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Frühkritik | Beitrag vom 06.08.2021

Susanne Saygin: "Crash"Anklage gegen die Verkommenheit

Von Tobias Gohlis

Das Cover des Buches von Susanne Saygin, "Crash", auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / Heyne)
In Susanne Saygins krassen Sittengemälde der Berliner Republik kommt kein einziger anständiger Mensch vor. (Deutschlandradio / Heyne)

Susanne Saygins "Crash" ist neu auf Platz Eins unserer Krimibestenliste: Ihr Thriller spielt im Milieu machthungriger Unternehmer und korrupter Wirtschaftsanwälte. Die Autorin nimmt Anleihen bei der Wirecard-Affäre.

Die erste Szene in Susanne Saygins Thriller "Crash" ist halb Mord, halb höchste Lust. Wenn wir am Ende des Romans erfahren, welch üble Rolle die in Ekstase erdrosselte Frau tatsächlich gespielt hat, sind wir von den Äußeren Hebriden über die Heilige Stadt Köln durch die Bürohöllen Berliner Wirtschaftskanzleien bis ans neblige Oderufer an der Grenze zu Polen immer tiefer gesunken. Es ist ein Ekelparcours durch die bundesdeutsche Gegenwart, den Saygin da konstruiert hat.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Als Hauptstadtroman ist "Crash" ein Gegenstück zu Johannes Groschupfs "Berlin Heat", der im Juli ebenfalls an der Spitze der Krimibestenliste stand. Wo Groschupf in der Unterwelt der Kreuzberger Kleindealer im Nazi-Unkraut buddelt, bringt Saygin in "Crash" die toxischen Oberweltblüten der "deutschen Finanzaristokratie" zum Welken.

Rache an Nordens Clan

Wie schon in ihrem ersten Roman "Feinde" komprimiert Saygin drastisch gezeichnete Alltagsrealität zur großen soziokriminellen Kolportage. Waren es damals Sklavenarbeiter auf dem Bau, sind es in "Crash" jetzt Assistentinnen hoch bezahlter Wirtschaftsanwälte, die für das Bruttosozialprodukt malochen und sterben.

Anwalt Torsten Wolf, hochbegabt, aber immer kurz vor dem Scheitern, wird von seinem Chef beauftragt, das Imperium des verstorbenen Baulöwen Nolden zu betreuen, der schon in "Feinde" den Verbrecher aus der herrschenden Klasse gab. Isa, aus dem Vorgängerroman bekannt als hartnäckige Privatermittlerin, heuert bei Wolf als Assistentin mit Gespür für Zahlen an. Sie will Rache an Nordens Clan und sucht ihre in Berlin verschollene Freundin Mira. Gemeinsam kommen Isa und Wolf einem Wirecard-ähnlichen Betrug plus politischer Verschwörung auf die Spur, die Noldens Witwe und ein Esoterikguru organisieren.

Saygins Thriller "Crash" ist grelle Anklage, Karikatur einer Clique aus Politik und Wirtschaft, die nicht nur gnaden- und skrupellos auf Bereicherung aus ist, sondern auch auf Machtergreifung im Ungeist eines neuen Hightech-Nationalismus. In ihrem Roman balanciert Saygin auf der Grenze zwischen naturalistischer Darstellung von Verkommenheit und satirischer Überzeichnung.

Sittengemälde der Berliner Republik

Diesen Ritt auf der stilistischen Rasierklinge reflektiert sie erzählerisch in einer pervertierten Kunstaktion zwischen Werbung und kollektiver Massenbeeinflussung. In ihrem krassen Sittengemälde der Berliner Republik kommt nicht ein einziger anständiger Mensch vor – immerhin noch einige wenige mit Gewissen. Und die kommen vor Verzweiflung zu Tode. "Crash" ist Berlin Noir grotesk: je lascher die Politik, desto wilder der Krimi.

Susanne Saygin: "Crash"
Heyne, München 2021
416 Seiten, 12,99 Euro

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