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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.01.2009

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Rudolf Lorenzen: "Bad Walden - oder El sueño de la razón produce monstruos", Verbrecher Verlag

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Im Kurort: Dort kann es erholsam, aber auch unheimlich werden. (Marianthi Milona)
Im Kurort: Dort kann es erholsam, aber auch unheimlich werden. (Marianthi Milona)

Viel mehr als einen klassischen Krimi will Rudolf Lorenzen seinen Lesern mit "Bad Walden - oder El sueño de la razón produce monstruos" bieten. Es geht ihm auch um die Konturierung eines Konflikts, um den Gegensatz zwischen Wirtschaftswunder-gläubiger Masse und kritischen Naturschützern. In jedem Fall wird es schnell spannend.

Unheimlich wird es bereits auf der zweiten Seite. Ein Geräusch, eine seltsame Bemerkung, eine verdächtige Person, dieses Bad Walden erscheint dem Leser von Beginn an weniger als Kurort denn als Kulisse einer Geisterbahn, schwarz wie der Schwarzwald, in dem es liegt

Claus und Susanne Jordan machen hier zufällig Station auf der Heimfahrt von Südfrankreich. Claus, 48 Jahre alt und Mitinhaber eines Antiquitätengeschäfts in Frankfurt, war mit seiner 24 Jahre jüngeren Frau auf Einkaufstour samt etwas Urlaub. In dem kleinen Ort im Badischen, der soeben seine Sommersaison beschließt, überredet Susanne ihren Mann verhängnisvollerweise zum Bleiben für ein paar weitere Tage.

Doch die Bad Waldener sind eigenartige Leute: Unfreundlich im Gästeservice, sonderbar im Verhalten und alsbald gefährlich. Die zwei Fremden, augenscheinlich die einzigen Touristen im ganzen Ort, begegnen immer wieder denselben Personen: Dem Mann in der orangefarbenen Jacke, dem Antiquar, der Fotografin.

Nur einer begegnen sie nur einmal: Der blonden Kellnerin vom Restaurant Kurgarten. Denn die wird alsbald vermisst. Und ausgerechnet die zwei Fremden sollen etwas damit zu tun haben. Doch darauf kommen sie erst Tage später, als sie wieder in Frankfurt sind.

Dann nimmt das Unheil seinen Lauf, und die zwei kehren zwecks Aufklärung zurück ins unsympathische Bad Walden, benehmen sich dort aber keineswegs wie Hobbykriminalisten. Einmal gehen sie viel zu unbekümmert in eine Situation, das andere Mal reagieren sie unlogisch.

Mitunter mag der Leser ungeduldig werden mit dem Paar in der Opferrolle. Doch wenngleich Lorenzen eine realistische Beschreibung der Handlung gibt, überzeichnet er bisweilen: Nicht nur beim Schildern des für Außenstehende gefährlichen Zusammenhalts einer Dorfgemeinschaft, bei Doppelmoral und patriarchalischen Strukturen einer Gesellschaft der späten 70er-Jahre.

Es geht ihm auch um die Konturierung eines Konflikts, der heute in dieser Form überwunden scheint: Der Gegensatz zwischen der Wirtschaftswunder-gläubigen Masse und den kritischen Naturschützern. Hier ist das Buch ein Kind seiner Zeit, was die Lektüre schon aus zeitgeschichtlichen Gründen reizvoll macht.

Schon beim ersten Erscheinen des Buches unter dem damaligen Titel "Grüße aus Bad Walden" war der Autor nicht glücklich gewesen, dass es auf "klassischer Krimi" getrimmt worden war. Und so entschloss er sich anlässlich der aktuellen Neuauflage seines Gesamtwerks zu einer gründlichen Überarbeitung des Abenteuers der jungen Susanne und ihres psychisch labilen Mannes Claus.

Es handelt sich bei "Bad Walden" tatsächlich um keinen Krimi im herkömmlichen Sinn, bei dem die Ermittlung im Vordergrund steht, wenngleich es ihm nicht an Spannung fehlt. Lorenzen nennt sein Buch deshalb Roman, den er in kurze 27 Kapitel gliedert. Jedes einzelne überschreibt er mit Untertiteln aus Werkzyklen des spanischen Malers Goya - sie passen zur Handlung und sind zugleich bedrohliche Botschaften. Damit will der Autor die Bedrohung, um die es ihm in diesem Buch geht, dauernd gegenwärtig machen. Was ihm durchaus gelingt.

Zudem teilt Lorenzen den Roman in vier Abschnitte: Territion, Tortur, Autodafé, Garrotte. Die Kapitel heißen 1. bis 27. Pein, gleichsam ein Kreuzweg der beiden Hauptfiguren. Der äußerliche Rahmen entspricht dem Ablauf eines spanischen Inquisitionsprozesses, so wie auch die Hauptfigur Claus das ihm aufgezwungene Geschehen empfindet.

Bedrohung bestimmt Inhalt und Struktur des Romans. "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" heißt der Untertitel gemäß einer gleichnamigen Grafik Goyas. Die Akteure handeln nur scheinbar vernünftig, die Hauptfigur weicht in eine heile Welt der Vergangenheit aus. Daneben braut sich das Unheil immer bedrängender zusammen. Als die Bedrohten ihr berufliches Umfeld neu bestimmen, könnte das Unheil zerstäuben - oder vervielfacht werden. Dieses Ende lässt das Buch offen.

"Bad Walden" ist somit kein bis ins letzte Detail schlüssiger Kriminalroman, der auf Täter-Opferpsychologie aufbaut, sondern eine durch eine andauernde in der Luft liegende Bedrohung spannende Erzählung, die durch ihre Ansiedlung in den ausgehenden 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts noch zusätzlich an Lesewert gewinnt.

Rezensiert von Stefan May

Rudolf Lorenzen: Bad Walden - oder El sueño de la razón produce monstruos
Verbrecher Verlag, Berlin 2008
240 Seiten, 22,90 Euro

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