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Breitband | Beitrag vom 07.12.2019

Taiwans Digitalministeirn Audrey TangRadikale Transparenz ohne Agenda

Von Andre Zantow

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Taiwans Digitalministeirn Audrey Tang hat ausgehandelt nur montags und donnerstags im offiziellen Regierungsgebäude sein zu müssen. An der Wand ein Bild des Staatsgründers der Republik of China Sun Yat-sen. (Andre Zantow)
Audrey Tang hat ausgehandelt nur montags und donnerstags im offiziellen Regierungsgebäude sein zu müssen. Sonst ist sie bei Start-ups oder reist durch Taiwan. (Andre Zantow)

Audrey Tang ist Hackerin, Schulabbrecherin, transgender, IT-Wunderkind - vor allem aber ist Taiwans Digitalministerin eine Pionierin für völlige Regierungs-Transparenz, soziale Innovationen und der Gegenentwurf zur Führung in Festland-China.

Wer Audrey Tang treffen will, sollte am besten hier her kommen: ins Social Innovation Lab von Taipeh. Ein alter Beton-Klotz mitten im Zentrum von Taiwans Hauptstadt. Einst das Hauptquartier der Luftwaffe, jetzt sitzen hier auf drei Ebenen - wie in einem Bienenstock - junge Unternehmer in Mini-Büros. Auch Mason von Startboard. Angesprochen auf Audrey Tang, sprüht er gleich los:

"Sie ist sehr gut. Sie ist immer hier. Nicht wie ein Beamter der Regierung, sie ist einfach sehr freundlich. Willig Dir zu helfen. Und so voller Wissen. Die Art von Person, die Du alles fragen kannst."

Mason lobt die Digitalministerin überschwänglich. Wohl auch, weil Gründer wie er hier Büro und Internetzugang kostenlos erhalten. Dazu noch regelmäßig Business-Workshops und Treffen mit Audrey Tang.

"Ja, ich habe sie getroffen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich bemerkt hat. Sie trifft hunderte Leute jeden Tag hier. Wir haben uns mit ihr während verschiedener Meetings getroffen, weil wir von ihr unterstützt werden. Wir sprechen sie so einmal im Monat."

"Ich gebe oder nehme keine Regierungsanweisungen"

Das Social Innovation Lab ist das Lieblings-Projekt von Audrey Tang. Jeden Mittwoch ist sie hier, um zu helfen, dass junge Taiwaner aus gemeinnützigen Ideen ein Unternehmen formen. Nur montags und donnerstags muss sie im offiziellen Regierungsbüro sein. Das war eine Bedingung als sie vor drei Jahren den Posten übernahm. Sie arbeite schließlich mit der Regierung nicht für sie.

"By saying working with not for the government, I mean specifically that I’m not giving them any command or taking any command."

Audrey Tang – das freie Radikal in der taiwanischen Regierung. Wer sonst würde jedes Gespräch ins Internet stellen?

"Unsere radikale Transparenz kannst Du auf unserer Internetseite ansehen. Hier. Als Digitalministerin habe ich mit 4700 Menschen gesprochen. Mehr als 200.000 Reden gehalten, hatte mehr als 1000 Meetings und das hier, wird wieder eines. Alles wird aufgezeichnet. Damit jedes Zitat von mir im Zusammenhang nachgeschlagen werden kann. Bevor es ins Internet kommt, können die Beteiligten noch redigieren - wegen Persönlichkeitsrechten. Aber unser Punkt ist: Wir wollen die völlige Offenlegung des Regierungshandelns als Standard."

Auch der Wortlaut dieses Interviews ist vollständig im Netz nachzulesen.

Frei nach dem Hacker-Motto: Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen. So soll sich Taiwan auch als Gegenmodell zu Festland-China profilieren.

China macht Bürger transparent, Taiwan die Regierung

"Das Taiwan-Modell bedeutet, dass der Staat transparent gemacht wird für die Bürger. Das ist unsere Norm. Und irgendwo anders gibt es diese andere Norm, dass die Bürger transparent gemacht werden für den Staat. Das ist der direkte Gegenentwurf und steht in direkter Wechselwirkung zueinander."

Audrey Tang sei selbst da gewesen, als die große chinesische Firewall installiert wurde. Damals sei es lächerlich einfach gewesen, sie zu umgehen. Heute haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Taiwan dient für staatliche chinesische Hacker als Testfeld – wegen ähnlicher Sprache und Kultur, bevor die Angriffe anderswo auf der Welt erfolgen.

Auch wegen Chinas Druck kämpft Tang dafür, dass Taiwans Staat viel Geld in Cyber Security und White-Hat-Hacker investiert – also IT-Experten, die dafür bezahlt werden eigene Systeme anzugreifen. Die Ministerin hat das vermutlich selbst früher getan. Mit 8 begann sie zu programmieren. Anfangs ohne Computer – nur mit Stift und Zettel. Mit 15 bricht sie die Schule ab, landet bei US-Firmen im Silicon Valley, u. a. bei Apple und startet zahlreiche Projekte in der Freien-Software-Bewegung.

Mit 33 erklärt das IT-Wunderkind: genug gearbeitet! Aber die Proteste in Taiwan und die Regierung holen sie zurück aus dem Ruhestand.

Von der Parlamentsbesetzerin zur Ministerin

"Ich bin dem Kabinett beigetreten aus Spaß, dafür musste ich nicht kämpfen, ich hatte Lust drauf. Wir hatten damals gerade das Parlament besetzt – 2014 – während der Sonnenblumen-Bewegung. Es waren riesige Demonstrationen. Eine halbe Millionen Leute auf den Straßen und viel mehr Online. Die Regierung verstand das und rekrutierte unter den Besetzern und Unterstützern Leute unter 35. Ich gehörte dazu. Wurde eine Art Vermittler und später fragte mich die Nachfolge-Regierung, ob ich dieses Ministerium übernehmen wolle. Ich hatte Bedingungen, verhandelte und nun bin ich hier."

Audrey Tang ist die jüngste Ministerin die Taiwan je hatte. Heute mit 38 wirkt sie immer noch wie die Hackerin von damals. Selbstredend hat sie die Sicherheitssoftware für ihr Ministerium selbst implementiert.

"Als ich Digitalministerin wurde habe ich das Sicherheitstool ‚Sandstorm‘ mitgebracht. Das ist Open Source. Und ich habe es per Hand selbst eingerichtet und basierend darauf können wir sicher kommunizieren und jeder Bürger Programme schreiben. Eines der populären Programme heißt ‚Audrey Lunch Box together‘. Das merkt sich, dass ich gern Schrimps esse, und so können wir sehr effizient Mittag bestellen. (Lachen)"

Humor ist ihr wichtig. Eigene politische Überzeugungen nicht. Sie habe keine eigene Agenda, erklärt sie mehrfach. Sie frage einfach ihre Crowd im Internet nach Ideen. Und was die mehrheitlich beschließt, wird umgesetzt. Sie baue nur den Mechanismus dahinter.

"Wenn Du mich fragst, ob ich eine Agenda habe? Nein! Meine Agenda ist crowdsourced – andere schicken mir ihre Ideen. Ich baue nur den Mechanismus, damit die Leute aktiv werden können."

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