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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.01.2020

Terézia Mora über "Auf dem Seil" Aussteiger mit Glücksbegabung

Moderation: Dorothea Westphal

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Die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora steht auf der Terrasse des Darmstädter Staatstheaters, am Tag ihrer Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis 2018 (picture alliance/Frank Rumpenhorst/dpa)
Darius Kopp, die Hauptfigur der nun abgeschlossenen Trilogie der Schriftstellerin Terézia Mora, wurde ganz anders als ursprünglich von ihr gedacht. (picture alliance/Frank Rumpenhorst/dpa)

Mit "Auf dem Seil" hat Terézia Mora ihre Trilogie um den IT-Spezialisten Darius Kopp abgeschlossen – ein Highlight des vergangenen Bücherherbstes. Darin kehrt Kopp, der alles verloren hatte, langsam ins Leben und in die Gesellschaft zurück.

"Auf dem Seil" heißt der dritte und letzte Teil der Trilogie um den IT- Spezialisten Darius Kopp von Terézia Mora. Die Büchnerpreisträgerin hat ihrem Helden drei Bücher gewidmet. Die Geschichte habe so viel hergegeben, dass ein Buch dafür nicht gereicht hätte, sagt sie. Die Schriftstellerin lässt Darius Kopp im ersten Teil mit dem Titel "Der einzige Mann auf dem Kontinent" seinen Job verlieren und im zweiten dann auch noch seine geliebte Frau Flora. Für dieses Buch, das 2013 und damit vier Jahre nach dem ersten Teil erschien, wurde Terézia Mora mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Mit dem Verlust seiner Frau, die Selbstmord begangen hat, bricht für Darius Kopp alles zusammen. Er kappt die Bezüge zu seinem früheren Leben in Berlin und fährt durch halb Europa, um einen passenden Ort für die Urne mit Floras Asche zu finden, die er schließlich im Ätna bestattet. 

Ein Niemand in der Fremde

Hier, auf Sizilien, setzt ein Jahr später der dritte Band "Auf dem Seil" ein, mit dem Satz: "Ich kann nicht anders, als glücklich zu sein." Ihr Held habe eine Glücksbegabung, sagt Mora, trotz der Verluste und des Scheiterns. Trotz der Situation, in der er ist: als Aussteiger ohne Besitz, ohne Status. "Dennoch hat er das Bewusstsein für sein eigenes Glück. Er ist in der Lage, das überhaupt wahrzunehmen."

Kopp ist eher ein Aussteiger wider Willen, denn vorgenommen hatte er es sich nicht, als Pizzabäcker auf Sizilien zu arbeiten. Vielmehr hat es sich so ergeben. Dass Mora den letzten Teil ihrer Trilogie auf Sizilien beginnen lässt, hat folgenden Grund: "Ich wollte, dass wir mit ihm zusammen diesen seltsamen Schmerz des Aussteigers miterleben können, der sich dazu entschließt, wieder einzusteigen. Dazu müssen wir die Situation kennenlernen, in der er in der letzten Zeit gelebt hat – mit all ihrer Schönheit und all ihrer Unsicherheit und dem Provisorischen, damit wir dann ab Kapitel 7 in Berlin sein können und nicht wieder wegdürfen. Wenn ich damit begonnen hätte, dass er bereits in Berlin ist und sich erinnert – das tut nicht weh. Das ist nostalgisch."

Das Risiko, wieder etwas verlieren zu können

Mora lässt ihren Helden einen inneren Wandlungsprozess vollziehen, an dem wir als Leserinnen und Leser teilhaben. Eine wichtige Rolle spielt dabei seine 17-jährige Nichte Lore, die eines Tages in der Pizzeria auftaucht und sich an ihren Onkel hängt wie eine Klette.

Was Kopp zunächst nicht weiß: Lore ist schwanger und leidet an unstillbarem Schwangerschaftserbrechen. Sie braucht Hilfe, zumal ihre Eltern sich nicht um sie kümmern. Kopp übernimmt die Verantwortung, was nicht ganz leicht ist, denn Lore ist kein Kind mehr, außerdem kennt er sie kaum. Und sie erweist sich als durchaus zäh und widerständig. "Mein Gott, was ist, wenn ich sie lieb gewinne", grübelt er nichtsdestotrotz eines Nachts. Und da hat er sie schon lieb gewonnen und damit wieder etwas zu verlieren.

Eine Rückkehr in prekäre Umstände

Für Mora war es eine Herausforderung, sich in diese 17-Jährige hineinzuversetzen. "Man erlebt immer wieder Überraschungen, wenn man sowas macht," sagt die Autorin, die sich das viel leichter vorgestellt hatte. Dass Kopp durch Lore lernt, nach einer langen Phase der Trauer zurück zu den Menschen, ins Leben und in die Gesellschaft zu finden, war so nicht geplant. "Mein ursprünglicher Plan war ja eine Trilogie des Verlusts. Er verliert einfach alles, und ich dachte, dass alles zu verlieren bedeutet, er müsste am Ende sein Leben verlieren. Und dann habe ich gedacht, was ist die Pointe?"
Wie sein Leben noch verlaufen könnte, hat sie schließlich für diesen Roman, der ein klassischer Entwicklungsroman ist, viel mehr interessiert.

Doch die Rückkehr nach Berlin ist für Kopp nicht einfach. Ohne Wohnung und mit sehr wenig Geld, erlebt er ein anderes Berlin als das, das er kannte und ist gezwungen, unter prekären Umständen zu leben. "Das ist natürlich ein Thema, das auf der Straße liegt. Wir haben alle dieses Problem, dass wir unsere Wohnungen nicht mehr verlassen können, weil wir sonst nirgends mehr unterkommen. Also im Grunde sind wir schon vertrieben, aber es sieht so aus, als wären wir noch da. Das ist natürlich ein Thema. Und dann stellt man sich vor, was wäre wenn. Also, ich steig jetzt mal für zwei Jahre aus und hoppala, ich kann den Platz nicht mehr einnehmen, den ich mal hatte."

Das Ablegen der Angst

Sind nicht alle unsere europäischen Helden eher lethargisch, sagt Mora, als ich sie nach Kopps Charakter frage. Doch wie ist sie auf diese Figur gekommen? "Ich hab ihn ja gefunden so im Jahr 2000. Das war um das Platzen der Internetblase herum. Ich habe Freunde und Bekannte, die in dieser Branche arbeiteten, ausschließlich Männer, die alle ihre Arbeit verloren haben, während sie vorher absolut on top waren, also virtuell. Ich dachte dann, diese Männer stehen für etwas in unserer Gegenwart, und ich mach einen aus denen, und über den schreib ich mal."

Dieser Darius wurde dann ganz anders als ursprünglich gedacht. Am Ende des dritten Teils, der sich stilistisch von den anderen beiden Teilen unterscheidet, wird Kopp demütiger geworden sein und furchtloser. Zwar bleibt offen, wie es letztlich mit ihm weitergeht, aber der letzte Satz lässt hoffen: "Und wieder lachten wir." Für die Autorin jedenfalls ist das ein Punkt, an dem sie ihre Figur beruhigt sich selbst überlassen kann.

(dw)

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