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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.05.2011

Taurig, wütend, in Bewegung

Die Choreographin Modjgan Hashemian und ihr Tanzabend mit Tänzern, die nicht tanzen dürfen

Von Vanja Budde

Iranische Frauen beim Gebet in Teheran: Für ihr Stück "Don't move" hat Modjgan Hashemian ausführlich im Iran recherchiert. (AP Archiv)
Iranische Frauen beim Gebet in Teheran: Für ihr Stück "Don't move" hat Modjgan Hashemian ausführlich im Iran recherchiert. (AP Archiv)

Die aus dem Iran stammende Tänzerin und Choreographin Modjgan Hashemian lebt heute in Berlin-Kreuzberg. Doch ihre persischen Wurzeln prägen ihre Arbeit sehr. "Don’t move" heißt ihr neues Tanz-Stück: "Beweg dich nicht". Es thematisiert das Tanzverbot im Iran.

Vier Tänzer auf der Bühne des "Ballhaus Naunynstraße" in Berlin Kreuzberg: Die jungen Männer und Frauen drehen und winden sich, stoßen an Schiebwände, finden keinen Ausweg aus der Bedrängnis.

Modjgan Hashemian: "Es gibt offiziell im Iran keinen Tanz, vor allem auf der Bühne nicht. Was ein großes Problem ist für die Leute, die das professionell betreiben wollen. Die wahnsinnig talentiert sind meines Erachtens und eine unglaubliche Leidenschaft in ihrer Bewegung haben und wirklich auch was aussagen wollen mit der Bewegung, die werden immer wieder vor unglaublichen Druck gestellt."

Hashemian hat für diesen Druck überzeugende Bilder gefunden: Die Tänzer kriechen am Boden, die Zensur im Kopf schränkt ihre Bewegungen ein, wie hilflose Käfer zappeln sie auf dem Rücken.

"Don’t move" ist ein zorniges Stück. Modjgan Hashemian selbst lässt sich ihre Wut auf das Regime im Iran nicht anmerken. Freundlich, beherrscht und selbstbewusst beantwortet die zierliche 37-Jährige Fragen in einem Kreuzberger Café, das sie vorgeschlagen hat, weil es in der Nähe des Kindergartens ihres Sohnes liegt. Die Beine in engen Jeans übereinander geschlagen, rote Lederstiefel, Tuch um den Hals, das lange schwarze Haar zum Pferdschwanz gebunden: smarter City-Look.

Modjgan Hashemian: "Es ist so, dass ich immer schon als kleines Kind gemerkt habe, dass ich durch den Tanz das ausdrücke, was in mir vor sich geht. Das war für mich immer eine Art Ventil, um etwas Luft zu geben und Raum zu geben."

Als Kind leidet Hashemian unter der strengen Kleiderordnung im Iran. Nach der Schule rennt sie heim, reißt sich den Schleier herunter – und tanzt sich frei. Das Muster des Orientteppichs inspiriert sie zu ihren ersten Schritten. Mitte der 80er-Jahre gehen die Eltern mit ihren drei Kindern nach Deutschland, Modjgan ist sieben Jahre alt. Doch obwohl sie die meiste Zeit ihres Lebens hier verbracht hat, fühlt Modjgan Hashemian sich mit der persischen Kultur eng verbunden.

Modjgan Hashemian: "Das auch durch meine Eltern: Mein Vater hat mir damals immer viele Gedichte vorgelesen und mit mir über die persische Lyrik gesprochen. Und meine Mutter singt leidenschaftlich gern, wir haben immer zu Hause persische klassische Musik gehört. Das war immer ein Teil meiner Wurzel, die auch immer lebendig war."

Sie lernt klassischen persischen Tanz, geht aber auch zum Ballett, zum Jazzdance und spielt Theater. Nach dem Abitur versucht sie, ihrem Vater zuliebe Jura zu studieren, wird aber nicht glücklich damit. Die Liebe zum Tanz ist stärker und führt sie durch die knallharte Aufnahmeprüfung an die renommierte Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin. Dort wendet sich die Deutsch-Iranerin der Choreographie zu.

Modjgan Hashemian: "Eigentlich habe ich schon ziemlich früh gemerkt, dass ich selbst etwas entwickeln möchte, ziemlich früh Bilder schon im Kopf hatte, die ich verwirklichen wollte, anhand von Bewegung und Szenen."

"Move in Patterns" heißt ihre erste größere Produktion, die 2009 uraufgeführt wird. Ihre Kindheitserinnerungen an den Tanz auf dem Teppichmuster inspiriert sie zu dem Stück. Und ihre erste Reise in den Iran nach langen Jahren der Abwesenheit.

Modjgan Hashemian: "Mein Vater ist vor sieben Jahren gestorben, und als das Flugzeug landete und ich die ganzen Lichter über Teheran sah, kamen mir die Tränen, das war die erste Reaktion, und ich hab zu meinem Vater gesagt, der für mich immer existent bleibt irgendwie: ‚Jetzt bin ich endlich da, ich bin angekommen!’ Und ich hab dann irgendwie einen Frieden mit mir gefunden, weil, ich war immer auf der Suche nach irgendetwas, was ich nie klar definieren konnte."

Für ihr neues Stück reist sie im Herbst und Winter 2010 mehrmals wieder in den Iran, führt viele Gespräche mit Tänzern, die nicht tanzen dürfen. Trifft sich mit ihnen in leer stehenden Wohnungen und auf Hausdächern, um ihren heimlichen, verbotenen Tanz zu filmen. Teilt ihr ständiges Gefühl, zu ersticken, das sie traurig macht – und wütend.

In "Don’t move" werden die Filmaufnahmen der jungen Männer und Frauen in Teheran als Videoinstallation eingeblendet. Via Skype haben sie zusammen mit Hashemian und den Berliner Tänzern das Stück erarbeitet. Auf die deutsche Bühne dürfen sie nicht, aber immerhin sieht man ihre Bilder, hört sie sprechen.

Applaus des Publikums im ausverkauften Saal für Modjgan Hashemian und ihren zornigen Blick auf das Tanzverbot im Iran. Auch ihre nächsten Stücke sollen einen politischen Kontext haben, doch auf das Thema Iran will sie sich nicht beschränken lassen.

Ihren fünfjährigen Sohn zieht Modjgan Hashemian derzeit ohne Partner groß, das Leben zwischen Kita und Probebühne hält sie auf Trab. Doch sie genießt den Luxus, sich frei äußern zu können. Und träumen zu dürfen.

Modjgan Hashemian: "Mein größter Wunsch ist, irgendwann eine eigene Company zu haben, mit der ich dann auch wirklich tiefer arbeiten kann. Tiefer in dem Sinne, dass man einen längeren Zeitraum zusammen hat, um an einer Idee zu arbeiten und dass nicht immer nur von einer Produktion zur nächsten Produktion gesprungen wird. Sondern man hat dann noch einmal eine ganz andere Qualität von Arbeit."

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