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Studio 9 | Beitrag vom 12.04.2019

Tauschen, Leihen, Plastik-FastenWege zum genügsamen Leben

Von Anke Petermann

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Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren, Brille und roter Steppjacke steht vvor einem Regal mit Büchern und Gesellschaftsspielen und hält lachend ein geblümtes T-Shirt in die Kamera. (Deutschlandradio / Anke Petermann)
Jessica hat Plastik aus ihrem Badezimmer verbannt und Kleider tauschen bedeutet für sie Müllvermeidung. (Deutschlandradio / Anke Petermann)

Im Heidelberger "TransitionHaus" erfahren Interessierte, wie der Übergang in ein Leben ohne Verbrauch fossiler Energien gelingen kann. Dazu gehört auch, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Was brauche ich wirklich?

Die 27-jährige Jessica hat sich für ein buntes Shirt entschieden. Das Kaminzimmer im "TransitionHaus": heute Kleidertauschbörse mit Ständern und Wühl-Tisch, am Kamin eine gemütliche Sitzecke. Kleider zu tauschen, heißt für Jessica Müll zu vermeiden. Als Probandin nahm sie an einer wissenschaftlichen Studie teil:

"Ich hatte mich entschieden für Plastikvermeidung im Badezimmer. Dann konnte man selbst Kosmetika herstellen, seitdem wasche ich mich mit Seife und auch mit Haarseife, dann habe ich diese Shampoo-Flaschen und Duschgel nicht mehr. Man muss sich damit beschäftigen."

Reparieren, tauschen, recyceln

Wer Plastik fastet oder sich ehrenamtlich im Leih- und Umsonst-Laden nebenan engagiert, findet im "TransitionHaus" Heidelberg immer Gesprächspartner. Im Wechsel fungiert es als Repair-Café, Tauschbörse oder Seminarraum. Der Bungalow aus der Wirtschaftswunder-Ära - heute Ort fürs Nachdenken über Wachstumsrücknahme und "Suffizienz", also: das genügsame Leben.

"Darüber, was man vielleicht im eigenen Alltag schon macht, was man wiederbenutzt, was für Lösungen man gefunden hat, wie man Sachen länger nutzen kann", erklärt die Soziologin Jane Goldbach Besuchern die Idee hinterm Transition-Haus. Soeben hat eine Heidelberger Nachwuchs-Gruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz der Koordinatorin zugehört.

"Falls jemand was Kaputtes in der Tasche hat...", sagt Robin Stock, Berliner Projekt- und Workshop-Leiter bei der BUNDjugend, und schiebt seine Teilnehmer Richtung Repair-Café ins Kaminzimmer mit Stäbchenparkett aus den 1960er-Jahren. Aus demselben Zeitraum stammt ein Mini-Radio, das einer der ehrenamtlichen Reparateure soeben zum Laufen bringt. Zur Freude der silberhaarigen Besitzerin: "Super!"

Auf jede Tonne Hausmüll kommen 70 Tonnen Produktionsmüll

Über eine weiße Wand flimmert fast tonlos "The Story of Stuff" - über den kurzen Lebenszyklus von Konsumgütern: "Ja, wir sollten recyceln. Aber Recycling wird aus mehreren Gründen nie ausreichen."

Der animierte US-Dokumentarfilm von und mit Annie Leonard schwenkt von den überquellenden Mülltonnen zu den Fabriken:

"Auf jede Tonne mit Hausmüll, die wir an die Straße stellen, kommen 70 Tonnen Produktionsabfälle aus der Herstellung der Dinge, die wir am Ende eben wieder in die Tonne werfen. Selbst wenn wir also 100 Prozent unseres Hausmülls recyceln könnten, ließe sich damit das Problem nicht annähernd lösen."

In einer Ecke des Kaminzimmers: ein paar Stellwände mit einer Mini-Ausstellung über brutale Rohstoff-Ausbeutung im globalen Süden. Das "TransitionHaus" als Ort, erklärt Koordinatorin Goldbach den jungen Umweltschützern, "wo eben mit so kleinen Schritten und kleinen Projekten Angebote geschaffen werden sollen, vielleicht aus einer Lähmung oder einer Überforderung rauszugehen und zu sagen: 'Hey, da sind Leute, mit denen kann ich gemeinsam was tun.'"

Der Plastikmüll am Strand als Auslöser

Einer BUND-Aktivistin gefällt die Aufbruchsstimmung im Transition-Haus:

"Mein Aha-Erlebnis war damals ein Urlaub in Costa Rica, als wir am Strand entlang gewandert sind und ich gesehen habe, wie viel Plastikmüll dort am Strand liegt, der offensichtlich aus dem Meer angespült worden war, was mir damals einfach noch nicht so richtig bewusst war."

Vieles, was sie früher gekauft hätte, lässt die Medizinerin seither im Regal, "weil es nicht die Grundbedürfnisse befriedigt, sondern einfach einer spontanen Lust entspricht. Gleichzeitig auf Demonstrationen zu gehen, zu zeigen, dass man durchaus ein Mitspracherecht hat und das auch wahrnimmt. Ich alleine kann sicherlich nicht die Welt retten."

Robin Stock greift den Gedanken auf. Fragt Jane Goldbach vom Transition-Haus, wie viel es bringt, "wenn jetzt eine Handvoll Leute hier im Repair-Café das ein oder andere Handy oder den Toaster repariert".

"In der Transition-Town-Bewegung ist der Gedanke schon auch verankert, 'ich versuche mir Handlungsschritte zu überlegen, die leicht reproduzierbar sind'", antwortet Goldbach. "Ich mach' was, ich verändere was in meinem Alltag, ich spreche mit anderen Menschen darüber, dass es funktioniert, und dadurch sind andere Menschen dazu inspiriert, diesen gleich kleinen Schritt zu tun."

Eine Frau mit kurzem grau-braunen Haar mit weißem Hemd und fliederfarbenen Pullover steht zwischen den Kleiderständern der Tauschbörse und hält ein Hemd und ein grünes Halstuch in der Hand.  (Deutschlandradio / Anke Petermann)Die 66-jährige Britta Kuhl ist überzeugt: "Die Jungen haben es in der Hand." (Deutschlandradio / Anke Petermann)

Valentina Zehner hat an der Pinnwand im Kaminzimmer Werbung für Do-it-yourself-Produkte entdeckt. Die Sonderpädagogik-Studentin plant schon den nächsten kleinen Schritt:

"So Upcycling, so Bienenwachstücher, die habe ich auch schon mal selbst versucht zu machen. Da nimmt man alte Stoffe, bestreicht die mit Bienenwachs, dann schmilzt das darein, dann kann man die wie Alu- oder Frischhaltefolie verwenden."

"Also – lassen Sie uns etwas Neues schaffen" - so endet die kurze "Story of Stuff".

Britta Kuhl legt ihren geldlosen Kleidertausch-Einkauf am Ausgang dem Veranstalter-Team vor. Ein Mitglied des Teams: die Tochter der 66-Jährigen. "Die Jungen haben es jetzt in der Hand", sagt sie.

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