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Studio 9 | Beitrag vom 04.12.2015

Syrien-Einsatz der BundeswehrViele Fronten, wechselnde Allianzen

Von Björn Blaschke

Rebellen der sogenannten Freien Syrische Armee feuern selbstgebaute Bomben auf die Stadt Aleppo ab. (Imago)
Rebellen der sogenannten Freien Syrische Armee feuern selbstgebaute Bomben auf die Stadt Aleppo ab. (Imago)

Der Bundestag hat mit großer Mehrheit dem Syrien-Einsatz zugestimmt. Doch gegen wen genau wird die Bundeswehr dort kämpfen? Ein Überblick über die verworrenen Fronten.

Seit mehr als vier Jahren kommen nun schon fast täglich die immer gleichen Bilder aus Syrien - Bilder von Toten, Verletzten, Zerstörung. Bilder, die das Leid der Menschen kaum vermitteln können. Bilder eines Krieges - nicht aller gegen alle, aber vieler gegen viele.

Dabei ist die Situation am Boden oft schwer durchschaubar: Frontlinien verschieben sich, alte Allianzen werden aufgekündigt und neue eingegangen. Der Führung in Damaskus, an deren Spitze Präsident Bashar al-Assad steht, halten die regulären Streitkräfte die Treue. Dazu kommen die sogenannten Shabiha, also Milizen. Außerdem Kämpfer der Hisbollah, einer schiitischen Organisation aus dem Libanon, aber auch schiitische Kämpfer aus dem Irak und - wie es heißt - aus dem Iran und Pakistan.

Dank an Putin

Seit einigen Wochen mischt auch die russische Luftwaffe mit - wofür die Führung sich regelmäßig dankbar zeigt, zum Beispiel in Peron von Außenminister Walid Moallem:

"Erlauben Sie mir im Namen des syrischen Volkes, meinen Dank an Präsident Putin zu richten für seine Bemühungen bei der Bekämpfung des Terrorismus und für seine Freundschaft."

Seit die russische Luftwaffe die verschiedenen Kampfverbände am Boden und damit auch die Führung in Damaskus unterstützt, konnten die Regimeeinheiten verlorenes Gelände zurückerobern. Das syrische Staatsfernsehen wird nicht müde, das zu betonen.

Drei große islamistische Organisationen

"Brutal ist die Schlacht mit der Terrororganisation Daesh", sagt der Korrespondent des Staatsfernsehens, wobei der arabische Ausdruck "Daesh" bedeutet: "Islamischer Staat im Irak und in Syrien". Im Deutschen mittlerweile nur noch abgekürzt mit IS. Dessen Kämpfer sind insbesondere an den Grenzen zur Türkei und zum Irak, im Nord-Osten und Osten Syriens stark.

Eine andere islamistische Organisation ist kaum weniger aktiv: die Al-Nusra-Front, der offizielle Al-Kaida-Ableger in Syrien. Und noch eine dritte große islamistische Organisation macht von sich Reden: die Ahrar al-Shaam. Sie wird unterstützt von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei.

Neben den Islamisten sind in Syrien noch kurdische Milizen vertreten, turkmenische und die Freie Syrische Armee, kurz FSA. Sie setzen sich vor allem zusammen aus desertierten Soldaten der regulären syrischen Streitkräfte, aber auch aus einstigen Zivilisten, die gegen Assad arbeiten. Der Westen unterstützte die FSA von Anfang an, zunächst weniger, mittlerweile mehr und mehr.

Sich bekämpfende Milizen

Es ist diese Vielzahl an Kriegsteilnehmern, die die Karte des Landes bestimmt: Assad und seine Getreuen beherrschen nur mehr ein Fünftel des Territoriums. Die restlichen vier Fünftel kontrollieren Milizen, die unterschiedliche Ideologien haben und deshalb nicht nur die Führung in Damaskus bekriegen, sondern bisweilen auch einander.

Die Hälfte der Syrer wurde inzwischen durch die Kämpfe vertrieben. Mehr als vier Millionen Syrer wurden vom UN-Flüchtlingshilfswerk in den Nachbarländern Syriens registriert, fast acht Millionen Menschen sind im Land selbst auf der Flucht.

 

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