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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 24.08.2018

Textil contra FKKDie Rückkehr der Schamhaftigkeit

Von Dieter Bub

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Nackte Schwimmer gehen am Ostseestrand ins Wasser. Zwei Surfer schauen ihnen zu. (Zentralbild)
Beäugte Minderheit? FKK-Anhänger am Ostseestrand von Prerow. (Zentralbild)

Zu DDR-Zeiten stürzten sich die Ostsee-Urlauber nackt in die Meereswellen. Heute werden FKK-Anhänger mehr und mehr zur Minderheit. Eine verblüffende Schamhaftigkeit hält Einzug. Dieter Bub über einen Ost-West-Konflikt am Badestrand.

Einem dreijährigen Mädchen wird von seiner Mama neben einer kleinen Badehose zusätzlich ein Oberteil angezogen. Und auch der kleine Bruder wird unten herum hinter einem großen Badetuch bekleidet, damit niemand an seinem Pullermann Anstoß nimmt. Szenen wie am Sabinen- und Oberuckersee, sie sind seit kurzem überall zu beobachten. Auch immer mehr Erwachsene tragen zum Schwimmen Textil – und wir, die FKK-Anhänger, geraten als Einzeltäter allmählich in die Minderheit. Unter uns fangen einige bereits an sich zu genieren. Für den Notfall mit Badehose ausgestattet.

Die Textilindustrie hält Einzug

Die Freikörper-Kultur war in der DDR überall selbstverständlich. Sie gehörte an den Stränden der Ostsee über weite Küstenabschnitte einfach dazu, viele Jahre auch nach der Einheit.

Nachdem die Seen Brandenburgs immer stärker von den Wessis aus Berlin und Hamburg entdeckt und genutzt werden, hat die Textilindustrie mit neuen Bademoden die gesamte Republik zwischen Sylt und Bodensee erobert. Ein Siegeszug, der nicht nur steigenden Umsatz bedeutet, sondern zugleich Ausdruck einer Rückkehr zu verblüffender Schamhaftigkeit signalisiert. Frau trägt Badeanzug, Mann Badehose, die bis zum Knie reicht.

Westliche Prüderie und Biederkeit?

Solche Biederkeit hatte in der alten Bundesrepublik Tradition. Es gab seit Gunter Sachs die frivolen Nackten von Sylt, mit denen der "Stern" regelmäßig das Sommerlich aufpeppte und Spekulationen anstellte. Wer FKK wollte, reiste mit einem Spezialanbieter ins Ausland. Erst allmählich wurden zum Beispiel auf den Nordseeinseln neben Hunde- auch kleine FKK-Strände ausgewiesen.    

Solche Prüderie war im Osten fremd. Nach ersten Bedenken der Parteiführung war FKK in den 50er-Jahren zur Massenbewegung von Hunderttausenden geworden, zunächst an den Stränden der Ostsee, später überall in der DDR. Gründe dafür waren sicher Emanzipation und Gleichberechtigung selbstbewusster Frauen. Ohne Verklemmung. 

Eine kleine Freiheit am Ostseestrand

Beim FKK wurde immer kräftig gefeiert – auch wenn zu jener Zeit vor der DDR-Küste Boote der NVA patrouillierten. SED-Anhänger, Künstler wie Kritiker der DDR – hier waren sie alle nackt, redeten unverblümt miteinander, so war FKK im Land der Begrenzung und Überwachung für ein paar Wochen eine kleine Freiheit.

In den beinah 40 Jahren DDR waren die Unterkünfte an der Ostsee als begehrtes Ziel Mangelware. Seit 1990 hat sich das geändert. Jetzt kann hier zelten und campen, wer will. Mit Erschrecken müssen die FKK-Anhänger am berühmten Nacktstrand von Prerow heute feststellen: Selbst hier tauchen, wie selbstverständlich, sogenannte "Textiler" auf, die in dieser Region nichts zu suchen haben.

"Textiler" übernehmen den Strand

Die "Textillosen" sind sich sicher, wo diese Störenfriede herkommen. Für sie sind es meist "Wessis" mit ihren teuren Caravans, unter denen so manche die Nackten als anstößig empfinden.

Für den Trend zu neuer Verhüllung überall in Deutschland mag es heute mehrere Gründe geben: einmal eine geschickte Werbung der Textilindustrie und auch die Rückkehr zu einer neuen Sittsamkeit in Zeiten der MeToo-Debatte, in der Spießigkeit auch Sicherheit vor übler Nachrede bietet.

So bleiben die Alten an der Ostseeküste und an den Seen Brandenburgs unter sich, pflegen ihre vertraute Gemeinschaft und stürzen sich mit Lust in die Wellen. Nein, das ist keine Geschichte für das Sommerloch, sondern auch ein Ost-West-Konflikt, 30 Jahre nach der Einheit.

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