senzel: Jain. Es gibt politische Gruppen, die Widerstand leisten, die aber auch immer weniger werden. Ich habe zum Beispiel mit Studenten an der Uni gesprochen, die sagten, sie hatten im Jura-Seminar mal die Verfassung, die neue Verfassung unter der Militärregierung unter die Lupe genommen und darüber diskutiert. Und da kam dann ganz schnell der dezente Hinweis, wenn ihr keine Schwierigkeiten haben wollt, dann lasst das lieber. Also, es ist eher so, dass dieser politische Widerstand langsam einschläft, weil die Leute ermüdet sind, weil die Leute merken, dass es wenig Zweck hat und dass man aber auf der anderen Seite aber in diesem Land relativ gut leben kann und wenig spürt von dieser Militärdiktatur, wenn man sich nicht politisch besonders präsentiert. Es gibt sogar auch Leute, die sagen – habe ich auch getroffen in Bangkok auf den Straßen –, die sagen, es ist doch sehr viel besser jetzt hier. Wenn wir an diese ganzen Auseinandersetzungen denken, Rothemden, Gelbhemden, es gab Tote, es gab Kämpfe. Im Moment herrscht Frieden. Aber die Frage ist, wie lange das dauert und ob eine Mehrheit der Thailänder irgendwann doch – es ist ein sehr geduldiges Volk, aber irgendwann bricht womöglich der Bann, und dann wird es neue Gewalttätigkeiten geben. Auch damit rechnen Politologen und Beobachter.

Frenzel: Also bisher eine gespenstische Ruhe in Thailand für die einheimische Bevölkerung. Gilt das auch für den ja wichtigen Tourismus in Thailand?

Senzel: Ja, das kann man sagen. Wenn Sie als Tourist nach Thailand fahren an die Touristenorte, dann werden Sie nichts mitbekommen von dieser Militärdiktatur. Dort tobt das Leben in den Touristenzentren weiter. Es ist bunt, es ist lebendig, es gibt die touristischen Attraktionen, Elefantenreiten und Restaurants und wunderschöne Traumstrände. Als Tourist werden Sie davon nichts mitbekommen.

König Bhumibol hält sich bedeckt

Frenzel: Kommen wir noch mal kurz auf den König. Der ist ja der Anlass für unser Gespräch. 88 Jahre ist er immerhin schon alt. Spielt er eigentlich überhaupt noch irgendeine Rolle?

Senzel: Das hätte ich auch gern gewusst. Das Interessante ist: Wann immer Sie Leute, die sich politisch engagieren, die sich ansonsten auch sehr weit hervorwagen und die Militärregierung kritisieren, wenn man die fragt, was spielt der König eigentlich für eine Rolle, heißt es: Dazu sage ich nichts. Das habe ich ungefähr achtmal in mein Mikrofon gesagt bekommen, dazu sage ich nichts, weil jegliche Äußerung, die als Kritik oder Beleidigung des Königs gewertet werden könnte, dazu führt, dass Sie 15 Jahre im Gefängnis eingesperrt werden können. Das nutzt auch die Militärregierung. Insofern ist unterschwellig natürlich schon die Kritik des Königs Bhumibol, der sich gemein macht - das ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, aber dass er eine andere Rolle spielen könnte. Dass er sich klar positionieren könnte, weil sein Wort eben doch Gewicht hat. Aber auf der anderen Seite, er ist eben 88 Jahre alt, und niemand weiß im Prinzip, wie viel bekommt er noch mit, wie sehr ist er noch involviert außerhalb seines Produktes, künstlich Wetter zu machen. Das weiß man nicht, weil er in der Öffentlichkeit im Prinzip so gut wie nicht stattfindet.

Frenzel: Heute feiert er auf jeden Fall sein 70. Thronjubiläum. Holger Senzel war das live. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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