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Buchkritik | Beitrag vom 05.09.2018

Susanne Götze: "Land unter im Paradies"Lebendige Reportagen über den Klimawandel

Von Johannes Kaiser

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Im Hintergrund Aufnahmen vom 10. Juli 2018 aus  Kurashiki, Japan: Zerstörte Häuser eines Wohngebietes, nachdem es nach schweren Regenfällen zu Erdrutschen und Überschwemmungen gekommen war. (Cover: oekom-Verlag; Hintergrund: kyodo / dpa)
Susanne Götzes "Land unter": Empörung über Geschäftemacher. (Cover: oekom-Verlag; Hintergrund: kyodo / dpa)

Für "Land unter im Paradies" war Susanne Götze in Afrika, Europa, den USA und im Nahen Osten: Im besten Reportage-Stil beschreibt die Historikerin, wie sich der Klimawandel dort zeigt – und was das für die Menschen und den Planeten bedeutet.

Auf dem Dach sind Solarzellen und Warmwasserkollektoren installiert, die neue Moschee wird den Bewohnern des kleinen marokkanischen Dorfes so erstmals Licht und Warmwasser bringen. 600 Gotteshäuser sollen nach dem Willen des marokkanischen Königs in den nächsten Jahren ebenso "ergrünen" und eine langsame Abkehr von Gas und Öl einläuten. Ein geschickter Schachzug, um auch die Imane für erneuerbare Energien zu gewinnen – und eine positive Ausnahme in diesem Buch.

Susanne Götze hat sich in Afrika, Europa, den USA und im Nahen Osten umgeschaut und nach ersten Spuren des Klimawandels gesucht und sie hat sie gefunden: Ob in den Gemüseanbauregionen in Spanien, den französischen Weinbergen oder – besonders dramatisch – im Dreiländereck Jordanien, Israel und Palästina. Überall herrschen immer öfter Wassermangel und Dürreperioden. Und auch wenn sich nicht jede Veränderung direkt auf die Erderwärmung zurückführen lässt, so sind die Zeichen doch deutlich genug.

Die promovierte Historikerin hat mit Bauern, Winzern, Ingenieuren, Gentechnikern und Klimaleugnern gesprochen. Drei Interviews mit prominenten Klimaforschern ergänzen das Bild, das sie in ihrem jetzt erschienen Buch "Land unter im Paradies" eindrucksvoll belegt.

Detailreich, anschaulich, von Empathie geprägt

Und auch wenn viele der darin enthaltenen Reportagen bereits vor längerem in Zeitungen erschienen sind, tut das deren Aktualität keinen Abbruch. Götzes Berichte sind detailreich, anschaulich und von Empathie geprägt – auch aus ihrer Betroffenheit macht sie keinen Hehl und empört sich über Geschäftemacher. So kaufen sich zum Beispiel Unternehmen von ihrem hohen CO₂-Ausstoß frei, indem sie CO₂-Zertifikate für Aufforstungsprojekte in Entwicklungsländern erwerben.

In einem Projekt, das die Journalistin in einem abgelegenen Dorf in Uganda am Victoriasee besucht, hat ein norwegisches Unternehmen eine Forstplantage auf vom Staat kurzerhand enteignetem Bauernland angelegt. In dieser artenarmen Monokultur dürfen die Bauern, denen das Land früher gehörte, nicht mal mehr ihr Vieh weiden lassen. Solche Baumpflanzungen sind ein lohnendes Geschäft: Erst verkauft man CO₂-Zertifikate, später erntet man die Bäume und verkauft sie gewinnbringend. Die Leidtragenden aber sind die Bauern und die Umwelt.

Es ist höchste Zeit 

Gut für das Buch ist, dass Susanne Götze auch Klimaleugner besucht und zu Wort kommen lässt: In Florida etwa, auf der Key-West-Inselkette, füllen das steigende Meer und die immer häufiger auftretenden "King Tides", hohe Fluten, wiederholt die Keller und Erdgeschosse der Villen am Meeresrand. Dennoch sehen viele der Bewohner darin keinen Zusammenhand zum Klimawandel – den es aus ihrer Sicht schlicht nicht gibt.

Aber gerade weil sich Susanne Götze vor Ort umgeschaut hat, führen ihre sauber recherchierten, lebendigen Reportagen deutlicher als viele wissenschaftliche Studien vor Augen, wie sich die Welt schon jetzt dramatisch verändert. Sie macht klar: Es ist höchste Zeit, den Temperaturanstieg zu stoppen!

Susanne Götze: "Land unter im Paradies. Reportagen aus dem Menschenzeitalter"
oekom Verlag, München 2018
224 Seiten, 18 Euro

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