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Studio 9 | Beitrag vom 15.04.2015

Tele Café 089NSU-Dokumente richtig schreddern

Von Susanne Lettenbauer

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Prozessakten liegen auf dem Boden. (Volker Hartmann, dpa)
Prozessakten liegen auf dem Boden. (Volker Hartmann, dpa)

NSU-Prozess: Ein Informant des Verfassungsschutzes meinte, er könne sich nicht mehr an einen Mord erinnern, den er gesehen haben muss. Dieser Umstand hat Münchner Kunststudenten derart empört, dass sie ein interaktives Theaterprojekt über die zweifelhafte Rolle der V-Männer entwickelt haben.

Im Zwischengeschoss der U-Bahn Station Universität liegt es, das geheime Rekrutierungsbüro des deutschen Verfassungsschutzes. Getarnt als Internetcafé namens "Telecafé 089". Ganz normal mit Tresen und Café to go oder Café for here. Vier Internetkabinen, zwei Retrosessel, die Wände vollgepinnt mit Werbeplakaten bekannter Mobilfunkanbieter. Jeder Interessent füllt ein Bewerbungsformular des Verfassungsschutzes aus und los geht's:

"Dann würde ich Sie jetzt kurz abtasten, in Ordnung, ich sehe, Sie haben nichts dabei. Dann darf ich Sie in den Wandschrank bitten ..."

Zum konspirativen Bewerbungsgespräch geht es tatsächlich in einen blassbraunen Resopalschrank. Hinter den quietschenden Türen riecht es nach Wald im improvisierten Schiesskeller. Da liegt ein Luftgewehr, weiter weg an der Wand hängt eine Zielscheibe. Ein V-Mann muss schiessen können:

Das ging daneben, aber zum richtigen V-Mann reicht die rechte Gesinnung, das zeige der NSU-Prozess, beruhigt der Führungsoffizier einen Raum weiter. Die Tischlampe blendet. Auf einem Sofa sitzt ein zweiter Mann im Dunkeln - mit Schlapphut und Zeitung vor dem Gesicht.

"Es ist Ihnen selbst überlassen, wie tief Sie sich voran wagen, alles auf eigene Gefahr, dort wo man nichts sieht, sieht man gut, sagen manche."

"Wir haben einfach versucht, das Gefühl erfahrbar zu machen, was es denn bedeutet ein Verfassungsschützer zu sein und durch welche Absurditäten man da gehen muss."

Sagt Philipp Benker.

"Ich studiere an der Akademie der bildenden Künste bei Professor Hermann Petz, Bildhauerei."

Eine Plastiktüte ist das Erkennungszeichen

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen hat Benker drei Monate das Münchner NSU-Kunstprojekt konzipiert. Patrick Thomas, Student der Medienkunst im 6. Semester an der Akademie der Schönen Künste schrieb den Text dazu und entwarf die Bewerbungsunterlagen. Stefan, ein Philosophie/Theater-Student im 8. Semester lümmelt als Agent im gepflegten Dreiteiler und mit Lederschuhen in einem Retrosessel:

"Philosophie im 8. Semester. Ich werde meine Bachelorarbeit schreiben über 'Mein Kampf'. Hitler als Philosoph: Hab ich mir mal gedacht, ist aber zuviel und zu ausufernd, deshalb schreibe ich jetzt über den Arbeitsbegriff bei Ludwig Hohl, einem Schweizer Philosoph, den niemand kennt und Nietzsche, den wir alle kennen."

Nach einem anständigen Kurs "Wie schreddere ich richtig?" darf der neue V-Mann dann endlich hinaus mit Aktenkoffer, Knopf im Ohr und geheimen Anweisungen. Eine Plastiktüte ist das Erkennungszeichen. Den Münchner Studierenden und ihren Schauspielern gelingt eine erschreckend realistische Farce auf eine erschreckend reale Geheimdienstwelt. Eine sehr deutliche Kritik an der Verschleierungstaktik im NSU-Prozess mit Hilfe eines interaktiven Theaterprojektes mitten im Univiertel. Noch bis Ende der Woche.

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