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Im Gespräch | Beitrag vom 29.05.2019

Tanzperformer & Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felber„Erst wenn ich für mich gesorgt habe, bin ich in der Lage auch gut für die Welt zu sorgen“

Moderation: Annette Riedel

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Schwarzweiß-Aufnahme von Christian Felber. Er sitzt gestikulieren und im Gespräch in einem Cafe. (Friedl und Partner)
Christian Felber (Friedl und Partner)

Geht es nach Christian Felber, dann muss eine Wirtschaft, die das Gemeinwohl und nicht den Profit im Blick hat, kein Traum bleiben. Dass er seine Vorschläge so erfolgreich vertreten kann, hat mit seiner inneren Stimme zu tun und damit, dass er täglich tanzt.

"Wenn ich nur lese und schreibe und denke, dann geht es mir irgendwann schlecht, tendiere zur Depression." Also hat Christian Felber das Tanzen für sich entdeckt, nach Möglichkeit jeden Tag. Wenn das nicht klappt, "laufe ich hinaus in die Natur, springe in einen Fluss, klettere auf einen Baum, mache ein bisschen Yoga oder Meditation."

Dem tanzende Ökonom, wie Felber sich selbst bezeichnet, ist das besonders wichtig, denn: "Erst wenn ich für mich gesorgt habe, bin ich in der Lage, auch gut für die Welt zu sorgen."

In seinen Büchern befasst sich der 46-Jährige vor allem mit Geld, Welthandel und verschiedenen Wirtschaftsformen, wie etwa der Gemeinwohlökonomie. Das klingt ganz danach, als wäre Felber Wirtschaftswissenschaftler, doch das stimmt nicht. Er studierte Spanisch, Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie.

Auf keinen Fall Wirtschaft studieren

"Ich habe sehr bewusst nicht Wirtschaft studiert. Das ist etwas ganz einseitiges, unausgewogenes, verkopftes. Ich würde leider sogar sagen: Es ist eine Geisteskrankheit. Weil es so unverbunden mit allen anderen ist." Felber denkt da an Bereiche wie den "ökologischen Urgrund der Wirtschaft, der Ökologie, dem Thema Macht und Politik". All das gehört für ihn zusammen, wird aber an Universitäten nicht zusammen gelehrt, so Felber.

Auch durch diese Erfahrungen sah er seinen Auftrag darin, sich mit den globalen Finanzmärkten zu beschäftigen, "die brauchten eine tiefgreifende Änderung und Reform". Also beteiligte sich Felber in einem ersten Schritt an der Gründung von Attac Österreich.

Gemeinwohl-Ökonomie

Um seine Ideen besser in die Realität umsetzten zu können, hat der "Alternativökonom", wie Felber manchmal genannt wird, eine weitere Bewegung intiiert: die der Gemeinwohl-Ökonomie.

Seine Vision: Die Einführung eines Gemeinwohl-Faktors, der wirtschaftliche Unternehmungen danach beurteilt, wie sehr sie der Allgemeinheit dienen. Der Erfolg von Unternehmen soll nicht mehr allein am Umsatz gemessen werden, sondern wie sehr diese für das Gemeinwohl beitragen, so Felber.  Das heißt, sie müssen aus seiner Sicht "primär für den sozialen Zusammenhalt, für die Befriedigung von Bedürfnissen, für eine gerechtere Verteilung und für die Stärkung der Demokratie" sorgen.

Der Aktivist strebt nach einer "echten Ökonomie", die das "gute Leben für alle und Lebensqualität" zum Ziel hat. Für Felber ist genau das Gemeinwohl-Ökonomie. "Keine Angst, es gäbe nach wie vor private Unternehmen. Es gäbe auch privates Eigentum. Aber die kapitalistischen Element und der kapitalistische Charakter dieser Marktwirtschaft, der würde sogar zur Gänze überwunden werden."

Aber wird sich diese Idee überhaupt durchsetzen lassen? Christian Felber ist davon überzeugt. Denn "es entspricht der ethischen Überzeugung der großen Mehrheit, nicht nur der Menschen, sondern auch der Unternehmen."  

(ful)

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