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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2015

Tagung zu KulturgutverlustenViel Kritik an Umgang mit NS-Raubkunst

Von Christiane Habermalz

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Der Vertreter der Familie Rosenberg, Christopher Marinello, nimmt am 15.05.2015 das Gemälde "Sitzende Frau" von Henri Matisse in der Nähe von München (Bayern) entgegen. Das Bild ist eines der berühmtesten Gemälde aus der umstrittenen Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt. (picture alliance / dpa / Wolf Heider-Sawall)
Ein Vertreter einer jüdischen Familienimmt am 15.05.2015 das Gemälde "Sitzende Frau" von Henri Matisse entgegen. Das Bild ist eines der berühmtesten Gemälde aus der umstrittenen Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt. (picture alliance / dpa / Wolf Heider-Sawall)

Vor zwei Jahren wurden in der Wohnung des Kunsthändlers Hildebrandt Gurlitt zahlreiche Werke gefunden, die NS-Raubkunst sein könnten. Das brachte die Aufarbeitung von Kunstraub und Provenienzforschung ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit. Doch es passiere noch immer zu wenig, kritisieren Experten.

Kein Zweifel, die Provenienzforschung in deutschen Museen ist voran gekommen. Uwe Schneede, Leiter des deutschen Zentrums Kulturgutverluste, zog eine positive Bilanz der Bemühungen der letzten Jahre.

"War es noch vor wenigen Jahren eine Besonderheit, wenn ein Kunstmuseum forschte, ist es jetzt auffällig wenn ein Museum sich nicht an dieser Aufarbeitung beteiligt."

Der Fall Gurlitt hatte einiges losgetreten im Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit – vor allem machte er deutlich, wie wenig sich Deutschland in den 70 Jahren seit Kriegsende mit dem Unrecht beschäftigt hatte, das zahllosen jüdischen Kunstsammlern widerfahren ist. Ihnen wurden, bevor sie ins Exil getrieben oder in den Gastod geschickt wurden, systematisch ihre Sammlungen abgepresst. Viele dieser Werke sind über den Kunsthandel in deutschen Museen gelandet – nur in den allerwenigsten Fällen haben die Opfer, wenn sie überlebten, oder deren Erben ihre Bilder je wiedergesehen.

Für viele Museumsdirektoren stand lange die Bewahrung ihrer Bestände im Vordergrund. Ein erstes Umdenken setzte mit der internationalen Washingtoner Erklärung von 1998 ein – und mit der nachfolgenden Selbstverpflichtung der deutschen Museen, nach einer "fairen und gerechten Lösung" zu suchen, wenn NS-Raubkunst in ihren Beständen gefunden werde - auch unter Berücksichtigung der verfolgungsbedingten schwierigen Datenlage.

Doch reicht diese "Soft Law", die doch nicht mehr ist als eine Goodwill-Erklärung der Museen, oder braucht es auch ein verpflichtendes Gesetz? Nein, sagt Schneede, der angesehene Kunsthistoriker und langjährige Direktor der Hamburger Kunsthalle.

"Ich finde die Washingtoner Erklärung absolut genial, weil sie über alle Legalisten, gesetzlichen Prinzipien hinweg die moralische Verantwortung viel höher ansetzt. Und das ist das Eigentliche."

Geld- und Personalnot oder Desinteresse

Moral verpflichte mehr als ein Gesetz, so Schneede. In der Tat sind die meisten großen deutschen Museen mittlerweile in der Provenienzforschung sehr aktiv. Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erklärte deren Präsident Hermann Parzinger, dass alle seine Museen derzeit ihre Bestände aufarbeiten und die Erkenntnisse über NS-Raubkunst unter den Objekten auch dann veröffentlichen würden, wenn gar keine Ansprüche bekannt seien. Dazu fühle man sich auch aufgrund der Berliner Museumsgeschichte und zahlreicher Schenkungen jüdischer Sammler moralisch besonders verpflichtet.

"Gerade die Berliner Museen sind seit ihrer Gründung 1830 jüdischen Mäzenen besonders verbunden. Der Aufstieg der staatlichen Museen zu Museen von Weltrang wäre ohne die Großzügigkeit und das Engagement jüdischer Mäzene völlig undenkbar gewesen."

Doch die Anwälte der Erben beklagen, dass in vielen kleineren und mittleren Häusern noch immer wenig geschehe – teilweise aus Geld- und Personalnot, teilweise aber auch aus Desinteresse. Die Probleme, mit denen man zu kämpfen habe, seien vielfach noch die gleichen wie vor zehn Jahren, kritisierte Markus Stötzel, der die Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Flechtheim vertritt.

"Man hat den Eindruck, dass in vielen Museen das immer noch als Geheimwissenschaft betreiben wird. Ergebnisse werden nicht veröffentlicht, die Bestände sind nicht transparent, nicht online abrufbar, das was bei Lost Art eingestellt wird, sind Bruchstücke dessen, wovon wir reden."

Kritik auch an der Limbach-Kommission

Die Forderung nach mehr Transparenz war denn auch eine der am häufigsten gestellten Forderungen auf der Tagung. Die mit hohen Erwartungen überfrachtete Taskforce Schwabinger Kunstfund, die seit zwei Jahren die Sammlung Gurlitt erforscht, steht symptomatisch für viele Probleme. Sie arbeite zu langsam und zu ineffizient, so die vielfach geäußerte Kritik. Erst vier von 500 raubkunstverdächtigen Bildern sind eindeutig als Raubkunst identifiziert worden.

Wissenschaftlicher Forscherehrgeiz werde über die Interessen der oft hochbetagten jüdischen Erben gesetzt, denen die Zeit davon laufe. Zwischenergebnisse seien für Opfervertreter nicht öffentlich einsehbar. Es werde immer Fälle geben, in denen die Provenienz nicht vollkommen lückenlos recherchiert werden könne, betonte Opfer-Anwältin Sabine Rudolph.

"Und hier kann man eben nicht forschen, forschen, forschen über die nächsten Jahre, sondern wir treffen auf der Basis der Fakten, die wir ermittelt haben, eine Entscheidung."

Im Januar wird die Taskforce Gurlitt einen Abschlussbericht ihrer Arbeit vorlegen, dann soll die weitere Forschung vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste fortgesetzt werden. Zeitliche Beschleunigung könne auch für ihn keine Kategorie sein, sagte Schneede. Aber:

"Es wird alles getan werden, damit wir aus möglichen Fehlern lernend die Forschungsarbeit künftig kompakt, effizient, und vor allem transparent erbringen können."

Kritik wurde auch an der sogenannten Limbach-Kommission geäußert, die in Restitutionsfragen als Schlichtungsinstanz angerufen werden kann – jedoch nur, wenn beide Parteien dem zustimmen. Dies müsse in Zukunft auch unilateral möglich sein, gegebenenfalls müssten Museen zur Kooperation verpflichtet werden, forderte, und das war höchst bemerkenswert, Hermann Parzinger.

Außerdem sei es dringend geboten, dass Vertreter jüdischer Organisationen in der Kommission vertreten seien. Die waren auch bei der Tagung nicht dabei. Denn die Organisatoren hatten sie unbedachterweise auf einen Samstag gelegt – auf den jüdischen Shabbat. Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference konnte daher seinen Vortrag nur per voraufgezeichneter Videobotschaft halten.

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