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Kompressor | Beitrag vom 21.09.2017

Tattoo-Ausstellung im Grassi Museum LeipzigWas die Farbe unter der Haut bedeutet

Lydia Hauth im Gespräch mit Max Oppel

Tätowierungen verweisen oft auf einen traditionellen Kontext (Grassi Museum / Antje Kröger)
Tätowierungen verweisen oft auf einen traditionellen Kontext (Grassi Museum / Antje Kröger)

Das Grassi Museum in Leipzig widmet sich nun Tätowierungen und wartet dabei mit einem interessanten Mitmach-Konzept auf. Kuratorin Lydia Hauth hat sich mit einem Thema zwischen Tradition und Moderne beschäftigt - und auch den neuesten Trends nachgespürt.

Tätowierungen waren mal außergewöhnlich, inzwischen sind sie Mainstream. Und doch sind sie auch heute noch oft Statements: Das berühmte "Arschgeweih" einmal ausgenommen. Tattoos haben oft einen kulturellen Hintergrund und für den Träger eine tiefe Bedeutung.

Zu jedem Tattoo gibt es eine Geschichte

Ein weites Feld, welches das Leipziger Grassi Museum für Völkerkunde jetzt erforscht. "Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut" heißt eine Ausstellung, die ab morgen zu sehen ist. Und mit einem interessanten Mitmach-Konzept aufwartet: Das Museum hat in den vergangenen Monaten Leipziger gebeten, sich und ihre Tätowierung in einem Fotostudio fotografieren zu lassen und die Geschichte hinter der Hautzeichnung zu erzählen. Die Bilder sind nun Teil der Schau.

Für die Ausstellung wurden Leipziger und ihre Tätowierungen fotografiert (Grassi Museum / Mo Zaboli)Für die Ausstellung wurden Leipziger und ihre Tätowierungen fotografiert (Grassi Museum / Mo Zaboli)

So kommt das Museum vom Kleinen aufs Große, von der Region in die weite Welt. Tätowierungen seien ein unversales Thema, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Lydia Hauth, im Deutschlandfunk Kultur. In Ländern wie Japan haben sie eine lange Tradition und einen festen Kontext, in dem sie entstehen. In Europa geht es individueller zu - auf Tattoo-Conventions wird jedes Motiv gestochen, das gewünscht wird. Solche Veranstaltungen gebe es inzwischen aber auch auf Samoa oder in Neuseeland, berichtet Hauth, also in den tradionellen Herkunftsländern. Auch dort gebe es inzwischen einen subkulturellen Kontext, in dem tattoo-mäßig gemacht wird, was gefällt.

"Erinnerung ist ein ganz großes Thema"

Für eine Tätowierung finden sich viele Gründe: "Erinnerung ist ein ganz großes Thema", sagt Hauth - und hier speziell die Verarbeitung von Trauer, die Erinnerung an Verstorbene. Deswegen ließen sich auch Menschen tätowieren, die sonst nie auf die Idee kämen, so Hauth. Andere wollen mit einem Tattoo erwachsen werden, einen neuen Lebensabschnitt beginnen, Dinge verarbeiten, Heilungsprozesse anstossen. Auch der Schmerz beim Stechen sei Mittel zur Verarbeitung.

Tätowierung, die moderne Variante: Fabelwesen auf Frauenbein (Copyright: Grassi Museum)Tätowierung, die moderne Variante: Fabelwesen auf Frauenbein (Copyright: Grassi Museum)

Neu in der Szene ist DIY: Do-it-yourself sei jetzt der große Trend, so Hauth. Teilweise "sehr spontan" wird jetzt selbst tätowiert. Hier stehe nun oft nicht mehr der künstlerische Aspekt im Vordergrund, sondern der Akt des Tätowierens und die Beziehung des Tätowierers zum Tätowierten: "Das ist eine durchaus emotionale Beziehung", sagt Hauth. DIY sei auch Abgrenzung vom Mainstream.

Neben den Fotos der Tätowierten, die den Kern der Schau bilden, sind in Leipzig auch Objekte, historische Fotografien, Zeichnungen aus den Sammlungen von Völkerkundemuseen und Performances sowie zeitgenössische Kunst zu sehen. Auch Bilder von Tätowierten aus der DDR gibt es, und diese bringen den Betrachter zurück in Zeiten, in denen Tattoos noch echte Subkultur waren - die Hautzeichnungen waren im Osten verpönt.

In der DDR waren die Seeleute tätowiert

Beigesteuert hat sie der Fotograf und Künstler Erasmus Schröter, der sich damals für das "provokante Außenseitertum" interessierte. Das Tätowieren habe sich in der DDR im Geheimen, in Hinterzimmern abgespielt, so Schröter im Deutschlandfunk Kultur. Seeleute, Gefangene und Rummelplatzmitarbeiter waren die Träger von Tattoos im ostdeutschen Sozialismus, der die "Individualiserung des Einzelnen" mit Argwohn verfolgte.

Das Gespräch mit Erasmus Schröter hören Sie hier:

Inzwischen haben in Ostdeutschland sehr viele Menschen sehr viele Tätowierungen. Schröter: "Heutzutage hat sich das total umgedreht: "Das Nicht-Tätowiert-Sein ist das Exklusive, und das Tätowiert-Sein das Normale und Gängige." (ahe)

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(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 07.08.2017)

Radiolexikon Gesundheit - Tattooentfernung
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Religiöses Verbot - Sind Tattoos für Juden inzwischen erlaubt?
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 16.09.2016)

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