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Tonart | Beitrag vom 13.09.2016

Sven HelbigNennt mich bloß nicht Komponist!

Von Martin Risel

Der Musiker und Produzent Sven Helbig: Er komponierte auch die Eröffnungsmusik für den Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Der Musiker und Produzent Sven Helbig: Er komponierte auch die Eröffnungsmusik für den Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Der musikalische Grenzgänger Sven Helbig will auf keinen Fall unter "Klassik-Verdacht" geraten. Deshalb mag er es nicht, wenn man ihn als Komponisten bezeichnet. Musikalisch gönnt er sich ein weites Spektrum: Er verbindet klassische Orchesterklänge und Clubsounds, Popmusik und experimentelle Kunst.

Sven Helbig ist ein Grenzgänger – zwischen politischen Systemen wie in der DDR, in der er sozialisiert wurde und der Bundesrepublik, in der sich der jetzt 46-Jährige einfügen musste. 

Zwischen musikalischen Genres - wenn er mit klassischen Orchestern und Chören genauso arbeitet wie mit Rammstein und Snoop Dogg.

Zwischen kulturellen Genres - wenn er Tanz und Kostüme, Philosophie und Architektur in seine musikalischen Gesamtkunstwerke einbaut.

Und zwischen kreativen Orten - wenn er in Leipzig und Buenos Aires lehrt, in Weimar und Dresden musiziert, seinen Arbeits-und Lebensmittelpunkt aber in Berlin hat. 

Wie sehr Sven Helbig in Räumen und Gesamtzusammen-hängen denkt, das war schon vor zehn Jahren bei seiner Hochhaussinfonie in Dresden zu erleben. Musiker der Pet Shop Boys und der Dresdener Sinfoniker waren bei Helbigs Inszenierung auf den Balkonen eines DDR-Plattenbaus verteilt. Die Hochhaus-Fassade diente als überdimensionale Filmleinwand.

Hoffnung und Sehnsüchte

Beim aktuellen Konzeptwerk 'I eat the sun and drink the rain' ist er erstmals nicht nur Komponist, sondern auch Autor fast aller Liedtexte. Es geht um menschliche Hoffnungen und Sehnsüchte, durch die Jahrhunderte bis zu einer bedrückenden Gegenwart.

Sven Helbig: "Das 'Agnus Die' ist ja ein christlicher Weg an diese Grenze des eigenen Daseins. Und dann geht das schrittweise über den Atheisten Leopardi bis heute, bis zu einem kleinen Liedchen wie 'Das Abendglühen' oder einem Volkslied. Was sich jetzt auch wieder damit beschäftigt: Wie wird man das los, was hinter einem liegt?"

Mit dem Vocalconsort Berlin, geleitet vom renommierten Dirigenten Kristjan Järvi, hat Helbig bei diesen sinnstiftenden Gesängen einen besonders facettenreichen Chor dabei. Er führt hie rdie künstlerische Zusammenarbeit mit Järvi fort, die vor drei Jahren mit seinen 'Pocket Symphonies' bei der Deutschen Grammophon begonnen hatte.

Die Fortsetzung dieser Art "neuer Klassik" erschien vor drei Monaten als 'Pocket Symphonies Electronica', uraufgeführt im Rahmen der Konzertreihe 'Neue Meister'.

"Was unscheinbar war, wird plötzlich wunderschön"

Eines der neuen Elektronikstücke ist seinem Geburtsort Eisenhüttenstadt gewidmet.

Sven Helbig: "Ich bin da sehr gern. Ich hab' ja 'Pocket Symphonies' auch überwiegend dort geschrieben, auf dem Dachboden meiner Eltern. Ja, weil ich mich dem auch mal wieder aussetzen wollte, so einer alten Umgebung, die mal intensiv und wichtig war und in der alles seinen Ursprung hatte.

Aber letzten Endes ist das kein Album über Eisenhüttenstadt und mich, sondern: Der Blickwinkel ändert sich und plötzlich stehen Dinge in einem anderen Licht. Was schön war, ist plötzlich hässlich. Was immer unscheinbar war, wird plötzlich wunderschön. Und das kennt jeder."

Jeder kann jetzt auch Sven Helbigs beide neuen Werke im Konzert kennen lernen: Die 'Pocket Symphonies' führt er live mit der Kammerakademie Potsdam und einer Tanzcompagnie auf.

Und die neuen Chorwerke 'I eat the sun and drink the rain’ bringt er zusammen mit dem Vocal Consort aus der Welt der Klassik hinaus, zum Beispiel zum Indie-orientierten Reeperbahn Festival.

Sven Helbig: "Ich finde, man muss aufhören mit dieser Klassikbezeichnung. Weil dann immer die Leute, die nun nicht gelernt haben, Klassik zu hören, so eine panische Angst haben, dass sie da irgendwas nicht verstehen oder nicht wissen, was sie anziehen sollen.

Ich würd’s einfach nicht Klassik nennen und denjenigen, der es geschrieben hat, nicht Komponist nennen, und es dann einfach mal in einer anderen Umgebung machen - als Musik.

Es ist merkwürdig: In dieser Welt, wo Gitarren gespielt werden, sagt man nicht Komponist. Aber sobald man eine Geige aus dem Koffer holt, dann ist alles gleich Komponist. Ich find' das anstrengend!"

(huc)

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