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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.01.2018

Szczepan Twardoch: "Der Boxer"Tragische Schicksale im Zwischenkriegs-Polen

Von Olga Hochweis

Buchcover "Der Boxer" von Szczepan Twardoch, im Hintergrund Boxhandschuhe am Seil eines Boxrings (Rowohlt Verlag / picture-alliance / Stefan Matzke)
Buchcover "Der Boxer" von Szczepan Twardoch, im Hintergrund Boxhandschuhe am Seil eines Boxrings (Rowohlt Verlag / picture-alliance / Stefan Matzke)

"Der Boxer" ist im Polen zwischen beiden Weltkriegen angesiedelt: Der einfallsreich konstruierte Roman liest sich spektakulär und wirft die Frage nach einer polnischen Identität auf. Manches ist Szczepan Twardoch aber recht holzschnittartig geraten.

Am Anfang steht ein Boxkampf: Zwei Männer aus gegensätzliche Milieus kämpfen im Warschau des Jahres 1937 gegeneinander. Der Pole und Katholik Andrzej Ziembinski ist blond und groß, "wie die deutschen Sportler, arische Halbgötter auf den Fotos und Zeichnungen, die man manchmal in den Illustrierten fand." Sein Gegner Jakub Shapiro ist polnischer Jude, "anders schön als Ziembinski, eine gleichsam finstere Art von Schönheit." Shapiro triumphiert – und verschafft der geschundenen Seele seines jüdischen Publikums Genugtuung.

Angesiedelt in Polen zwischen den Weltkriegen

Szczepan Twardoch hat auch seinen jüngsten Roman "Der Boxer" in einem entfernten historischen Kontext angesiedelt – diesmal im Zwischenkriegs-Polen, als nach dem Tod Jozef Pilsudskis 1935 die rechtsnationalen und rechsradikalen Kräfte (zum Beispiel die faschistische Falanga-Bewegung) zunehmend politischen Druck ausüben. Die polnischen Juden, rund ein Zehntel der polnischen Bevölkerung, leben in eigenen Vierteln Warschaus und werden von der Mehrheitsgesellschaft zunehmend diskriminiert. Es gibt Boykotte und Pogrome.

Twardoch beschreibt etwa, wie an der Universität ein sogenanntes "Hörsaal-Ghetto" eingeführt wird, bei dem jüdische Studenten in ausgewiesenen Bänken sitzen müssen. Der Titelheld Jakub Shapiro genießt zwar als Mann fürs "Grobe" im Dienst des (nicht-jüdischen) Unterwelt-Paten Jan Kaplica besonderes Ansehen und Macht-Privilegien, aber er kennt sehr gut auch die andere, ausgegrenzte Seite – etwa durch seinen Bruder Moryc, einen Zionisten, der den Antisemitismus an der Uni am eigenen Leib erlebt.

Moryc wie auch Shapiros Lebensgefährtin Emilia, Mutter seiner zwei Söhne, drängen auf die Ausreise nach Palästina. Die Dokumente und Fahrkarten sind bereits gekauft, als der verhaftete Pate Kaplica in der Folge eines (historisch nicht belegten) Putschversuchs stirbt und der Jude Shapiro buchstäblich im letzten Moment dessen Nachfolge als neuer "König von Warschau" antritt.

Atmosphärisch dicht und detailreich

Die atmosphärisch dicht und detailreich erzählte Geschichte mit vielen Haupt-und Nebenfiguren trägt Züge eines Thrillers: Action und nicht wenig Brutalität kennzeichnen viele Szenen. Die Lektüre wird durch eine komplexe Erzählerstimme spannungsreich.

Ein allwissender Ich-Erzähler namens Mojzesz Bernstein (später heißt er Mojzesz Inbar) führt zunächst durch die Geschichte als ein alter, gebrochener Mann, ein ehemaliger Militär, der sich Jahrzehnte später in seiner zweiten Heimat Israel an 1937 erinnert: wie er als 17-Jähriger den legendären Boxkampf in Warschau erlebt hatte – zwei Tage nachdem sein Vater Naum von Jakub Shapiro wegen ausgebliebener Schutzgeld-Zahlungen bestialisch ermordet und gevierteilt wurde. Der Mörder selbst nimmt sich des vaterlosen Jünglings an, nimmt ihn mit auf seinen Touren, in Kneipen und Bordelle, bringt ihm den Boxsport bei.

Immer deutlicher zeigt sich im Verlauf der Geschichte, daß Mojzesz und der Boxer identisch sind. "Mag sein, daß das alles auch gar nicht mir passiert ist, vielleicht hat Shapiro mir diese Geschichte erzählt? Unsere Leben fliessen in eins zusammen", heißt es im Roman. Die Tatsache, dass in der Figur des Jakub Shapiro mehrere Personen zusammenfließen, wirft die Frage nach einer polnischen Identität auf. Sie spielt auch in den vorangegangen Romanen des bekennenden Schlesiers Twardoch eine zentrale Rolle.

Holzschnittartige Frauenfiguren

Der Roman liest sich spektakulär, in einer virtuosen Sprache und einfallsreich konstruiert – und lässt einen doch über weite Strecken merkwürdig ungerührt. Trotz der tragischen Schicksale und genau recherchierter historischer Umstände wirkt vieles in diesem Roman wie eine hohle Filmkulisse. Besonders holzschnittartig geraten Twardoch die Frauenfiguren, ob sie im Bordell arbeiten oder der Jeunesse dorée Warschaus angehören. Man hätte sich statt greller Farben und inhaltlicher "Knaller" mehr Tiefe und Differenzierung gewünscht.

Szczepan Twardoch: Der Boxer
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
464 Seiten, 22,95 Euro

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