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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 06.03.2015

Tänzerin Tatjana BarbakoffPorträt einer vergessenen Frau

Von Étienne Roeder

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Der Fuß einer Tänzerin der Ballettschule der Oper in Nanterre, (AFP PHOTO / Lionel Bonaventure)
Tatjana Barbakoff war Autodidaktin und hatte nur als Kind Ballettunterricht. (AFP PHOTO / Lionel Bonaventure)

Die Tänzerin Tatjana Barbakoff berührte in den 20er-Jahren mit ihrem Ausdruck die Massen - und das, obwohl sie nie eine professionelle Tanzausbildung hatte. Sie begeisterte Publikum und Künstler gleichermaßen.

"Geist und Energie, das Erlöste ihres Daseins, die selige Entrücktheit über die Welt der fremd an uns herangetretenen Forderungen und Gesetze. Wie hypnotisiert steht man unter dem unwiderstehlichen Einfluss dieser Tänzerin."

"Traumhaft. Ihr Gesicht, ihr Minenspiel, so ganz sich in sich selbst bewegend, so ganz ohne jeden Willen mit uns im Zuschauerraum in Verbindung zu treten. Und ihre Tänze waren Träume, auch zauberische Brücken, von Stille zu Stille geschlagen. Und auf dieser Brücke stand die Tänzerin... Tatjana Barbakoff."

Wie poetische Liebesbekundungen lesen sich die Rezensionen, die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts über Tatjana Barbakoff in den großen Zeitungen des Landes zu lesen sind. Ob in Düsseldorf, Berlin, Paris oder München, überall in Theatern und Varietés waren ihre tänzerischen Darbietungen außergewöhnliche Ereignisse. Als Tochter einer chinesischen Mutter und eines russisch- jüdischen Vaters wird sie 1899 als Tsipora Edelberg in Lettland geboren, das damals noch zum zaristischen Russland gehört. Durch den Anblick der Kostüme, die ihre Mutter aus China nach Europa brachte, entwickelt sich bei ihr eine tiefe Sehnsucht nach dem ästhetisch Fremden, sie beginnt mit zehn Jahren Ballettunterricht zu nehmen und schon bald darauf weiß sie, dass der Tanz ihre Leidenschaft ist dieser Sehnsucht einen Ausdruck zu geben. Ohne professionelle Tanzausbildung entwickelt die Autodidaktin später über 50 verschiedene Choreografien, in denen pantomimische Elemente ihren Tänzen eine ganz eigene Form geben. Klangvolle Namen wie Parodie auf Dadaismus, gotisches Kirchenfenster, Altchinesische Andachtsstudie oder Durch Gärten tragen ihren Ruf voraus.

Dix portätierte sie

Nachdem sie mit ihrem Mann, einem deutschen Offizier, nach Deutschland gekommen war, bewegt sie sich schon bald im Umkreis des Jungen Rheinlands, einer progressiven Künstlergruppe in Düsseldorf, zu der neben Otto Dix und Max Ernst auch Gert Heinrich Wollheim gehört. Dix portraitiert sie. In Berlin verewigt die Modefotografin Yva Tatjana Barbakoff in mehreren Fotografien. In einem en-face Portrait, das im Gegensatz zu dem Bild von Dix noch erhalten ist, richten Barbakoffs schmale Augenbrauen hohe Bögen auf, verspielt und traurig zugleich gleitet ihr Blick sanft nach unten ins Leere. Die Fotografen Minya Dührkoop und Willy Maybaum lichten ihre expressionistischen Tänze in ihren selbst geschneiderten Kostümen ab, der Maler Otto Pankok fertigt eine Gipsmaske ihres Gesichts an.

Max Ernsts erste Frau, Lou Strauss Ernst beschreibt die Barbakoff in der Zürcher Weltwoche 1934:

"Eine eigenartige Erscheinung dieser Frau, die kleine Gestalt mit den grazilen, doch festen Händen, das fein gemeißelte Köpfchen mit dem streng zurückgelegten Lackschwarzen Haar, der elfenbeinernen Haut und den sehr roten Lippen, die man fast eher sieht als die glänzenden klugen Augen über leis mongolisch gewölbten Wangen. Seltsame Mischung von Geistigkeit und Unbewusstheit in diesen Zügen, die nur in einer leisen Regung der Mundwinkel manchmal etwas von dem überlegenem Humor verraten, der diese Frau vor vielen Künstlerinnen auszeichnet."

Sie muss fliehen, weil sie Jüdin ist

Das Künstlerumfeld des Jungens Rheinlandes ist ihr Sprungbrett, umjubelte Auftritte in Deutschland und der Schweiz folgen. Mit dem sich drehenden Wind der Zeit wird Barbakoffs Arbeit in den 30er Jahren zunehmend politischer, fast prophetisch. In der Choreografie mit dem Namen "Erde, mongolischer Fahnenträger, am Pranger" tanzt sie einen fanatisch-feurigen Fahnenträger, Kunst und Menschen vernichtend  – im Jahr 1934 als auch im Tanz schon eine chiffrierte Sprache gefunden werden muss.

Kurz darauf muss sie fliehen, weil sie Jüdin ist. In Paris tritt sie ohne Arbeitserlaubnis weiterhin auf. 1944 dann wird sie in ihrem Versteck an der Côte d´Azur von der Gestapo verhaftet, nach Auschwitz deportiert und sofort ermordet.

Der Nachwelt sind Hunderte von Zeitungsartikel hinterlassen, in denen ihre außergewöhnliche Erscheinung bewundernd beschrieben wird. Die Bilder und Fotografien von ihr sind über die Museumslandschaft als Teil der Werke berühmter Männer und Frauen verstreut oder in Privatbesitz. Und darüber hinaus? Bleibt nicht viel von Tatjana Barbakoff. Es haben sich keinerlei Filmsequenzen ihrer Auftritte erhalten, keine Tonaufnahmen, nichts Niedergeschriebenes von ihr selbst. Die Ästhetik ihrer Tänze, in denen sie traumgleich über die Bühne schwebte und die Menschen verzauberte, scheint für immer verloren. Der fest eingesetzte, harte Stolperstein vor dem Renaissance Theater in Berlin Charlottenburg steht heute bildhaft für diesen Verlust. 

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