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Studio 9 | Beitrag vom 14.11.2018

Terrormiliz Islamischer StaatWenn Eltern ihre Kinder an den "Heiligen Krieg" verlieren

Von Claudia van Laak

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July 18, 2017. Mosul, Iraq: ISIS fighter is led away after surrendering to Iraqi Army soldiers on July 18, 2017 amid ruins of the Old City. (Imago / Carol Guzy)
Krieg in Syrien: Ein junger IS-Kämpfer wird abgeführt - oft sterben sie für ihren Glauben. (Imago / Carol Guzy)

Immer wieder reisen Jugendliche nach Syrien und in den Irak aus, um sich Terrormilizen anzuschließen - zumeist junge Männer, die in Deutschland radikalisiert wurden. Sie lassen verzweifelte Mütter und Väter zurück, wie diese Geschichte aus Berlin zeigt.

Sie sieht ihren Sohn jeden Tag. Immer, wenn sie ihr Handy in die Hand nimmt, lächelt er ihr entgegen. Ein freundlicher Junge mit dunklen Haaren. Und wenn das Leben wieder schwer wird, weil die Sonne so früh untergeht und der Jahrestag seiner Ausreise nach Syrien näher rückt, dann redet sie mit ihm. Im Geist.

"Ich rede einfach mit Sivan darüber. Und sage, ja, warum kommt er nicht. Dass ich ihn sehr vermisse."

Im Dezember 2014 hat Berivan Arslan – so möchte sie genannt werden – das jüngste ihrer drei Kinder zum letzten Mal gesehen. Sivan stieg in ein Flugzeug nach Istanbul, er wolle seine Großeltern besuchen, erzählte der damals 16-Jährige seiner Mutter.

"Er war ja nicht dumm. Er war schon intelligent und hat alles bewusst gemacht. Aber unser Wort hat nie gezählt. Das hat mich richtig kaputt gemacht."

Sivan Arslan – auch er heißt in Wirklichkeit anders – wächst in Berlin-Tempelhof auf. Seine Mutter kurdisch-, sein Vater türkischstämmig.

Gut in der Schule, beliebt bei Freunden

Ein normaler Jugendlicher, erzählt seine Mutter – gut in der Schule, beliebt bei den Freunden. Der Islam spielt zuhause kaum eine Rolle. Doch Sivan interessiert sich zunehmend für die Religion seiner Großeltern, besucht mit Freunden die Ibrahim-Al-Khalil-Moschee.  

"Wir haben uns dabei eigentlich gar nichts gedacht. Wir haben gedacht, okay, besser als wenn er Drogen nimmt und einen schlechten Weg einschlägt, das war immer dieser Gedanke."

Doch Sivan entgleitet seiner Mutter zunehmend. Bald lässt er sich einen Backenbart wachsen, trägt Pluderhosen, betet zu Hause. Berivan Arslan verzweifelt, sie kann keine Verbindung mehr zu ihrem Sohn aufbauen. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist überfordert:

"Ich hab irgendwann gesagt, ich habe Dich verloren. Und ich heule jetzt schon für Deinen Tod später, so ein Gefühl habe ich. Das war genau einen Monat, bevor er gegangen ist. Das war im November 2014."

Berivan Arslan weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sich in der Ibrahim Al-Khalil Moschee Salafisten und sogar Dschihadisten treffen. Bis zuletzt vertraut sie ihrem Sohn.

Betende Männer in der Ibrahim Al-Khalil Moschee in Berlin-Tempelhof (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Betende Männer in der Ibrahim Al-Khalil Moschee in Berlin-Tempelhof: Unter anderem hier soll sich Sivan radikalisiert haben (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Dass sich Sivan definitiv dem IS angeschlossen hat und nach Syrien in den Krieg gezogen ist, das erfährt sie erst später von einem Freund ihres Sohnes per WhatsApp. Auch der kämpft für den IS.

Für Gerechtigkeit kämpfen

Nachricht: "Er ist gegangen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Für nichts anderes. Und dass ISIS eine Terrororganisation ist, das ist alles Quatsch. Deswegen glaub nicht den Medien, sondern vertrau darauf, dass Dein Sohn weiß, was er tut."

Unzählige Male hat Berivan Arslan diese Nachricht gehört. Äußerlich fast unbewegt, die Hände über dem Bauch gefaltet, lauscht die 45-Jährige der Stimme. Auf ihrem schwarzen Pullover blitzt ein kleines goldenes Herz.

Nachricht: "Er ist nicht gegangen, weil er Euch nicht liebt, oder weil er von Euch weg wollte. Das ist das Schwerste für einen Menschen, von seiner Mutter wegzugehen. Und sie zu verlassen für Allah. Es tut sehr weh. Und genau so hat es ihm auch wehgetan. Aber er weiß, dass es seine Pflicht war."

Sivan antwortet auf keine ihrer vielen Nachrichten. Aber der Freund meldet sich irgendwann wieder. Sie sollten alle zum Islam konvertieren, dann treffe man sich im Paradies wieder, sagt er und überbringt die Todesnachricht.

Der Bomber kam und Sivan ist tot

"Das amerikanische Flugzeug ist gekommen und hat eine Bombe rausgelassen. Und alle sind gestorben. Und Sivan ist auch gestorben. Möge Allah mit ihm barmherzig sein."

Doch: stimmt das überhaupt? Ist Sivan wirklich tot? Oder lügt sein Freund? Niemand weiß es genau.

"Es betrifft mich immer noch. Weil ich auch nicht sagen kann, ist er wirklich gestorben. Man hat immer noch die Hoffnung. Man will es gar nicht so wahrhaben."

"Also das Allerschlimmste, was den Eltern passieren kann, ist wirklich, nicht zu wissen, ob der Sohn oder die Tochter tot ist", sagt Claudia Dantschke. Die Arabistin leitet die Berliner Beratungsstelle "Hayat" – arabisch für Leben. Finanziert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge berät Hayat Mütter und Väter, deren Kinder sich radikalisieren, die sich dem Salafismus zuwenden oder sogar zum Terroristen werden.

Regelmäßig treffen sich bei Hayat Eltern, deren Kinder sich dem IS angeschlossen haben.

"Wir sagen jetzt nicht pauschal, der ist zum IS gegangen, ergo, er ist ein Terrorist. Weil, wir haben auch sehr viele Mädchen dabei, sehr junge Mädchen, teilweise mit 15 ausgereist. Da ist eine gewisse Naivität. Aber die Eltern müssen sich damit auseinandersetzen, dass die Jugendlichen schon wissen, wohin sie gehen. Das ist mein Kind, und ich liebe mein Kind, das dürfen sie auch. Aber die Einstellung, die Handlungen, die daraus folgen, die gilt es zu kritisieren, und da setzen sich die Eltern auch mit auseinander."

Was hat sie falsch gemacht?

Immer wieder fragt sich Berivan Arslan, was sie falsch gemacht hat. Sie blickt auf das Foto ihres verschollenen Sohnes auf dem Smartphone. War sie nicht streng genug?  Hätte sie ihn überhaupt von seinen Plänen abbringen können? Hätte sie die Polizei einschalten sollen?

"Ja, Vorwürfe. Hätte ich mich vielleicht mehr informieren sollen. Hätte ich vielleicht doch mehr kontrollieren sollen. Hätte ich nicht so viel vertrauen sollen."

Mehr zum Thema:

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