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Religionen / Archiv | Beitrag vom 30.03.2013

Symbol und Kraft

Die Hasen des Joseph Beuys

Von Adolf Stock

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Ein Feldhase auf verschneitem Acker (Lanuv)
Ein Feldhase auf verschneitem Acker (Lanuv)

Auch für den 1986 verstorbenen Joseph Beuys war der Hase, der zu Ostern eine wichtige Rolle spielt, eine zentrale Figur - als Inkarnation von Tod und Auferstehung. Der Anstoß dazu kam von Krim-Tataren, die Beuys im Zweiten Weltkrieg retteten.

Ein grob behauenes Holzkreuz liegt quer auf dem Boden in einem kargen Raum. Über das Kreuz gebeugt steht der junge Joseph Beuys mit seinem berühmten Hut, dem Markenzeichen des Künstlers. Das Foto von Willy Maywald stammt aus den 50er-Jahren, aufgenommen in einem alten Hotel in der Klever Unterstadt, wo Joseph Beuys seine erste Werkstatt hatte. Das Holzkreuz steht am Anfang seiner Karriere, ein Auftragswerk der Stadt Büderich für die Gefallenen der Weltkriege.

Seit September 2012 ist das Atelier Teil des erweiterten Museums 'Kurhaus Kleve'. Am authentischen Ort wird an Joseph Beuys erinnert, mit einer wilden Mischung von Exponaten: kleinere Arbeiten, der erste Malkasten, Tierknochen, Blattgold und ein Fläschchen Hasenblut.

Auf die Frage, ob er Humanist sei, hat Beuys einmal geantwortet, er sei lieber ein Hase.

"Er wollte damit sagen, mit dem Humanismus kommen wir so gar nicht weiter. Humanismus ist weitgehend immer die Beschwörung von bestimmten Idealen, denen man gar nicht widersprechen kann, ja, denen man auch nicht widersprechen darf. Auf der anderen Seite hat dieser Humanismus aber auch bewiesen, dass er zum Beispiel nicht die Kraft hatte, die ganzen Fürchterlichkeiten zu verhindern, die wir in der deutschen Geschichte aufzuweisen haben."

Johannes Stüttgen interpretiert den Satz seines Lehrers. Stüttgen wurde 1945 im deutsch besetzten Tschechien geboren und wuchs am Niederrhein auf. Später hat er in Münster bei Joseph Ratzinger Theologie studiert, danach wechselte er zur Kunst und wurde Meisterschüler von Joseph Beuys.

Unvergessen, wie 1982 auf der Kasseler documenta aus der Zarenkrone Iwan des Schrecklichen ein kleiner Friedenshase wurde. In den 50er-Jahren hatte ein Düsseldorfer Altstadtwirt die Kopie der Zarenkrone von einem Juwelier anfertigen lassen. Das Original hatte ihm der Schwiegersohn von Nikita Chruschtschow geborgt. Seitdem konnten die Gäste aus einer russischen Zarenkrone Wodka trinken und sich dabei fotografieren lassen. Das kleine Vergnügen hatte sich abgenutzt, und Joseph Beuys bekam die Krone von dem Kneipenwirt. Auf dem Kasseler Friedrichsplatz inszenierte dann Beuys den alchimistischen Schmelzvorgang. Johannes Stüttgen war damals dabei.

"Ich war derjenige, der dieses Einmachglas in der ganzen Zeit gehalten hat, und Beuys hat von dieser Zarenkronenkopie natürlich am Anfang erst einmal die Edelsteine abgepiekst – mit einer Nagelschere übrigens – und hat dann diese Edelsteine in dieses Einmachglas gelegt. Er hat das Kreuz oben abgeschraubt und so weiter und so fort, also ich war direkt ganz eng dabei, und man muss sagen, diese Aktion war ja selber eine Art von 'Haken schlagen'."

Aus der russischen Zarenkrone, einem Symbol der Macht, sollte ein Friedenszeichen werden. Auf dem Friedrichsplatz wurde ein großes Podest aufgebaut, und dann kam Joseph Beuys.

"Es begann schon damit, dass man ihn fragte: Wo hast du denn jetzt die Kopie der Zarenkrone? Die hatte er in einer Plastiktüte, mit dem Kommentar, da vermutet sie ja keiner. Gut, und dann war auf diesem Podest ein Ofen aufgebaut mit Ziegelsteinen. Zum Schmelzen von Gold braucht man gewaltige Temperaturen, das war nicht ganz ohne Risiko. Das war ja eine sehr dramatische Situation, und diese Dramatik war auf der anderen Seite natürlich wichtig für die gesamte Stimmung und Atmosphäre, die dieser, man kann sagen, alchemistische Schmelzvorgang hatte. Denn – keine wusste, dass ein Hase dabei herauskommen würde."

Es blieb immer die Frage, was macht Beuys jetzt mit dem Gold?

"Er hatte ein Mikrofon immer zur Hand, und die Leute, die nun unterhalb der Empore da standen und den ganzen Friedrichsplatz erfüllten und überhaupt gar nichts sehen konnten, die hörten dann in Abständen Namen, die der Beuys dann ins Mikrofon rein rief wie zum Beispiel Agrippa von Nettesheim, Paracelsus – das war eine sehr schöne Stimmung."

Beuys beschwor die Alchemisten. Für ihn war der kleine goldene Hase eine soziale Skulptur, der Beleg einer Metamorphose, die den Menschen das Menschsein lehren sollte.

Als Verwandlungskünstler und als Symbol der Fruchtbarkeit spielt der Hase in der christlichen Heilsgeschichte eine beachtliche Rolle. Auf Dürers Kupferstich 'Adam und Eva" steht er für paradiesische Lebensfreude. Und auf vielen Gemälden der Renaissance und des Mittelalters wird der Hase zum Symbol der Wiederauferstehung. Es lassen sich viele Hasen in Kunstwerken finden, sagt die Berliner Kunsthistorikerin Annemarie Jaeggi:

"Es gibt Darstellungen der Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm, und zu ihren Füßen ist ein Hase dargestellt. Und angeblich hat das die Bedeutung, dass der Hase, wenn er schläft, die Augen nicht schließt. Das heisst, dass er im Grunde genommen wach ist, wenn er schläft, und allgegenwärtig ist. Ein blinder Seher, das wäre eine gute Bezeichnung dafür."

Ein Hinweis auf Allgegenwart Gottes. Auch andere Kulturen verehren den Hasen. Im chinesischen Horoskop wird ihm Geduld und Sanftmut nachgesagt, und in der indischen Mythologie lehrt er die Menschen Nächstenliebe und Opferbereitschaft.

Als Joseph Beuys am 16. März 1944 über der nördlichen Krim mit dem Kampfflugzeug abstürzte, haben ihn Tataren im Schneesturm gefunden und das Leben gerettet. Mit Fett eingeschmiert, in Filz gewickelt wurde er wieder gesund, so die oft kolportierte Legende. Vielleicht hat Beuys damals auch die brennenden Kerzen in Hasenform gesehen. Man kann sie bis heute dort kaufen, denn die Tataren verehren den Hasen als Schöpfer und Bewahrer des Lichts.

"Der Hase war für Beuys das Wesen der Bewegung, das quer durch Eurasien die gesamten großen Entfernungen zwischen Ost und West eigentlich immer frequentiert, hin- und herläuft. Und wenn man es jetzt noch etwas tiefer betrachtet, dann bezieht sich diese Bewegung eben auch auf seelische Bewegung. Diese schöne alte Lied 'Armes Häschen bist Du krank, dass Du nicht mehr hüpfen kannst. Has‘ hüpf‘', also die Animation dahin, dass man sich aus der Erdkuhle, in der man im Winter verharrt hat, wieder herausspringt."

Schon im Mittelalter symbolisierte der siegreiche Kampf des Hasen gegen den Jäger den Kampf der Seele gegen den Teufel. Für Beuys war Gewalttätigkeit eine unerlöste Kraft, die transformiert werden muss, damit sie zu einer neuen Kampfbereitschaft führt: Zu einem Krieg der Ideen.

"Es gibt ja dieses wunderschöne kleine Werk von Beuys, wo ein kleiner Spielzeugsoldat, der ist vielleicht gerade zwei Zentimeter groß, auf ein Wesen abzielt, mit einem Gewehr, und dieses Wesen ist ein großer modellierter Hase. Ein imaginäres Wesen, bei dem man sieht, der ist durch diese Kugeln gar nicht zu treffen."

Ein Motiv, das es im Neuruppiner Bilderbogen, im Struwwelpeter und bei Heidedichter Hermann Löns ebenfalls gibt. Für Beuys ist der Hase der Statthalter für eine bessere Welt. Ein "Außenorgan" des Menschen. Aus dieser Einsicht zog er eine verblüffende Konsequenz, als er im November 1965 einem toten Hasen seine Kunstwerke erklärte.

"‘Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt‘. Das war eine Aktion in der Galerie Schmela in Düsseldorf, und da hat er seinen Kopf mit Blattgold überzogen und hatte einen toten Hasen in der Hand und ist mit ihm vor der Eröffnung der Ausstellung seiner eigenen Zeichnungen mit diesem toten Hasen an seinen Zeichnungen vorbeigegangen und hat ihm seine Zeichnungen erklärt. Die Besucher standen dann draußen, er war also in der Galerie alleine. Die Besucher standen draußen und konnten diesen Vorgang vom Schaufenster aus beobachten, und damals hat Beuys darauf hingewiesen, dass es einfacher sei, einem toten Hasen das Geheimnis der Kunst zu erklären als lebendigen Menschen."

Der Tod ist der große Bruder des Schlafs. Für Beuys hat der lebendige Mensch verborgene Kräfte, die erweckt werden müssen. Da könnte die Kunst helfen: Der tote Hase ist ein Zeichen für die schlafende Seele im Menschen, die wieder lebendig werden soll.

"Da haben wir das Auferstehungsprinzip, und dann haben wir auch die Erklärung, warum der Hase der Osterhase ist. Eben nicht nur als Symbol, sondern als Animator, wie soll man sagen, als eine Initiationskraft. Der Hase tritt hier also auf als eine sehr große geistige Kraft, man kann sogar sagen, als die Christuskraft."

Wohl auch das wollte uns Joseph Beuys mit seinen Hasen sagen.

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