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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2017

Tali Sharot: "Die Meinung der anderen" Argumente sind überbewertet

Von Volkart Wildermuth

((Siedler Verlag/imago/Skopein))
Buchcover "Die Meinung der Anderen" und Zeichnung einer Menschengruppe ((Siedler Verlag/imago/Skopein))

Menschen wollen individuell sein, dabei folgen sie ständig dem Beispiel anderer, stellt Tali Sharot in "Die Meinung der Anderen" fest. Deshalb sei es auch sinnvoller, nicht mit Impfgegnern zu streiten, sondern mit ihnen zusammen Kinder vor gefährlichen Infektionen zu schützen.

Wir sind nie allein, selbst beim Gedankenschweifen, immer sind andere dabei! Und das hat nichts mit der Allgegenwertigkeit der neuen Medien zu tun, sondern damit, dass die Meinungen der Anderen allgegenwärtig ist. Ohne dass es uns bewusst sein mag, bestimmt sie mit, zu welchen Schlüssen der eigene Geist kommt, schreibt die Psychologin und Hirnforscherin Tali Sharot in ihrem neuen Buch. Wie sehr, das hat Tali Sharot selbst erlebt: Kurz nach dem Angriff auf das World Trade Center rannte plötzlich ein Mann in Manhattan los. Schnell folgte ihm eine ganze Gruppe, darunter auch die Psychologin, ohne Grund wie sich später herausstellte. Panik ist ansteckend genauso wie jedes andere Gefühl auch, schreibt Tali Sharot, die am "Affektiv Brain Lab" in London, die Mechanismen solcher unvermeidlichen Beeinflussungen durch andere erforscht.

Dort hat sie festgestellt: Auch wenn Menschen unterschiedlich denken, verarbeitet ihr Gehirn Gefühle auf vergleichsweise einheitliche Weise. Angst lähmt, Freude motiviert. Daher sollte man, wenn man einen anderen überzeugen will, selbst Zuversicht ausstrahlen. Denn erst dann stoßen die eigenen Argumente auf offene Ohren. Wie Sharot eindrucksvoll am Beispiel Krankenhaus belegt. Da verändern simple Aufforderungen, etwa "Desinfiziere Deine Hände!", nur selten das Verhalten. Erst wenn beim Händewaschen ein leuchtendes Plus im Spiegel zusammen mit einem positiven Kommentar erscheine, würden fast alle mitmachen. 

Argumentation über geteilte Werte funktioniert besser

Argumente, so Tali Sharot, werden hingegen überbewertet. Jeder suche sich die passenden Fakten zur eigenen Meinung. In Diskussionen komme es daher darauf an, eine gemeinsame Basis zu finden. So sei es sinnvoller, mit Impfgegnern nicht über angebliche Nebenwirkungen zu streiten, sondern zusammen mit ihnen nach Wegen zu suchen, Kinder vor gefährlichen Infektionen zu schützen. Die Argumentation über geteilte Werte funktioniert nachweislich besser.

Menschen wollen individuell sein, aber tatsächlich folgen sie ständig dem Beispiel Anderer. Wer als Erster ein neues Restaurant bewertet, prägt die folgenden Kommentare. Deshalb sagt die Zahl der positiven oder negativen Bewertungen wenig aus, schreibt die Psychologin. Und sie warnt: bei der Essensbewertung sei das vielleicht nicht wichtig, anders sehe das bei medizinischen Eingriffen aus. So würde in den USA jede zehnte Spenderniere nicht in Anspruch genommen. Denn gäbe es für die erste Ablehnung oft konkrete Gründe, würden die nachrückenden Patienten ebenfalls nein sagen, weil sie einem einmal abgelehnten Organ misstrauen.

Tali Sharot erklärt einfach und überzeugend, wie Menschen zu ihren Einstellungen kommen, warum Gruppengespräche oft keinen Erkenntnisgewinn bringen und wie man Kontrolle ausübt. Das sind viele Facetten, die aber nicht zu einer schlüssigen Theorie zusammengeführt werden. Am Ende bleibt offen, wieviel vom Geist in meinen Bekannten steckt und in welchem Maße sie umgekehrt mich selbst beeinflussen. Davon abgesehen bietet "Die Meinung der Anderen" viele überraschende Einsichten, spannende Beispiel und praktische Hinweise.

Tali Sharot: Die Meinung der Andern. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen
Siedler Verlag, München 2017,
304 Seiten, 24,99 Euro

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