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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2015

Symposium in HeidelbergWas macht das politische Musiktheater?

Von Frieder Reininghaus

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"Abends am Fluss" am Theater Heidelberg (picture alliance / dpa / Uli Deck)
"Abends am Fluss" am Theater Heidelberg (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Unserer Gesellschaft sind die politischen Visionen abhanden gekommen - und das hat auch Folgen für das Musiktheater. Über dieses Thema diskutierten nun Regisseure und Interpreten bei einem Symposium in Heidelberg.

Seit den ersten Anfängen der Oper verhandeln deren Texte politische Themen oder Stoffe mit politischen Konnotationen. Freilich tauchte der Begriff des "politischen Musiktheaters" erst vor etwa 50 Jahren auf - als Reflex auf den verordneten politischen Konsens hinsichtlich eines ganz überwiegend auf die Musik fixierten Opernverständnisses. Auf das hatte sich, um die politischen Kontaminierungen des Musiktheaters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts außer Acht lassen zu können, die Vätergeneration verständigt.

Dagegen rührte sich seit den 1960er-Jahren Widerstand. Vehement wurde die nun einsetzende "Politisierung" des allerbürgerlichsten Kunstbezirks abgewehrt: All das, was an verschiedenen Ecken Europas sich regte und nun zu "entlarven" versprach, Einspruch artikulierte und Intervention verlangte. Bald aber wurde und blieb die "politische Oper" eine vorwiegend deutsche Angelegenheit - eine ästhetische Strömung ohne erkennbare politische Relevanz.

Muss Kunst ein kritisches Korrektiv sein?

Die erhält auch von außen Zufuhr. Zum Beispiel durch die israelisch-amerikanische Komponistin Chaya Czernowin, die in Heidelberg neben dem Hamburger Johannes Harneit und dem Stuttgarter Marko Nikodijević sowie dem als Repräsentanten der österreichischen politischen Oper geltenden Bernhard Lang aufs Podium gebeten worden war. Czernowin hält sich "explizit wie implizit" für eine "politische Komponistin"; aber sie will nichts davon wissen, dass Kunst kritisch und Korrektiv sein oder Wächterfunktion ausüben kann:

"Die Kunst muss zuallererst nicht plakativ sein. Denn alles, was man in Kunst macht, soll uns erwecken. Ich will aber in zwei, drei oder vier Stunden so eine Situation erzeugen, dass man, wenn man vom Theater weggeht, nachdenken muss. Denn dann wird man etwas wacher und nicht automatischer Pilot. So bin ich politisch."

Nicht ganz frei von Ironie fragte der Stuttgarter Dramaturg Patrick Hahn die Komponisten: "Wollt ihr nicht ganz gern auch unverstanden sein?" Musiktheater sei eine "sehr alte Maschine, in anachronistischer Weise langsam, allerdings von amerikanischen Idealen wie Verkaufs- und Einschaltquote unterwandert", gab Bernhard Lang zu bedenken. In Österreich würden von den großen Institutionen seit zehn Jahren keine größeren Musiktheaterprojekte mehr in Auftrag gegeben (bestenfalls einige in Deutschland bereits bezahlte Arbeiten importiert). Und er warnte: Vier Jahrhunderte lang sei europäische Identität in erheblichem Maß über das Theater bewerkstelligt worden. Diese Fundierung drohe jetzt abhanden zu kommen (jedenfalls müsse die Oper mit anderen Faktoren der Identitätsbildung teilen).

Ein Geldregen für das strunzdumme Volk

Von solchen Erwägungen gänzlich unbeschwert erinnerte sich der Peter Konwitschny, dass er sich nicht von Anfang an als politischer Regisseur verstand:

"Es gab einen Ahapunkt, an dem ich begriffen habe, wodurch der Kapitlaimus zusammengehalten wird: dass Gott zu Geld geworden ist und das Geld unser Gott. Und dass wir sozusagen gottlos sind. Wir haben die religiöse Verbindung zur Welt verloren."

Zum naturschönen Text von Gero Troike und der mit großem Differenzierungseifer gefertigten Musik von Johannes Harneit hatte Konwitschny am Vorabend mit "Abends am Fluss" und "Hochwasser" schließlich doch noch einen optischen politischen Akzent gesetzt und die DDR-Flagge riesengroß vom Bühnenhimmel herabsenken und vor ihr einen warmen Geldregen auf ein strunzdummes Volk herunter segeln lassen. Von der Fahne aber wurden Fäustel, Stechzirkel und Ährenkranz weggetragen.

Nicht als Einziger verwies Konwitschny darauf, dass in einer Gesellschaft, der die politischen Visionen abhanden gekommen sind, das neue Musiktheater mit einem poetisch-politischen Anspruch schwer hat. Ja, so ist es - zumal, wenn es im Kern auf musikimmanente Materialfragen fixiert bleibt, mit oder ohne politischen Bonus, mit und ohne Veränderungsanspruch. Von dem sind nur noch einige junge Dramaturginnen durchtrieben, die vor allem auf Nachwuchsarbeit unter der bildungsferneren Zuwandererjugend setzen - und die Intendanten der Stadttheater, die - politisch allemal korrekt - Theater für die jeweilige Stadt ihrs Wirkens versprechen. Dahin ist es der sozialdemokratisierte Begriff des "politischen Musiktheaters heute" gebracht.

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