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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2017

Tagung "Theater und Netz""Theater hat schon immer 'fake news' versendet"

Von Gerd Brendel

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Symbolbild Fake News (Imago / Christian Ohde)
Symbolbild Fake News (Imago / Christian Ohde)

Fake News behaupten offensichtliche Lügen als Tatsachen. Doch ein solches "als ob" ist eigentlich schon immer Geschäft des Theaters gewesen. Da liegt es nahe, dass die Tagung "Theater und Netz" dieses Verhältnis verschiedener Behauptungen thematisiert.

"Behauptungsmaschinen, Fake, Fakten und Fiktionen" lautete der Titel der diesjährigen Tagung zu "Theater und Netz". Ambivalente Begriffe, denn während mit Fake News im Internet Lügen für bare Münze verkauft werden, kann kein Theater ohne das Spiel mit dem "als ob" auskommen.

Dass das Blut, das zum Beispiel Macbeth vergießt, nicht echt ist, gehört zur stillschweigenden Übereinkunft, die an jedem Abend Publikum und Schauspieler miteinander treffen:

"Insofern kann man sagen, Theater hat schon immer 'fake news' versendet", sagt Mitorganisator der Netzkultur-Theatertagung Christian Römer von der Heinrich Böll Stiftung.

Behauptung als positiver Begriff

"Der Begriff der Behauptung ist im Theater etabliert seit langer Zeit, als ein positiver Begriff. Genau das muss das Thema sein, dass eine Kulturtechnik, die Theaterleute seit Jahrhunderten beherrschen, plötzlich zu einer beherrschenden Kulturtechnik wird für die neuen Autoritären."

Wobei, genauer formuliert, die alte Kulturtechnik zum Propagandainstrument wird. Die Experten des "als ob" können helfen, die Mechanismen hinter den "fake news" zu entlarven.

"Ich würd das mal nennen 'dokumentarisches Theater 2.0', das versucht einen neuen Blick dafür zu entwickeln, die Komplexität von Weltvorgängen auf die Bühne zu setzen."

Zum Beispiel, wenn die Dokumentartheater-Gruppen wie Rimini-Protokoll in ihrer begehbaren Installation "Situation rooms" über Waffenhandel vor ein paar Jahren spielerisch die Zuschauer dazu einlud, mit Hilfe von Tablets und digitaler Technologie unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, vom Fabrikarbeiter in einer Munitionsfabrik bis zum Waffenhändler.

Völlig neue ästhetische Wege geht das Theater Dortmund mit Kay Voges, dessen "Borderline Prozession" – das Stück wurde zum Theatertreffen eingeladen - auf die Gleichzeitigkeit von analoger, digitaler und virtueller Realität setzt. Während die Schauspieler agieren, können Zuschauer mit einer "Virtual Reality Brille" ausgestattet den Bühnenaufbau von allen Seiten erkunden. Dabei geht es gerade nicht um die perfekte Illusion.

"Genau das wollen wir nicht, die perfekte Illusion schaffen, mit 3D-Modellen und Special Effects, wir wollen zur Reflexion auf Realität einladen."

Marcel Kanapke hat die realen Räume als virtuelle neu erschaffen. "Fake news" im Internet, das "als ob" im Theater. Da durfte die alte Frage nach der Rolle des Theater in der Gesellschaft nicht fehlen. Ralf Füchs aus dem Vorstand der Heinrich Böll Stiftung hat vor langer Zeit die Seiten von der Realpolitik zur Kultur gewechselt.

"Mein Punkt ist nicht, wir machen Status-Quo-Verteidigung, sondern wir müssen Vorwärtsverteidigung machen und wieder 'ne Idee von Fortschritt kriegen. Gilt doch auch fürs Theater: Die Utopien sind fast alles Dystopien, das sind Untergangsgeschichten."

Theater - keine Reparaturkolonne der Gesellschaft

Theater als Hoffnungslieferant für die Welt? Der Dramaturg Bernd Stegemann, der gerade mit seinem Buch "Das Gespenst des Populismus" quasi die Seiten von der Kultur zur Politik gewechselt hat, verwehrte sich gegen jede Form der Funktionalisierung:

"Wenn das Theater sich zur Reparaturkolonne der Gesellschaft machen lässt, dann ist das Theater keine Kunst mehr, sondern ein sozialdemokratisches Gemeindezentrum. Wie Luhmann sagt :'you can not see what you can not see', man weiß nicht, was um die nächste Ecke kommt."
Fücks: "So ganz ratlos kann man vielleicht im Theater sein."
Stegemann: "DAS ist unser Privileg!"

Die Politik muss gestalten, das Theater darf sich Ratlosigkeit leisten, darf sich verweigern, darf inne halten. Kritische Reflexion der Realität entsteht aus dem Spiel, das wusste schon Schiller.

In Kay Voges "Borderline-Prozession" passiert das ganz wörtlich im spielerischen Umgang mit der virtuellen Realität. Durch die Virtual Reality Brille sehe ich nicht nur eine andere Wirklichkeit, ich erlebe mich selbst als ganz anderen:

"In VR nehmen Sie sich vollkommen anders wahr. Wer ist man in VR, wenn man keinen Körper mehr hat und nur noch Augen ist und purer Geist? Und durch Wände gehen kann, und deshalb sagten wir: Es ist wie eine Erinnerung, wie ein Traum."

Wenn die Vernunft schläft, werden Ungeheuer geboren, wusste schon der Maler Goya. Wenn die Vernunft träumt, entstehen neue Möglichkeitsräume für eine neue, hoffentlich bessere Welt.

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