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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.04.2012

Tanzen gegen das Tanzverbot im Iran

Berliner Ballhaus Naunynstraße zeigt Stück "In Motion"

Modjgan Hashemian und Susanne Vincenz im Gespräch mit Joachim Scholl

Susanne Vincenz: Der Blick nach Iran als Sehnsuchtsland. (Stock.XCHNG)
Susanne Vincenz: Der Blick nach Iran als Sehnsuchtsland. (Stock.XCHNG)

Die iranischstämmige Choreografin Modjgan Hashemian und die deutsche Dramaturgin Susanne Vincenz haben das Tanzverbot im Iran zum Thema ihres Stücks "In Motion" gemacht. Es ist ein Plädoyer für den Tanz, das man auch im Iran hören soll.

Joachim Scholl: Seit 1979, seit der Revolution im Iran und dem Beginn der religiös dominierten Herrschaft des Landes, ist im Iran das Tanzen in der Öffentlichkeit verboten. Das heißt, es gibt keinerlei Aufführung, keine offizielle Ausbildung, keine Kultur des Tanzes. Diesen Zustand haben die aus dem Iran stammende Choreografin und Tänzerin Modjgan Hashemian und die Dramaturgin Susanne Vincenz in einer Tanz-Trilogie gestaltet – heute Abend feiert der dritte Teil Premiere: "In Motion". Modjgan Hashemian und Susanne Vincenz sind zu uns ins Studio gekommen. Willkommen im Deutschlandradio Kultur!

Modjgan Hashemian: Schönen guten Tag!

Susanne Vincenz: Guten Tag!

Scholl: Ich vermute, dass jetzt viele Hörer – und ich zähle mich dazu – verblüfft sein werden, von einem solch strengen Tanzverbot zu hören - was ist anscheinend so gefährlich, so konterrevolutionär am Tanzen, dass es im Iran seit nunmehr 33 Jahren verboten ist, Frau Hashemian?

Hashemian: Ja, diese Frage stelle ich mir auch oft. Ich denke, was das Regime als Bedrohung empfindet, ist der Körper an sich, also es geht da nicht nur um den Tanz, sondern um die Bewegung des Körpers auch im öffentlichen Raum.

Scholl: Wie streng wird denn dieses Verbot überwacht und durchgesetzt? Gibt es da Nischen für Tänzer?

Vincenz: Also es gibt durchaus Stücke im Stadttheater, die versuchen, mit Bewegungselementen umzugehen, aber es darf nicht Tanz genannt werden. Es gibt verschiedene Dinge, es gibt Folkloregruppen, Gruppen, die mit Folkloretanz arbeiten, zum Teil auch mit Männern und Frauen auf der Bühne, aber das Bewegungsrepertoire ist extrem eingeschränkt. Dann gibt es andererseits Leute, die versuchen, experimentell mit Tanz umzugehen, eben einzelne Bewegungselemente in Stücke einzuarbeiten, aber das wiederum darf nicht Tanz genannt werden, sondern wird rhythmische Bewegung genannt, und dann gibt es natürlich noch Leute, die wirklich im Untergrund tanzen, das heißt, in ausgeräumten Wohnzimmern, in Kellern, auf Dächern, und dann dort Vorstellungen selber organisieren, zu denen Freunde und Bekannte eingeladen werden.

Scholl: Sie, Frau Vincenz, waren 2004 im Iran und haben dort ein Stück choreografiert – das ging dann anscheinend - oder doch nicht?

Vincenz: Nein, ich war 2004 gemeinsam mit der Choreografin Helena Waldmann im Iran, die hat dort ein Stück choreografiert, ich habe das dramaturgisch betreut. Dieses Stück ist dort gezeigt worden zum Fadjr-Festival, also zum größten Theaterfestival des Landes, das ging damals noch, weil es vor der Ära Ahmadinedschad war, noch unter Chatami, und das war eine ganz andere Zeit, da war eine ganz andere Stimmung im Iran. Es gab eben noch viel mehr Möglichkeiten, insgesamt war das Land eben viel freier, und dort gab es eben noch diese Art von internationalen Koproduktionen, wo man auch eben sehr weit gehen konnte, in dem, was dort gezeigt werden konnte.

Scholl: Frau Hashemian, ein solches Tanzverbot bedeutet ja auch, dass es ja so gut wie keinen künstlerischen Nachwuchs gibt, zumindest stellt man sich das so vor. Also eine eigene Kultur wird da ja systematisch unterbunden, ist das so?

Hashemian: Das würde ich jetzt nicht so sehen, also ich denke, das ist auch ganz wichtig in meiner Arbeit oder in unserer Arbeit, zu zeigen, dass diese Kultur nicht ausstirbt, dass die Künstler wirklich interessiert sind und sich verschiedene Quellen suchen, um das weiterzuführen und fortzuführen.

Scholl: Was sind das für Quellen? Wie schulen sich Tänzer, wie lernen sie überhaupt, geht das?

Hashemian: Ganz unterschiedlich, also es gibt Leute, die die Möglichkeit haben, ins Ausland zu reisen, dort Workshops zu besuchen. Es gibt auch Tänzer, also Kollegen, die in den Iran reisen, Workshops geben – im Untergrund natürlich – und dann gibt es die Quellen übers Internet, also es wird viel über Youtube und über Videos gearbeitet, oder Bücher. Und das, was es gerade so spannend macht, diese Tanzszene oder diese eigene Art, Bewegungen zu kreieren, ist das, sie entwickeln eine eigene Tanzsprache dadurch, dass sie jetzt nicht wirklich eine klassische Form zum Beispiel wie das Ballett haben oder modernen Tanz oder Tanztheater, suchen sie sich ihre eigene Form zusammen.

Scholl: Sie, Frau Hashemian, sind selber Tänzerin. Was bedeutet es eigentlich für eine Gesellschaft, in der man die körperliche Bewegung in dieser Form des Tanzes verbietet?

Hashemian: Der Körper im Iran ist wie ausgeblendet in der Öffentlichkeit, also im Straßenleben ist das so, als würde der Körper gar nicht existieren. Es ist wie ein Schatten, es ist wie eine Hülle. Wenn man aber in den Innenraum geht, also in die Wohnung rein geht, ist das wie ein kompletter Wandel, der sich da vollzieht. Also der Körper bekommt plötzlich eine Bedeutung, die Menschen tanzen in den Innenräumen, also es ist genau das Gegenteil von dem, was draußen auf der Straße zu sehen ist.

Vincenz: Ich glaube, man kann dazu schon noch mal sagen, dass es schon in erster Linie natürlich um den weiblichen Körper geht. Einerseits natürlich durch die Kleidungsvorschriften, die in der islamischen Republik Gesetz sind, also die Verhüllungsvorschriften, aber eben auch durch die soziale Kontrolle, die dadurch entsteht, also der weibliche Körper wird im Extremen kontrolliert durch die Art und Weise, wie Blicke geworfen werden, durch die Art und Weise, wie eben Frauen drauf aufmerksam gemacht werden, dass sie sich eben nicht stark genug verhüllt haben. Das wird oft auch durch Sittenwächter kontrolliert – dieser Art der Kontrolle ist der männliche Körper zwar auch, aber nicht im gleichen Maße ausgesetzt. Also ich finde auch, es gibt durchaus eine Repräsentanz von offensiver männlicher Körperlichkeit im Stadtraum, beispielsweise wie die Jungs auf den Motorrädern sitzen und Auto fahren und ihre Arme dabei raushängen lassen und die Brillen aufhaben und so weiter. Das ist schon, die haben da einfach doch mehr Freiräume als jetzt die Frauen.

Scholl: Das Tanzverbot im Iran - zu Gast im Deutschlandradio Kultur sind Modjgan Hashemian und Susanne Vincenz vom Ballhaus Naunynstraße in Berlin. "In Motion" haben Sie Ihr Tanzstück zum Thema genannt, das heute Abend Premiere feiert. Was sehen wir da?

Hashemian: Man muss beginnen mit der Vorgeschichte zu "In Motion". "Don't Move" war das zweite Stück dieser Trilogie, wo wir mit iranischen Tänzern gearbeitet haben, und einer dieser Tänzer, der bei "Don't Move" nur als Schatten erscheinen durfte, weil er zu der Zeit aufgrund seiner Leidenschaft angeklagt war, gerichtlich, dieser Tänzer ist seit einem Jahr in Berlin, er ist geflohen, und ich habe ihm geholfen, hier Fuß zu fassen und auch in das Tanzleben einzusteigen. Wir zeigen in "In Motion" unsere Begegnung hier, unsere verschiedenen Perspektiven auf den Iran: einmal seine Perspektive, wie war es, im Iran zu leben, wie ist es für mich als jemand, der außerhalb von Iran lebt, auf den Iran schaut. Also diese zwei verschiedenen Perspektiven, zwei Soli, die zugleich aber ein Duo ergeben.

Scholl: Sie haben für diese gesamte Trilogie im Iran selbst recherchiert, waren dort, Frau Vincenz, Sie haben schon kurz davon erzählt. Wie war das, was haben Sie da so erlebt im Kontakt auch mit den Tänzern?

Vincenz: Na, wir sind vor allen Dingen, jetzt für diese Trilogie war eigentlich die wichtigste Reise 2010, Beginn des Jahres 2010, also nach der Niederschlagung der Demonstrationen nach der Wahl 2009. Und diese Reise haben wir eigentlich einerseits natürlich mit der Frage begonnen, was ist jetzt eigentlich die Situation, wie viel Bewegung ist jetzt denn noch möglich nach dieser Niederschlagung der grünen Bewegung, und haben diese Frage, wie viel Bewegung ist möglich, diese gesellschaftliche Frage eben verknüpft mit der Frage nach dem Tanz, weil wir eben auch natürlich aus diesem Bereich kommen und eben auch Kontakt hatten zu Tänzern und Tänzerinnen, und die Begegnungen waren sehr stark, sehr intensiv, auch zunächst mal in dieser Enttäuschung dessen, was da passiert ist in den letzten Monaten – einerseits mit der Frage, das kann es doch jetzt nicht gewesen sein, da muss doch jetzt noch was kommen, das muss doch weitergehen, das kann doch jetzt nicht zu Ende sein, und auf der anderen Seite auch für die Iraner und Iranerinnen selber, was ist denn, wie geht es denn jetzt weiter? Also ein großes Fragezeichen. Und aus diesem Moment der Perspektivlosigkeit war dann ganz stark herauszuspüren der Wunsch eben, auch eine gemeinsame Arbeit zu entwickeln und über diesen Kontakt was Gemeinsames entstehen zu lassen, also trotzdem zu tanzen, obwohl es eben verboten ist.

Scholl: Dieses Stück, das heute Abend dann Premiere feiert, was erhoffen Sie sich, was wünschen Sie sich? Zunächst wird es ja auch eine Art Aufklärungsstück für deutsche Zuschauer sein, denke ich, die vielleicht auch zum ersten Mal davon erfahren und zum ersten Mal sich damit auseinandersetzen müssen. Es ist zugleich wohl auch ein Plädoyer für den Tanz, das man auch im Iran hören soll. Gibt es da so einen kleinen politischen Wunsch, den Sie beide haben?

Hashemian: Also bei "In Motion" – ich würde das gerne noch ergänzen, das ist auch die Perspektive, wie ist es eigentlich, plötzlich aus einer Gefangenschaft in die Freiheit zu kommen und was bedeutet das eigentlich. Also bedeutet Freiheit wirklich frei sein oder ist das eine Unsicherheit, in die man sich begibt? Also für Kaveh Ghaemi, der jetzt seit einem Jahr in Berlin ist, ist es nicht so, dass Berlin jetzt die komplette Freiheit für ihn bedeutet und auch die Ruhe – das ist es nicht, und das wird auch in dem Stück gezeigt. Also was bedeutet das, eigentlich plötzlich alles, was man liebt, daheim zu lassen und das alles aufzugeben? Also die Geschichte des Exils wird da auch klar, also auch die Geschichte meiner Eltern und meiner Vergangenheit.

Vincenz: Also für "Don't Move" würde ich das schon so formulieren, obwohl ich den Begriff Aufklärungsstück jetzt nicht besonders mag, aber ich glaube, auf jeden Fall den Wunsch, auf die Situation der Menschen und der Tänzer und Tänzerinnen, aber natürlich der Menschen insgesamt im Iran aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen, was es bedeutet, sich nicht bewegen zu können in jeder Hinsicht. Und ich glaube, "In Motion" ist eine Weiterentwicklung, insofern als dass wir ja sozusagen diesen großen Bogen geschlagen haben von der ersten Bewegung hinein in das Land, dann in der Zusammenarbeit dort mit Leuten, und dann jetzt dieser dritte Teil ist im Grunde genommen schon auch dieses hier Ankommen und eben die Frage: Was bedeutet das hier Ankommen? Und natürlich ist das Ankommen in Berlin nicht nur Freiheit, sondern es ist der Kampf mit Administration, es ist der Kampf mit Behörden ...

Hashemian: ... Sehnsucht ...

Vincenz: ... genau, und ich glaube, dass es schon ganz stark darum geht, was ist das jetzt für ein Anfang hier, das ist ein Teil der Geschichte, und auf der anderen Seite würde ich es so formulieren, dass es eben für Modjgan auch der Blick ist nach Iran noch mal als Sehnsuchtsland, wo sie eben nicht geblieben ist. Und das ist die andere Perspektive, es sind wie zwei Perspektiven, die sich so überkreuzen.

Scholl: "In Motion" – das Tanzstück, erdacht und inszeniert von Modjgan Hashemian und Susanne Vincenz, heute Abend ist Premiere in Berlin, im Ballhaus Naunynstraße. Viel Erfolg dafür Ihnen und herzlichen Dank für Ihren Besuch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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