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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 27.01.2019

Tanz-Demo gegen GewaltMit dem Rhythmus der Solidarität

Von Jutta Heeß

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"One Billion Rising" - Tanz-Flashmob gegen Gewalt gegen Frauen vor dem Brandenburger Tor, hier am 14.2. 2014 ( imago/Future Image)
"One Billion Rising" - Tanz-Flashmob gegen Gewalt gegen Frauen vor dem Brandenburger Tor, hier am 14.2. 2014 ( imago/Future Image)

Tanzen für Frauenrechte und gegen sexistische Gewalt: Jedes Jahr am 14. Februar ruft die weltweite Kampagne "One Billion Rising" etwa zu Tanz-Flashmobs auf. Auch am Brandenburger Tor soll es an dem Tag um den weiblichen Körper und seine Unversehrtheit gehen.

"Rise heißt sich erheben, es heißt ja One Billion Rising."

Tanztraining im Centre Talma in Berlin-Reinickendorf. Die zehn Mädchen der Gruppe "Sterntaler" heben die rechte Hand, und beginnen mit ihrer Choreografie. Auf der Stelle laufen, Arme nach oben strecken, Schritte zur Seite, in die Hände klatschen, Kreuzschritt, die Knie beugen. Die Neun- bis Zwölf-Jährigen üben für ihren Auftritt am Brandenburger Tor. Die Mädchen sind mit Eifer dabei. Ab und zu kommen sie mit den Tanzschritten noch durcheinander. Trainerin Izabella Herzfeld gibt Anweisungen und korrigiert die Bewegungen. Nach dem Training setzt sich die Tanzgruppe kurz zusammen.

"Schön! Wer weiß denn schon, worum es bei One Billion Rising geht?

"Gegen Gewalt gegen Frauen, damit sie besser behandelt werden und die gleichen Rechte haben wie Männer und genau das Gleiche bei Mädchen. Und dafür tanzen wir."

Das Kinder- und Jugendsportzentrum Centre Talma organisiert seit 2013 den Tanz-Flashmob in Berlin mit bis zu 14.000 Teilnehmern pro Auftritt. Ob groß oder klein: Für alle ist Tanzen eine Herzensangelegenheit.

"Tanzen bedeutet für mich, dass man offen und frei sein kann."

"Wir haben das Medium Tanz gewählt, weil wir ganz viel Freude empfinden, mit dem ganzen Körper dabei sind, wir wollen alles verjagen, was uns nicht gut tut. Tanzen gibt uns Stärke und gibt uns Freude."

"Zwei Jugendliche krankenhausreif geprügelt"

Nach den "Sterntalern" trainieren die über 16-Jährigen. Auch sie üben die "One Billion Rising"-Choreografie. Für die jungen Frauen sind Erfahrungen mit Gewalt zum Teil leider nicht nur Theorie. Julia Schwenk, Trainerin und Organisatorin:

"Wir haben immer wieder Vorfälle von Gewalt, von denen uns die Mädchen berichten. Wir hatten erst letztes Jahr den Fall, dass zwei Jugendliche aus unserem Kurs vor der Diskothek krankenhausreif geprügelt wurden. Auch im Kinder- und Jugendbereich findet immer was in Form von Gewalt statt und deswegen, da es so eine besondere Demonstration ist, weil wir da nicht auf die Straße gehen und einfach herumwandern und rumbrüllen, sondern eben Tanz mehr verbindet, verbindet das eben auch unsere Jugendlichen."

Tanzen kann somit nicht nur ein Zeichen gegen Gewalt sein, sondern auch ein Mittel, um schlimme persönliche Erlebnisse auszudrücken, über die man nicht so einfach reden kann. Tanztrainerin Marnie Mayer-Lippock:

"Tanz macht ja mit einer Person was, und was ich so schön finde, ist, dass man schwierige Themen ins Medium Tanz packen, und trotzdem so viel positive Energie zusammen erleben kann, obwohl es ein schweres Thema ist und trotzdem macht Tanz glücklich."

"Wir wollen eine positive Gegenstimme sein"

Im Centre Talma spürt man den Eifer und die Überzeugung der Tänzerinnen, sich mit ihrer Leidenschaft – dem Tanzen – für eine bessere Welt einzusetzen. Mit der Aktion "One Billion Rising" wollen sie das Schweigen brechen, das immer noch über Gewalttaten an Frauen liegt, und ihre Solidarität zeigen. Auch die jungen Männer, die sich im Centre Talma engagieren, sehen das so. Der 27-jährige Christian Schneider ist als Tänzer schon bei der ersten Demo dabei gewesen. In diesem Jahr wird er den Auftritt des Centre Talma mit der Kamera begleiten.

"Ich habe viel mit weiblichen Freunden von mir darüber gesprochen. Und es ist schon erschreckend, wie hoch die Anzahl auch da ist, an Vorfällen, die schon mal was erlebt haben, man spricht halt in der Regel nicht darüber. Und das gibt Anlass darüber zu sprechen. Wir machen es halt mit der Demonstration, wir machen es unkonkret mit einem Tanz, wir verstärken das Gefühl, es soll so nicht weitergehen, wir wollen eine positive Gegenstimme sein, aufmerksam machen auf das Problem.

Dank der #Metoo-Bewegung ist das Thema Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen vor allem im vergangenen Jahr stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Damit nicht nur darüber gesprochen wird, sondern sich wirklich etwas ändert – dafür tanzen die jungen Leute vom Centre Talma.


"One Billion Rising" und die Arbeit des Centre Talma - die Leiterin Bettina Lutze im Gespräch mit Thomas Wheeler:
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