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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.07.2017

Symposium "Writing in Exile"Schluss mit dem Betroffenheitstheater

Von Werner Bloch

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Das Sama-Hochhaus in Beirut, der Hauptstadt des Libanons, im März 2016. (picture alliance/dpa/Wael Hamzeh)
Von Beirut aus will der AFAC die Arbeit arabischer Künstler unterstützen. (picture alliance/dpa/Wael Hamzeh)

Arabische Künstler, Schriftsteller und Filmemacher werden hierzulande oft nur dann wahrgenommen, wenn sie Flucht, Vertreibung und das Leben im Exil in ihren Arbeiten thematisieren. Der unabhängige arabische Kulturfonds will das ändern.

Ein Land im Koma. Syrien im Wachkoma. Dargestellt durch die Figur eines Patienten, der von der Polizei zusammengeschlagen wurde und der im Krankenhaus liegt. Jetzt kommen seine Freunde und erzählen an seinem Bett ihre Geschichte, einer war mal Islamist und spielt jetzt den DJ.

Das Stück "While I was waiting" hat der syrische Autor Mohammed al Attar geschrieben. Er ist so etwas wie der Shooting Star der syrischen Theaterszene im Exil. Der 32-Jährige mit dem braunen Pferdeschwanz feiert Erfolge. Er wird in der New York Times besprochen und zu großen Festivals eingeladen. Er lebt seit fünf Jahren in Berlin, doch glücklich ist er hier nicht.

Im September wird er dabei sein wird, wenn die neue Volksbühne unter Chris Dercon eröffnet – eigentlich eine Auszeichnung, könnte man meinen. Doch al Attar ist unzufrieden.

"Wollen Sie eine ehrliche Antwort? Ich fühle mich schlecht ... Ich bin ja nicht freiwillig nach Berlin gekommen, ich wäre viel lieber in Beirut geblieben. Berlin ist kulturell gesehen ein fantastischer Ort. Aber es fehlt etwas. Ich will auch nicht in einen Konflikt wie den um die Volksbühne hineingeraten, den ich als Ausländer einfach nicht verstehe."

Ganz auf sich allein gestellt ist Mohammed al Attar in Berlin trotzdem nicht. Er wird vom AFAC gefördert, einer ehrgeizigen Organisation mit Sitz in Beirut. Sie fördert die Arbeit arabischer Künstler, Autoren und Filmemacher und will damit die kulturelle Landschaft verändern.

Die Direktorin Rima Mismar: "Afac steht für Arab Fund for Arts Culture – aber auf arabisch bedeutet das Wort Afac auch Horizont. Es wurde 2006 von Privatleuten gegründet, die sich für eine lebendige Kunstszene einsetzen. Wir wissen, dass es im Nahen Osten sehr viele Talente gibt, aber wir brauchen eine Organisation, die diese Talente fördert und sich um sie kümmert. Das ist neu in der arabischen Welt. Denn die arabischen Länder haben in der Regel gar keinen Sinn für Kulturförderung, sie geben kein Geld für Künstler, und wenn doch, dann sind damit Einschränkungen verbunden und eine politische Agenda, die Erwartung von Ergebenheit."

Flüchtlingscamps zu Weltkulturerbe

Die arabische Welt, sagt Rima Mismar, müsse die Unabhängigkeit der Kultur erst erstreiten. Und darum geht es: den Künstlern unabhängige Arbeit zu ermöglichen.   

Dank AFAC kommt das Geld nun von Privatleuten und Organisationen aus Ägypten und Libanon, Saudi-Arabien, Kuweit oder den Emiraten. Übrigens eine sehr erfolgreiche Förderung. Auf der letzten Berlinale haben die von AFAC geförderten arabischen Künstler zwei Preise gewonnen.

AFAC will aber keine brave, politisch korrekte Organisation sein, von denen es schon so viele gibt.  AFAC unterstützt zum Beispiel eine Initiative, die fordert, dass Flüchtlingscamps als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt werden. Rima Mismar:

"Diese Initiative – Flüchtlingscamps zu Weltkulturerbe – ist natürlich ein eher poetischer Ansatz. Aber er ist interessant. Es gibt seit Jahrzehnten Flüchtlingscamps in aller Welt, besonders viele im Nahen Osten. Dort hat sich ein eigenes Wissen entwickelt, es gibt dort eine eigene Ökonomie – und die Frage ist tatsächlich, was wir davon lernen können."

Nicht die Integration des Flüchtlings, wie sie in Deutschland gebetsmühlenartig gefordert wird, ist, ist hier das Thema, sondern umgekehrt: Was können wir von dem Flüchtling lernen? Und wie kann man ihm helfen, seine Unabhängigkeit wahrzunehmen.

Schluss mit dem Leidensporno!

Lernen zum Beispiel auch von Theaterautoren wie Mohammed al Attar. Autoren mit einem frischen Blick auf die Geschichte. Und auf der Suche nach Formen, die auch politisch korrekten Inhalten eine neue Form auf dem Theater geben.

Aber, und auch das beantwortet al Attar: Brauchen wir überhaupt syrisches Migrantentheater, wie es inzwischen an jedem Stadttheater gezeigt wird? Kann es nicht sein, dass das den Deutschen auf die Nerven geht?

Er glaube tatsächlich, dass es einen solchen Überdruss geben wird. Und er möchte selbst das Ende des Migrantentheaters sehen. Aber er wolle auch weg von dem Leidensporno, der uns immer aufgetischt wird, dem Betroffenheitstheater. Es komme einfach auf die Qualität eines Stücks an, nicht auf das Thema, auf das Politiker und Journalisten gerne starren. Das müsse erst noch gelernt werden.

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