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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.04.2015

TerrorismusDie Gewaltseite des Lachens

Klaus Theweleit im Gespräch mit Joachim Scholl

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Anders Behring Breivik vor Gericht am 17. April 2012 in Oslo (dpa / picture alliance / Hakon Mosvold Larsen / Pool)
Anders Behring Breivik vor Gericht am 17. April 2012 in Oslo (dpa / picture alliance / Hakon Mosvold Larsen / Pool)

In seinem neuen Buch "Das Lachen der Täter" untersucht der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit, was Amokläufer wie Anders Breivik, SS-Schergen oder IS-Terroristen miteinander verbindet. Das sei vor allem das Berufen auf eine höhere Macht.

Auf das Motiv "Das Lachen der Täter" sei er durch zwei Kinofilme gekommen, sagt Theweleit, einmal durch den Western "Shane" von George Stevens, "wo Jack Palance von einer Treppe herunter einen waffenlosen Farmer erschießt und kurz bevor er das tut, seinen Mund zu einem Lächeln verzieht. Das ist stark in mich eingedrungen, 'The Killer smiles' wurde zu einer Überschrift für viele Wahrnehmungen, sowohl im Kino wie außerhalb, die ich danach gemacht habe."

Der andere Film war "Spiel mir das Lied vom Tod", wo Henry Fonda lachend ein Kind erschießt. Auch Anders Breivik soll gelacht haben, als er 2011 auf der Insel Utoya 69 Menschen erschoss. Das berichten Überlebende. Unsere Reaktion darauf, so Theweleit, sei oft: Diese Leute seien wahnsinnig, krank, Psychopathen. Das seien aber Begriffe aus der Psychopathologie, dazu müssten sie Patienten sein.

"Diese Leute sind aber das Gegenteil von Patienten in ihrer eigenen Wahrnehmung, sie empfinden sich selbst als Heiler. Wir sind die Patienten, die geheilt werden müssen, weil wir auf dem falschen Weg sind, und diese Täter auf dem richtigen, d.h. sie wollen die Welt zurichten nach einer ganz bestimmten Vorstellung, die sie haben,  die sie dann übrigens sehr rational verfolgen, und mit großer technischer Klugheit und immer gut bewaffnet, die stolpern nicht als 'Kranke' durch die Gegend, sondern als in der Selbstwahrnehmung als Heroen, heroische Leute, die womöglich ihr Leben dafür opfern, die Welt in die richtige Bahn zu bringen, und wenn man da mit Psychopathologie und Wahnsinn argumentiert, kommt man an die überhaupt nicht ran."

Anders Breivik berief sich bei seinen Taten auf eine höhere Macht, er sah sich als Nachfolger der Tempelritter. Und dieses Berufen auf eine höhere Macht führe dazu, dass sich die Täter schuldlos fühlten, sie erkennen deshalb auch die weltlichen Gerichte nicht an, sondern verlachen sie.

Klaus Theweleit  (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler) Klaus Theweleit (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)

Die Täter empfänden sich als Heiler, als Weltarzt, die im Namen einer höheren Macht agieren.

"Das kann man tun im Namen des Islam, des Christentums, die spanischen Eroberer im Namen des Katholiszismus, die SS im Namen der höheren Rasse, das ist austauschbar."

Dass diese Gewalttäter und Mörder vorher "ganz normale Männer" waren, wundert Theweleit nicht:

"Man hat ja nur diese, und man weigert sich zur Kenntnis zu nehmen, dass dieses Potenzial zum Morden und zum lachenden Morden in den meisten Menschen drinsteckt, es braucht nur die Situation, wo es erlaubt ist, das gehört immer dazu, diese höhere Organisation, die fantastisch oder nicht fantastisch da ist, erlaubt das Morden, man ist also erstens schuldlos, und zweitens oft dazu aufgefordert, staatlicherseits, wie in Ruanda oder Indonesien es der Fall war.

Es darf ausbrechen, wenn diese höhere Organisation sagt, du darfst, zweitens wenn man es in der Gruppe macht, was das Lachen erleichtert, Breivik ist da eher ein Ausnahmefall, meistens tauchen die Täter in Gruppen auf und das Lachen ist ein Gruppenlachen, man muss sich da nur in Erinnerung rufen das Stammtischlachen, das in ganz normalen Zusammenhängen auftaucht, wo die Gruppe lacht, ist das Opfer in der "Todesposition". Es löscht aus.

Es gibt diese Seite des Lachens, diese Gewaltseite des Lachens, die keine andere Emotion mehr zulässt, im Moment, wo sie auftaucht, und das ist ein Gewaltakt, der eine tötende Seite hat, und diese tötende Seite ist in bestimmten Situationen abrufbar, wenn Waffen im Spiel kommen und eine Gruppe genannt wird, die weg muss, man lacht, man ist erst zufrieden, wenn der Feind oder Gegner weg oder ausgelöscht ist."


Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter: Breivik u.a.
Psychogramm der Tötungslust. Unruhe bewahren 
Residenz Verlag
246 Seiten, 22,90 Euro

Fast täglich sind in den Nachrichten Meldungen über Terroranschläge und Terroristen zu hören und zu sehen. In unserer dreiteiligen Reihe "Kann man den Terror verstehen lernen?" sprechen wir in dieser Woche mit dem Kulturwissenschaftlicher Klaus Theweleit, mit dem Psychoanalytiker Arno Gruen und der Literaturwissenschaftlerin Brigitte Neumann über das Phänomen des Terrorismus.

Mehr zum Thema:

Psychogramm der Tötungslust - Vom Lachen der Killer
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 29.03.2015)

Norwegen - Offene Wunden
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 22.07.2014)

Sendereihe "Amok" - Teil 1: Täterprofile
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 20.04.2014)

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