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Im Gespräch | Beitrag vom 16.08.2018

Tempodrom-Gründerin Irene MoessingerAlles für ein Zirkuszelt

Moderation: Susanne Führer

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Irene Moessinger, Gründerin des Berliner Tempodroms (Jim Rakete)
Irene Moessinger, Gründerin des Berliner Tempodroms (Jim Rakete)

Sie erbte jung, steckte das Geld in ein Zirkuszelt und stellte es in den Berliner Tiergarten. So wurde aus der Krankenschwester Irene Moessinger eine Kulturmanagerin, die das Berliner Tempodrom erfand. Doch der Heimatort für die Off-Szene musste weichen.

Mit ihrem Zirkuszelt schrieb sie Kulturgeschichte. Die junge Krankenschwester Irene Moessinger erbt unerwartet und erfüllt sich einen Traum: Sie gründet 1980 mit Freunden das Tempodrom. 

"Das Tempodrom ist Teil einer Bewegung gewesen in Berlin und vielleicht auch in Deutschland überall, dass Leute sich plötzlich mehr für Off-Kultur interessiert haben und auch die Off-Kultur gelebt wurde. Es entstanden neue Kinos, es entstanden neue Theatergruppen und auch neue Formen der Artistik."

Legendäre Konzerte im Zirkuszelt

Ein offener Ort der Kreativität, auch für Kinder. Die Chefin lässt es sich nicht nehmen,  selbst aufzutreten – im Kinderzirkus mit eigens dressierten Tieren. "Ich war die Minie Maus mit dem rechnenden Esel, mit der seiltanzenden Ziege und mit Oskar, dem Schwein", erzählt sie. Oskar konnte seinen Ringelschwanz gerade machen.

Das Tempodrom wird schnell zu einer festen Größe der Berliner Off-Szene: Das Festival "Heimatklänge" bringt Weltmusik in die Stadt. Musiker wie Nena, Nick Cave, Nina Hagen, Rio Reiser oder "Die Ärzte" geben legendäre Konzerte in Moessingers Zirkuszelt. Doch 1994 muss das bunte Zelt seinen Platz räumen, weil es zu nah am heutigen Kanzleramt steht. Ein neues Tempodrom wird gebaut, stabil, aus Beton. Die Baukosten steigen und steigen – schließlich landet Irene Moessinger wegen Untreue vor Gericht. Und erhält einen Freispruch erster Klasse, "wegen erwiesener Unschuld".

Nach 25 Jahren verlässt sie das Tempodrom. In ihrer Autobiografie "Berlin liegt am Meer" schreibt sie: "Es war schrecklich. Das Tempodrom war Familie, war Heimat. Wir verloren unser Lebenswerk!"  

Kindheit im Künstlerdorf Torremolinos

In dem Buch lässt sie auch ihre Kindheit Revue passieren: Geboren in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Andalusien und am Bodensee. Die Eltern hatten sich getrennt, ihre Mutter ging mit beiden Töchtern nach Spanien. Sie lebten in einer Künstler-Gemeinschaft in dem damals verwunschenen Fischerdorf Torremolinos, heute der größte Touristenort an der andalusischen Küste.

"Da sind wir mit allen Nationen aufgewachsen. Und das war schon 'ne Zeit, wo der Grundstein für mein Interesse an der Vielfalt und an Menschen gelegt wurde – und für das Meer."

Schon als Kind ist sie pferdebegeistert. Diese Liebe hat zu ihrer heutigen Leidenschaft gebracht: Sie arbeitet therapeutisch mit Pferden.

Möwen über der Kottbusser Brücke 

Und wie kam sie auf den Buchtitel "Berlin liegt am Meer"? Zum einen durch ihre Verbundenheit mit dem Meer, sagt sie.

"Und gleichzeitig wird auch meine Begeisterung, meine Leidenschaft und meine Verwurzelung in Berlin klar, und dass Berlin immer meine Inspiration war und ist. Das ist die Parallele. Und ich weiß, wo ich das erste Mal eine Wohnung hatte in Berlin, dass ich immer aus dem Fenster geguckt habe und auf die Kottbusser Brücke geschaut habe. Und da waren so viele Möwen und Schwäne und flogen in der Luft, dass ich dachte: Okay, dahinter fängt das Meer an."

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