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Buchkritik | Beitrag vom 12.11.2020

Szczepan Twardoch: "Das schwarze Königreich"Wie ein jüdischer Unterweltkönig alles verliert

Von Frank Meyer

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Buchcover von Szczepan Twardoch: "Das schwarze Königreich", Rowohlt, 2020. (Rowohlt / Deutschlandradio)
Der Roman "Das schwarze Königreich" zieht tief hinein in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. (Rowohlt / Deutschlandradio)

Szczepan Twardoch erzählt in "Das schwarze Königreich" vom Sterben und Überleben der jüdischen Warschauer in der NS-Zeit. Ein gewagter Roman, der heikle Themen aufgreift: polnischen Antisemitismus und Kollaboration von Juden mit den deutschen Besatzern.

Sie geht "in der dunklen Nacht auf Beutezug, die Fleischreste abkratzen vom Skelett der toten Stadt, ihr hartgefrorenes Aas benagen". Das ist der abenteuerliche Sound des neuen Buches von Szczepan Twardoch. Es erzählt vom Sterben und vom Überleben der jüdischen Warschauer unter der deutschen Besatzung, in einem gewagten Roman, der einem die Geschichte, die er erzählt, dramatisch nahebringt.

Twardoch ist Jahrgang 1979 und einer der bekanntesten Schriftsteller in Polen. Vor drei Jahren hat er einen Roman über einen fiktiven jüdischen Boxer, Kriminellen und Unterweltkönig namens Jakub Shapiro veröffentlicht, das Buch ist zu einem großen internationalen Erfolg geworden. "Der Boxer" hieß der Roman bei uns, er spielt in den 1930er-Jahren in Warschau. "Das schwarze Königreich" ist eine Art Fortsetzung des "Boxers", mit dem gleichen Personal, aber in einer radikal veränderten Welt.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen zieht Jakub Shapiro noch entschlossen in den Krieg, um die Stadt seines Unterwelt-Königreiches zu verteidigen, sein geliebtes Warschau. Die Niederlage der polnischen Armee ist auch seine Niederlage, er verliert alles: seine Geschäfte, seine Villa, seine Frau und seine Kinder, seinen Stolz. Im Warschauer Ghetto geht er zur so genannten "Judenpolizei" und wird zu einem Handlanger der Deutschen. Nach dem niedergeschlagenen Aufstand im Ghetto versteckt ihn seine Geliebte, die jüdische Bordellbesitzerin Ryfka. Sie ist es, die nachts im zerstörten Warschau, in der "toten Stadt" auf Beutezug geht, für sich und für den völlig erloschenen, apathischen Jakub Shapiro.

Fast alle Figuren sind ambivalente Charaktere

Ryfka ist eine der Erzähl-Stimmen in diesem Roman, die zweite gehört David, einem der Söhne Jakub Shapiros. Sie erzählen von einem fernen, jenseitigen Ort aus, "Hiermals" genannt, an dem sie alles sehen und erinnern, ohne noch in die Welt eingreifen zu können. Das gibt dem Roman eine metaphysische Ebene, und es ist ein erzähltechnischer Trick, mit dem Szczepan Twardoch einen weiten Kreis von Geschichten in seinen Roman hineinholen kann. Eine der beeindruckendsten ist die des Ukrainers Miron. Er hat in Stalins Hungerterror seine gesamte Familie verloren und ist in seiner Trauer zu einem tief verbitterten Kommunisten- und Judenhasser geworden. In Warschau kämpft er in deutschen Hilfstruppen gegen den jüdischen und den polnischen Aufstand.

Szczepan Twardoch geht mit diesem Roman heikle Themen an, den polnischen Antisemitismus und die Kollaboration von Juden mit den deutschen Besatzern. Fast alle seiner Figuren sind ambivalente Charaktere, sie stecken in einer Leidensgeschichte, die Twardoch ohne Scheu vor grellen Effekten ausbreitet. Der Roman könnte gut mit weniger drastischen Gewalt- oder Sexszenen auskommen, aber dennoch zieht er einen tief hinein in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Szczepan Twardoch: "Das schwarze Königreich"
Roman
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020
413 Seiten, 24 Euro

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