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Studio 9 | Beitrag vom 03.04.2018

Termin beim AufräumcoachOrdnung hilft!

Von Philipp Eins

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Chaos und Unordnung in einem Arbeitszimmer (picture-alliance / dpa / Alexander Farnsworth)
Manche Menschen können sich von nichts trennen - und brauchen beim Aufräumen Hilfe. (picture-alliance / dpa / Alexander Farnsworth)

Massenhaft Bücher, Kassetten, Kleidung - Manche Menschen haben von allem zu viel, weil sie sich von nichts trennen können. Um wieder Ordnung in ihr Leben zu bekommen, steht ihnen beim Ausmisten Rita Schilke als Aufräumcoach zur Seite.

"So, Anne, du hast mich ja heute geholt – du hast ja vorhin schon mit mir darüber gesprochen, dass wir vielleicht heute uns wirklich mal deine Musiksachen angucken. Wat hältst ’n davon? Hm?"
"Lass uns mal einfach gucken!"
"Ach ..."
"Kommste mit? Wir gucken uns das hier einfach mal an!"

Anne greift ihren Krückstock, folgt Rita Schilke durchs Wohnzimmer und setzt sich vor ein Regal voller Musikkassetten. Bis heute kann sie sich schwer von Dingen trennen.

"Die Musik, also ich höre de facto eigentlich nur noch Radio. Und im Internet gucke ich Sachen und gucke fern. Und ich habe aber ne ziemlich große Schallplattensammlung und ne ziemlich große Kassettensammlung und ne ziemlich große CD-Sammlung. So. Also nicht übermäßig, aber das wäre schon was, wovon ich mich trennen müsste. Und irgendwie kann ich das nicht."

Ordnung halten will gelernt sein

"Ich bin der Meinung, es hat was damit erst mal zu tun, wie man aufgewachsen ist. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch, bei mir funktioniert’s, sonst würde ick’s ja auch nicht machen. Und ich bin so erzogen worden. Und genauso ist es mit meinen Kunden. Ich hab viele Kunden, die sagen wirklich: Ich hab das nie gelernt!"

"Ich hol dir jetzt mal ein paar Kassetten raus ... und die gucken wir durch … und wenn wir Glück haben, kriegen wir heute noch’n richtjet schönet Fach frei!"

An die 80 Kassetten räumt Rita Schilke aus den vollgestopften Regalen neben der Tür zum Arbeitszimmer. Ihre wichtigste Regel gegen überladene Schränke lautet: Wird etwas Neues gekauft, muss etwas Altes gehen. Wie aber sortiert man aus?

"Weg kann, was ich überhaupt nicht benutze. Und da muss man ganz ehrlich sein. Ich geh so ran: Wir nehmen wirklich jedes Teil in die Hand. Wirklich jedes einzelne Teil! Und dann sag ich: Jetzt spürn’se mal nach! Wann haben Sie das denn wirklich ... sein Sie mal ehrlich! Und indem ich ganz gezielt frage, fängt der Kunde an, wirklich darüber nachzudenken."

Im Wohnzimmer nebenan stehen hohe Holzregale, gefüllt mit Büchern, Kristallgläsern und anderen Erinnerungsstücken. In den Ecken eine antike Kommode und ein Stuhl mit üppiger Holzverzierung. Wirklich unordentlich sieht es hier nicht aus. Doch vor acht Jahren, erzählt Anne, war das noch ganz anders. So lange holt sich die 72-Jährige schon Rat bei Rita Schilke.

Kein Platz für noch mehr Bücher

"Ich sag Ihnen, ich hatte keinen Platz mehr! Also ich bin leider auch ´ne Büchersammlerin – was heißt leider. Also ich mag das auch, Bücher. Aber es war wirklich zu viel. Ich hatte keinen Freiraum mehr, neue Bücher passten nirgendwo hin und ich wollte nicht noch ein Regal anbauen. Ganz abgesehen davon auch die Kleidung, ich hatte auch viel Kleidung, und die hab ich gar nicht getragen zum Teil."

Menschen, die von allem zu viel haben und irgendwann den Überblick verlieren – das sind die typischen Kunden von Rita Schilke.

Auf Annes Schreibtisch liegen jetzt drei Stapel. Einen großen für Kassetten, die entsorgt werden können. Und zwei kleine, die sie verschenken oder als Andenken behalten möchte. Einige Kassetten stammen von ehemaligen Schülern. Anne hat früher als Deutschlehrerin an der Volkshochschule gearbeitet.

"Also ich hab zum Beispiel einige iranische Musikstücke und kurdische Musikstücke, und das sind alles ... Haben auch Freunde aufgenommen, ja. Also das nicht, aber das hier zum Beispiel. Ja, das ist genau das – das sind Erinnerungen, und da loszulassen, das finde ich – das tut weh."

Schmeiß sie weg!

"So, Anne. Willste selber? Ist auchn tolle Gefühl: Schmeiß sie rein! Schmeiß sie weg!"
"Ja, super!"

Nach einer guten halben Stunde sind die Kassetten sortiert. Rita Schilke öffnet eine ihrer blauen Mülltüten, die sie immer dabei hat. Anne schmeißt missmutig einige Kassetten hinein.

"Und ick halt die Tüte noch mal auf ..."
"Uiuiui ..."

Wer aufräumt, hat das Gefühl, sein Leben besser im Griff zu haben. Auch Anne ist zum Schluss erschöpft, aber erleichtert. Und wie bleibt es ordentlich, wenn der Müll erst mal aus dem Haus ist? Rita Schilke hat einen einfachen Rat.

"Jede Sache sollte seinen Platz bekommen. Jede Sache! Das ist der Wohnungsschlüssel, das sind die Hausschuhe – et cetera. Okay, wenn das erst mal passiert ist, dann, bei Benutzung, sollte jede Sache an ihren Platz zurück! Dit is’ dit A und O!"

"So – oh, is dit schwer, wa?"
"Ja!"

Was gut erhalten ist, bringt Rita Schilke zu Kleiderkammern oder Sozialkaufhäusern. Die Musikkassetten, ist sie sicher, möchte aber niemand mehr. Beim nächsten Termin, droht sie zur Verabschiedung, sind dann die Schallplatten dran.

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