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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.09.2017

"Tartare noir" am Schauspielhaus HamburgGeistlose Klamotte zum Auftakt der Spielzeit

Von Michael Laages

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Schauspieler des Ensembles um Ernst Stötzer (M) stehen am 13.09.2017 in Hamburg bei einer Fotoprobe zu dem Stück "Tartare Noir" (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Ernst Stötzner in Schlachterkluft: Tiefpunkt der Intendanz Karin Beier (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

Karin Beier inszeniert die Grusel-Story "Tartare noir" vom mörderischen Barbier nach Motiven von Thomas Peckett Prest. So geistlos begann lange keine Saison mehr am Hamburger Schauspielhaus, meint unser Theaterkritiker.

Zunächst sind nur die Ohren gefragt – wenn das Haus erwacht. Gute drei Etagen hoch und mit vielen Wohn-Waben hat Johannes Schütz es auf die Schauspielhaus-Bühne gebaut; und bei Bedarf können Teile davon sogar stilvoll und auf Knopfdruck zusammenbrechen. Aber wie das Haus bricht auch das Stück bald zusammen: ein nicht mal richtig kurzweiliger Abend voll von schrägem Schrott; gute zwei Stunden lang.

Nur Sounds, wenn das Haus erwacht

Nur Sounds also sind präsent, wenn das Haus erwacht – einer schnarcht, ein anderer beginnt mit einem Haus-Huhn im Zimmer im Duett zu gackern. Der Herr rechts unten bringt keinen geraden Satz heraus, brummelt und grummelt alles so, dass nur zu ahnen ist, was er wohl meint. Später wird kurzzeitig klar, dass er sich selber womöglich mit Echo hört. Aber auch das ist nur eine Bagatelle; vielleicht die ulkigste.

Der für "Motive" genannte Autor des "Stückes", Thomas Peckett Prest, ist hierzulande weithin unbekannt geblieben; den Archiven nach ein Engländer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der wohl an "Sweeney Todd" mitgeschrieben hat, der Grusel-Story vom mörderischen Barbier, die Benjamin Britten vertont hat. Sonst erfahren wir nichts, von ihm nicht und auch nicht über ihn.

Kannibalismus in der bürgerlichen Mietskaserne

Hingegen ist (wieder mal bei Karin Beier) ein Film als Kern der Fabel zu erkennen: "Delicatessen", der feine Horrorstreifen von 1991; Thema, mehr oder minder offen verhandelt: Kannibalismus in der bürgerlichen Mietskaserne. Im Erdgeschoss des Hauses treibt im Film wie jetzt hier ein Schlachter sein Unwesen – und weil Fleisch an sich offenbar rar ist, verkauft er den Hausbewohnern Menschenfleisch. Oft frisch geschnitten (oder gesägt) vom Körper eines Mit-Mieters … als ein neuer Mieter einziehen will, eskaliert das blutig-groteske Selbstversorger-Modell.

Und es ließe sich ja durchaus ernsthaft reden über einen Theaterabend, der das Tabu des Kannibalen in uns als Grenzforschung an den scharfen Rändern von Humanität und Zivilisation diskutiert. Slawomir Mrozek tat das, als Parabel, mit dem absurden Klassiker "Auf hoher See" (wo in See-Not schon mal einer für die anderen geopfert werden soll, küchentechnisch betrachtet), Johann Nestroy und Jacques Offenbach erzählten mit "Häuptling Abendwind" eine trickreich abgeschmeckte Familien- und Volkstumsgroteske um Menschenfresserei. Aber das sind intellektuell-philosophische Großtaten im Vergleich zu "Tartare Noir" - in Hamburg regiert der geistlos-alberne Schrott. Wenn das Programmheft Jonathan Swift, Claude Levi-Strauss und Alfred Döblin auffährt, ist das viel intelligenter als die Aufführung selbst.

Nichts außer Klamotten-Kram

Denn außer der Basis-Idee von "Delicatessen" haben Karin Beier und Dramaturg Christian Tschirner (sonst gelegentlich als "Soeren Voima" ein durchaus interessanter Autor und Bearbeiter) wirklich nichts zu bieten als Klamotten-Kram. Das Haus steht auch noch im Wasser – darin ist fein Planschen.

Auch die Fabel funktioniert zwar im Film (wo die Kamera Rätsel schafft durch das, was sie nicht zeigt!), aber überhaupt nicht auf der Bühne, wo naturgemäß immer alles zu sehen ist ... nur abgesägte Beine oder Arme sind Fake. Obendrein ist die Story nach 90 Minuten auch zu Ende erzählt; aber ein zweiter Teil muss noch gefüllt werden mit dusseligen Koch-Rezepten (eben "Tartare Noir") sowie verzweifelten Versuchen, dem scheiternden Projekt noch ein paar moralin-schwere Texte überzustülpen.

Tiefpunkt in der Intendanz Karin Beier

Vergebliche Liebesmüh', auch das – und das Hamburger Ensemble, mit immerhin Michael Wittenborn und Ernst Stötzner als Schlachter, chargiert obendrein durchweg so schrecklich, dass es einer Sau graust. Vor dem Schlachtgang.

Es gab ja schon Flops in Karin Beiers tendenziell eher erfolgreicher Bilanz am Beginn des fünften Hamburger Jahres. Aber Schlimmeres als dieser Abend war noch nicht zu sehen. Dies ist fürs erste der Tiefstpunkt.

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