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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.03.2017

Teilhabebericht im Bundestag"Ressourcen in den inklusiven Schulen reichen nicht aus"

Birgit Lütje-Klose im Gespräch mit Dieter Kassel

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Mit Plakaten versammeln sich tausende Menschen mit Behinderung in Hannover. Auf einem Plakat steht "Teilhabe statt Ausgrenzung". (picture-alliance / dpa / Holger Hollemann)
Archivbild: Proteste für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung (picture-alliance / dpa / Holger Hollemann)

Bei Kindern im Vorschulalter lag die Inklusionsquote 2016 bei 91 Prozent. Doch in weiterführenden Schulen sei man davon noch weit entfernt, sagt die Kritik der Professorin für Sonderpädagogik Birgit Lütje-Klose. Schuld seien fehlende Ressourcen - und ein Systemwiderspruch.

Im Jahr 2016 lag die sogenannte Inklusionsquote bei Kindern im Vorschulalter bei 91 Prozent. So steht es in "Teilhabebericht über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen"  der Bundesregierung, der am Freitag am Bundestag diskutiert wird.

Doch je älter die Kinder werden, desto getrennter wachsen sie auf, kritisierte Birgit Lütje-Klose am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Sie hat den Lehrstuhl für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Heterogenität an der Universität Bielefeld inne. Nach ihrer Einschätzung haben die Erfolge im Vorschulalter auch damit zu tun, dass der Anteil an Kindern, die als behindert kategorisiert werden, bei den ganz kleinen noch deutlich geringer sei, als bei älteren.

Widerstände in den weiterführenden Schulen

Die Kindertageseinrichtungen bemühten sich zudem bereits seit 20 bis 30 Jahren um Inklusion, so Lütje-Klose. "Das ist in den anderen Systemen noch nicht so lange der Fall", so die Expertin. Hinzu komme, dass der Widerstand in den Kitas geringer sei, weil es dort nicht in erster Linie um Leistung gehe, wie es dann in der Schule der Fall sei. "Da finden wir ja doch an vielen Stellen noch deutliche Widerstände", betonte Lütje-Klose.

Die Expertin für Sonderpädagogik sieht grundsätzliche Hindernisse bei der Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung: "Wir sind in einem Bildungssystem, das sehr stark nach wie vor auf das Sortieren in Bezug auf die Kategorie Leistung angelegt ist." Insofern befinde man sich immer in einem Systemwiderspruch. Das gegliederte Schulsystem in Deutschland mache es deutlich schwieriger als in Ländern mit Gesamtschulsystem.

Gefahr vor Rückschlägen mangels Ausstattung

Es bestehe die Gefahr weiterer Rückschläge, wenn nun auf dem Weg wegen mangelnder Ausstattung schlechte Erfahrungen gemacht werden. Viele Lehrkräfte seien an ihren Überforderungsgrenze seien. "Wir haben bei weitem nicht genügend Ressourcen in den inklusiven Schulen bislang."

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