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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.09.2016

Tagebuch von Anne FrankDeutsche waren erschüttert, aber ohne Schuldgefühle

Von Renate Maurer

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Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)
Anne Frank (1929-45) im Jahr 1941 (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)

Mitte der 1950er-Jahre begann der Siegeszug des Tagebuchs der Anne Frank. Der sensationelle Theatererfolg sorgte zwar dafür, dass sich die Deutschen massenhaft auch mit dem Buch beschäftigten. Doch von Vergangenheitsbewältigung konnte keine Rede sein.

Am 4. August 1944 werden die beiden untergetauchten Familien Frank und van Pels in Amsterdam verhaftet. Die Sekretärin Miep Gies rettet durch Zufall Annes rot-weiß-kariertes Tagebuch, sowie Schulhefte und hunderte Seiten von Durchschlagpapier.

Als einziger Überlebender der Familie macht es sich Annes Vater Otto Frank zur Lebensaufgabe, ihr Werk zu veröffentlichen und zu verbreiten. Das Problem ist, dass es zwei Versionen gibt. Anne selbst hatte im Mai 1944 damit begonnen, ihr Tagebuch zu dem geplanten Roman "Das Hinterhaus" zu überarbeiten.

Otto Frank erstellte das Typoskript auf der Basis von Annes zweiter Version, in die er Teile aus ihrer ersten Fassung einfügte. Einen Verlag für das fertige Typoskript zu finden, war allerdings schwer.

Im Juni 1947 erschien das Tagebuch "Het Achterhuis" endlich gedruckt im kleinen Verlag Contact in Amsterdam, es verkaufte sich gut. 1950 erschien das Buch schließlich auch bei einem kleinen Verlag in Heidelberg unter dem Titel: "Das Tagebuch der Anne Frank", fand aber nur wenige Leser. Die Übersetzerin, Anneliese Schütz, war eine alte Bekannte Franks und ehemalige Journalistin aus Berlin, die Theresienstadt überlebt hatte.

Im Frühjahr 1955 brachte der Fischer Verlag das Tagebuch als preisgünstiges Taschenbuch heraus.  Auf der Titelseite: eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Franks Firma an der Prinzengracht, darüber ein signalroter Streifen, mit dem Slogan: "Ich glaube an das Gute im Menschen". Es verkaufte sich prächtig.

Faksimile des Tagebuchs der Anne Frank, herausgegeben vom Anne-Frank-Museum in Amsterdam (picture-alliance/ dpa)Faksimile des Tagebuchs der Anne Frank, herausgegeben vom Anne-Frank-Museum in Amsterdam (picture-alliance/ dpa)

Auch das Theaterstück fand viel Zuspruch, Stephan Scholz erklärt:

"Das war in der Spielzeit 56/57 das erfolgreichste Stück, das Theaterstück was am meisten aufgeführt worden ist in ganz Deutschland, und das blieb auch die kommenden Jahre erstmal so."

Das Anne-Frank Bild der deutschen Leser aber blieb bis in die 80er Jahre vom stilistisch gezähmten und politisch entschärften "Tagebuch der Anneliese Schütz" geprägt – zusammen mit der amerikanisierten Bühnenfassung. Erst 1979 schaffte es die amerikanische TV-Serie "Holocaust", die deutschen Zuschauer wirklich tiefgehend zu erschüttern.

"Das waren regelrechte Schockbilder – also, die Bilder, die Szenen, die im Tagebuch ausgespart bleiben, zwangsläufig. Und das hat nochmal ne sehr viel stärkere Beschäftigung ausgelöst mit dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung und -Vernichtung generell und nochmal ein sehr viel intensiveres Nachfragen ermöglicht: wie konnte das passieren und wie ist es genau passiert."

… sagt Stephan Scholz.

Erst 1986 erschien in den Niederlanden und 1988 in Deutschland das "vollständige" Tagebuch in neuer Übersetzung von Mirjam Pressler, die Anne wieder ihre schwungvolle Sprache zurückgab. Es ist um ein Drittel umfangreicher.

Das komplette Manuskript der Sendung zum Nachlesen finden Sie hier.

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