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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.09.2018

Tagung "Rocking Islam" in FreiburgWie Musliminnen sich Popkultur aneignen

Fatma Sagir im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Besucherin der Muslim Lifestyle Show 2018 im April dieses Jahres in London
Besucherin der Muslim Lifestyle Show 2018 im April dieses Jahres in London

Fashion-Bloggerinnen setzen auf Instagram ihr "weibliches Selbst" modisch und körperbetont in Szene – darunter viele Musliminnen. Anders als die Gesellschaft draußen biete ihnen die digitale Welt den Raum dafür, sagt die Kulturanthropologin Fatma Sagir.

Liane von Billerbeck: In Freiburg wird heute der Islam gerockt. Na ja, eine internationale Tagung trägt jedenfalls den Titel – "Rocking Islam". Und dabei geht es um Social Media, um Mode, Hiphop, aber insgesamt um Populärkultur, also ein sehr weites Feld. Dr. Fatma Sagir ist Kulturanthropologin am Lehrstuhl für Populäre Kultur und Musik der Uni Freiburg, sie organisiert die Tagung, hält auch einen Vortrag, und mit ihr will ich jetzt darüber reden, ob junge muslimische Frauen Populärkultur und gerade Social Media anders nutzen als andere Jugendliche.

Frau Sagir, muslimische Popkultur, da denken die meisten wahrscheinlich erst mal an Hiphop und Männer, aber das ist vermutlich sehr viel zu kurz gegriffen. Was gehört denn noch dazu?

"Mipster, also die Muslim-Hipster"

Sagir: Zur muslimischen Popkultur gehört natürlich außer der Musik auch der gesamte Lifestyle, den viele damit verbinden, also die Hipster und hier die Mipster, also die Muslim-Hipster, und dazu zähle ich eben Mode, Gesundheit, Ernährung, einfach Lebensentwürfe, die sich rund um das Thema populäre Kultur drehen.

von Billerbeck: Stichwort Mode, da sehen sich ja gerade junge muslimische Frauen sehr oft mit der Frage konfrontiert, Kopftuch ja oder Kopftuch nein, auch mit Erwartungen, mit der Forderung nach Verhüllung. Wie gehen die damit um, was machen die damit in der Popkultur?

Sagir: Ich untersuche genau diese Fragestellung. Ich habe festgestellt, dass in der Darstellung von Musliminnen in medialen, öffentlichen und auch bisweilen wissenschaftlichen Diskursen sich der Fokus vornehmlich eben auf diese Kopfbedeckung richtet und dass die Musliminnen seltsam körperlos erscheinen, wobei die gesamte Frage nach der Modernität des Islam offenbar irgendwie über den Körper und die Kopfbedeckung dieser Frauen verhandelt wird, eben ob sie es tragen oder nicht.

Ich habe dann in meiner Forschung festgestellt, dass diese muslimischen Lifestyle-Bloggerinnen diesem Image, diesem etwas einseitigen Image und der Erwartung, die es gegenüber muslimischen Frauen gibt, eigene Bilder entgegensetzen. Und die schaffen sie buchstäblich, indem sie diese Bilder posten und meistens auf Instagram hochladen.

von Billerbeck: Was sind das für Bilder, was sehen wir da drauf?

Sagir: Ich befasse mich in erster Linie mit den sogenannten Modest-Fashion-Bloggerinnen, das heißt, wir sehen hier Bilder, die Modefotografie in gewisser Weise nachahmen, also eine gewisse Coolness wird dargestellt und auch sehr häufig gar nicht modest oder zurückhaltend oder züchtig, wenn man so will, sondern doch der Körper und das weibliche Selbst wird sehr stark in Szene gesetzt.

Islamische Kleidung - starke Pose

Dort wird auch alles, was es so an Vorstellungen zu muslimischen Frauen gibt – das heißt, sie ist zurückhaltend, sie zieht keine kräftigen Farben an oder enganliegende Kleidung, idealerweise entzieht sie sich dem Blick fremder Männer –, und diese Frauen tun genau das Gegenteil: Obwohl sie auf den ersten Blick eine islamische Bekleidung tragen, setzen sie sich sehr stark in Pose. Mich hat eben auf den ersten Blick erst mal dieser offensichtliche Widerspruch sehr stark interessiert, und in dieses Phänomen gucke ich rein.

von Billerbeck: Was heißt das aber jetzt, wenn Frauen da mit diesem Rollenbild spielen in den Social-Media-Plattformen, Instagram zum Beispiel, was bedeutet das für ihre Identität und auch ihr Rollenverständnis, wenn sie sich ganz anders zeigen, als das Vorurteil es erwartet?

Sagir: Meines Erachtens machen diese Frauen durch die Körperpraktik des Posens und das In-Szene-Setzen des Ichs und dadurch, dass sie es einer öffentlichen Plattform vorstellen – auf Instagram oder YouTube –, machen sie ihre Körper im Grunde genommen zu einem hermeneutischen Instrument, um die heiligen Texte neu zu deuten, ohne dass sie sich jetzt an theologischen Debatten beteiligen würden rund um ihre eigene Position, also weder an innerislamischen Debatten noch eben an außerislamischen Debatten rund um die Rolle der muslimischen Frau. Sie schaffen Fakten durch ihre Körperpraxis.

von Billerbeck: Wie erklären Sie sich denn, dass vor allem Frauen bloggen? Liegt das daran, dass sie eher oft noch unterdrückt sind oder sich nicht so geben können, wie sie es gerne wollen?

Sagir: In der Forschung zur digitalen Kultur haben wir festgestellt, dass besonders diese Plattform Instagram, vor allem Instagram, aber auch YouTube von überwiegend Frauen genutzt werden, wenn es um das Lifestyle-Blogging geht. Da ist es irrelevant, welchen weltanschaulichen Hintergrund diese jungen Frauen haben. Dafür liefert die Forschung von vielen Kollegen und Kolleginnen, aber vor allem aus der feministischen Performanztheorie verschiedene Erklärungen, unter anderem, dass sich Frauen durch die Nutzung der digitalen Kultur eigene Räume schaffen, die sie häufig in der Gesellschaft nicht finden.

"Viele Muslime und Musliminnen sind beteiligt"

Das gilt insbesondere für Musliminnen, nicht weil sie weniger oder mehr unterdrückt werden als andere Frauen, sondern weil sie hier ein Forum finden – so sind die ersten Ergebnisse, die ich aus meinen Feldaufenthalten und meinen Gesprächen mit diesen Frauen ziehen kann –, in dem sie relativ geschützt sich ausdrücken können, also aber auch körperlich, ohne dass sie jetzt einer bestimmten sozialen Kontrolle einer Gemeinde oder so ausgesetzt wären.

von Billerbeck: Trotzdem müssen sie ja vemutlich mit Widerständen rechnen, oder?

Sagir: Ja, und das ist das unglaublich Spannende, dass diese Postings und diese Praxis in der digitalen Kultur eine sehr lebendige Debatte herstellen. Wir können das sehr gut an den Nutzerpostings und Kommentaren ablesen. Sehr, sehr viele Muslime und Musliminnen sind beteiligt, und es ist interessant, welche Vielfalt an Ansichten und Auseinandersetzungen und Diskussionen sichtbar wird, die meines Erachtens möglicherweise einfach in einer Moscheegemeinde oder bei irgendeinem Austausch in dieser Form nicht existieren könnte. Das schafft natürlich ein wenig die Anonymität des Internets.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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