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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.03.2016

Terrorismus und Medien"Sie müssen berichten"

Wolfgang Frindte im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Mehrere Kamerateams positionieren sich (picture alliance / dpa / Jeremie Fulleringer)
Kamerateams positionieren sich für eine Medienereignis. (picture alliance / dpa / Jeremie Fulleringer)

Wie sollen Medien über Anschläge berichten? Verstärken sie womöglich die Wirkung des Terrors? Für den Kommunikationspsychologen Wolfgang Frindte steht fest: Terroristen werden sich immer bestätigt fühlen.

Terroristen bräuchten die Medien, weil sie Aufmerksamkeit und Angst erzeugen wollten, sagt Wolfgang Frindte. "Auf der anderen Seite können sich Medien ihrer Verantwortung nicht entziehen. Sie müssen berichten."

Nach Darstellung des Professors für Kommunikationspsychologie in Jena hat dabei die Anzahl von Sendungen, aber auch der Grad der Dramatisierung einen starken Einfluss auf Wahrnehmungen der Terrorbedrohung: "Wird sehr stark dramatisiert, kann es zu Wut führen, und diese Wut (…) führt bei der Bevölkerung dazu, starke Sicherheits- und militärische Maßnahmen gegen den Terrorismus zu befördern."

Jene, die eher Angst vor dem Terrorismus hätten, würden mehr dazu neigen, nach den Ursachen im eigenen Land zu fragen, so Frindte.

In den sozialen Medien überwiegen Beileid und Trauer

Nach den Terroranschlägen in Brüssel beobachtete der Kommunikationsexperte in den sozialen Medien vor allem Beileid und Trauer. Es gebe einige Nachrichten, in denen junge Muslime beklagten, nun würden sie wieder unter Generalverdacht gestellt.

Frindte fand aber auch zustimmende Meinungen von Menschen, die zur radikalen Szene der Muslime gezählt werden könnten.


Das Interview im Wortlaut: 

Korbinian Frenzel: Es sind die Tage der Breaking News, der Brennpunkte, der Sondersendungen. Auch bei uns im Deutschlandradio Kultur haben wir es nicht anders gehalten nach den Anschlägen von Brüssel, weil es ein großes Informationsbedürfnis gibt, wenn Grausames so nah passiert. Aber gleichzeitig schaffen wir Medien damit auch eine Massenaufmerksamkeit für eine Handvoll Täter, für die Terrormiliz, die dahintersteckt, die genau das einkalkuliert. Zwei, drei gezielte Bomben und damit weltweite Aufmerksamkeit. Spielen wir damit den Terroristen ungewollt in die Hände? Diese und andere Fragen gehen an Wolfgang Frindte, er ist Professor für Kommunikationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, guten Morgen!

Wolfgang Frindte: Guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Verstärkt diese mediale Aufmerksamkeit die Wirkung solcher Anschläge?

Frindte: Ja und nein. Das berührt ja die Frage, die Sie ja auch anmoderiert haben: Wie hängen denn nun die Medien mit dem Terrorismus tatsächlich zusammen. Und da gibt es schon sehr unterschiedliche Auffassungen. Kurz nach dem 11. September 2001 sagte damals der Franzose Jean Baudrillard, ein bekannter Philosoph und Soziologe, leider zu früh gestorben, die Medien seien Teil des Terrorismus. Und schon viel länger wird darüber gesprochen, dass es sozusagen eine Symbiose zwischen Medien und dem Terrorismus geben solle. Ich halte davon wenig.

Natürlich ist es so, dass die Terroristen die Medien brauchen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen wollen, weil sie Angst erzeugen wollen. Auf der anderen Seite können sich die Medien aber sozusagen ihrer Verantwortung nicht entziehen. Das heißt, sie müssen berichten, und egal wie sie berichten, es wird immer für die Terroristen eine Gelegenheit sein, sich bestätigt zu fühlen.

Frenzel: Sie sagen, egal wie sie berichten. Aber vielleicht ist das gar nicht so egal? Es gibt gerade heute die aktuelle Mahnung des Journalistenverbandes nach den Eindrücken von gestern, nach vielen Fotos, die wir gesehen haben von Opfern, von Betroffenen, sich da doch zurückzuhalten. Gibt es da Facetten, kann man unterschiedlich damit umgehen?

"Starke Dramatisierung führt zu starker Emotionalisierung"

Frindte: Ja, wir haben ja jetzt beide auch über die Medien gesprochen. Wir müssen natürlich da auch differenzieren. Auf der einen Seite haben wir die klassischen Medien, Fernsehen und Zeitung, auf der anderen Seite die sozialen Medien, Facebook und Twitter. Und da gibt es natürlich auch noch Unterschiede. Wir fanden in den vergangenen Jahren auch immer wieder Unterschiede in der Fernsehberichterstattung bei den Öffentlich-Rechtlichen und bei den Privaten.

Aber was mir sowohl bei den Terroranschlägen in Paris im November aufgefallen ist wie jetzt auch bei den ganz traurigen Ereignissen in Brüssel: Ich denke, die klassischen Medien – und ich rede ja jetzt mit dem Vertreter eines klassischen Mediums – berichten eigentlich in einer durchaus nachvollziehbaren Reihenfolge. Zunächst mal taucht auf, was ist denn passiert, zweitens wer kam zu Schaden und drittens wer hat was getan, also sozusagen an dritter Stelle wird dann über die potenziellen Attentäter berichtet, zumindest über das, was man von ihnen weiß. Also, ich denke, das ist durchaus nachvollziehbar.

Es kommt jetzt darauf an – und das ist ja auch das, was Sie ansprechen –, inwiefern sozusagen in den Berichterstattungen, ob nun per Bild oder per Text, ob nun im laufenden Bild, im Fernsehen oder auf Youtube, wie stark die Dramatisierung der Darstellung ist. Und eine starke Dramatisierung führt natürlich auch zu einer starken Emotionalisierung. Und die kann nun zu zwei Wegen führen: entweder zu Wut oder zu Angst. Und offenkundig zeigen sich eigentlich auch in den Analysen der letzten Jahre folgende Tendenzen: Es ist nicht die Anzahl der Terroranschläge, sondern es sind die so gravierenden Schlüsselereignisse, also wie beispielsweise Paris oder Brüssel, die die Wahrnehmung und auch die, na ja, Bedrohungsängste der Bürgerinnen und Bürger beeinflussen.

Frenzel: Aber ist es vielleicht auch die Anzahl der Sondersendungen, die das beeinflussen? Wenn man den ganzen Tag auf dem Kanal, zu Zeitpunkten, wo, seien wir ehrlich, wir häufig gar keine Fragen beantworten können, sondern eher Fragen stellen, trotzdem Breaking News, 24 Stunden Programm machen, schüren wir damit nicht mehr Ängste, als eigentlich nötig wäre?

"Anzahl der Sendungen hat Einfluss auf die Wahrnehmung der Terrorbedrohung"

Frindte: Ja, sicher. Also, da gibt es tatsächlich ganz gute Hinweise darauf, dass sozusagen die Anzahl der Sendungen bei solchen speziellen und so fürchterlichen Schlüsselereignissen auch wirklichen, starken Einfluss auf die Wahrnehmung der Terrorbedrohung haben, und somit natürlich auch auf die Ängste. Aber was wollen Sie anders machen? Ich denke, es ist die Pflicht auch der verantwortungsvollen Journalistinnen und Journalisten, über den Tag hinweg zu berichten. Der Ankermann von RTL hat damals nach 2001, nach dem 11. September den Grimme-Preis gekriegt, weil er sozusagen fast 24 Stunden am Stück – der Peter Kloeppel – auf Sendung war.

Und natürlich wissen wir heute auch, diese Bilder, die wir damals gesehen haben, haben sich sozusagen auch ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und sie führen natürlich auch zu ganz besonderen und bestimmten Entscheidungen bei der Bevölkerung. Also, wird sehr stark dramatisiert, kann es zu Wut führen.

Und diese Wut – das zeigen unsere Untersuchungen der letzten Jahre –, die führt dann wieder bei der Bevölkerung dazu, starke Sicherheits- und militärische Maßnahmen gegen den Terrorismus zu befördern. Bei jenen, die eher Angst vor dem Terrorismus haben, finden wir dann eher so die Wahrnehmung, na, versucht doch erst mit friedlichen Mitteln, wir müssen sozusagen auch unsere eigenen Ursachen im Lande suchen. Wenn man daran denkt, die 700 ausgereisten Dschihadisten, von denen sozusagen die deutschen Sicherheitsbehörden Informationen haben, von diesen 700 sind 61 Prozent deutscher Staatsangehörigkeit. Das heißt, wir haben auch immer mit dem Problem im eigenen Lande zu tun.

Frenzel: Und wo Sie diese verschiedenen Gruppen so aufmachen, die verschiedenen Empfänger von Medien, von Nachrichten: Sie haben sich viel mit den Lebenswelten junger Muslime in Deutschland befasst. Wie werden denn die Nachrichten da aufgenommen? Gibt es so etwas wie eine klammheimliche Sympathie in bestimmten Kreisen?

"Beileid und Trauer herrschen in den sozialen Medien vor"

Frindte: Was jetzt Brüssel betrifft, da habe ich mich nun noch ein bisschen kundig gemacht in den sozialen Medien, aber da ist, glaube ich, auch die Zeit, um eine wirklich tiefgreifende Analyse durchzuführen, noch etwas zu knapp. Was wir recht gut beobachten konnten, waren die Reaktionen bei den Anschlägen in Paris. Aber ich versuche es mal, doch ein bisschen auf die aktuellen Ereignisse in Brüssel zu beziehen.

Also, ich denke, weltweit – und das gilt auch für die sozialen Medien in Deutschland – herrscht zunächst einmal Beileid und Trauer vor. Es gibt einzelne Nachrichten auch bei Facebook oder bei Twitter, dass junge Muslime sagen: Ja, jetzt wird uns wieder die Schuld gegeben, jetzt kommt also wieder dieser Generalverdacht auf. Es gibt auch einige Nachrichten oder Hinweise oder auch Blog-Beiträge, die darauf verweisen, dass die Muslime beklagen, dass über Terror im Westen mehr berichtet wird als über den Terror beispielsweise in der Türkei oder in Jakarta in der letzten Zeit.

Natürlich finden sich gerade bei den sozialen Medien auch, ja, zustimmende Meinungen von Leuten, die durchaus zur radikalen Szene der Muslime gezählt werden können, und der IS hat sich ja sozusagen auch zu den Anschlägen in Brüssel bekannt. Und da gibt es dann natürlich auch einige, die sozusagen mit auf den Wagon aufspringen. Aber generell, muss man sagen, herrscht sozusagen auch nicht nur in den politischen Statements, sondern auch in den Bekundungen von privaten Menschen Trauer und Beileid vor.

Frenzel: Wolfgang Frindte, Professor für Kommunikationspsychologie in Jena. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Frindte: Ich danke Ihnen, Herr Frenzel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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