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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.01.2019

Susan Faludi: "Die Perlenohrringe meines Vaters"Die Frau, die mein Vater ist

Ramona Westhof im Gespräch mit Christian Rabhansl

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"Die Perlenohrringe meines Vaters" von Susan Faludi (dtv Verlagsgesellschaft/picture alliance/dpa/Foto: akg-images)
In dem Buch geht es auch um Antisemitismus in Ungarn. (dtv Verlagsgesellschaft/picture alliance/dpa/Foto: akg-images)

Was tun, wenn der seit Jahrzehnten verschollene Vater plötzlich ein Foto schickt, das ihn als Frau zeigt? Die Pulitzer-Preisträgerin Susan Faludi hat das erlebt und darüber das kluge und spannende Buch "Die Perlenohrringe meines Vaters" geschrieben.

Christian Rabhansl: Am Anfang steht eine Email, von ihrem Vater, den sie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gesehen hat. In dieser E-Mail: Fotos von ihrem Vater, der sich allerdings verändert hat: nicht nur, weil er inzwischen in den 70ern ist, sondern Rock und Bluse trägt, und unterschrieben ist die Mail nicht mit seinem Namen Steven, sondern mit: Stefanie. Die amerikanische Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin Susan Faludi hat das erlebt. Sie hat sich auf die Suche nach der Frau gemacht, die ihr Vater ist. Und hat ein Buch darüber geschrieben: "Die Perlenohrringe meines Vaters".

Ramona Westhof erklärt im "Lesart"-Gespräch, warum dieses Buch über die Identitäten eines Menschen so gelungen ist.

Welche Identitäten hat diese Frau, dieser Vater im Laufe des Leben gehabt?

Ramona Westhof: Stefanie Faludi ist 1927 geboren als ungarischer Jude in Budapest. Damals mit dem Namen Istvan Friedman, von allen aber nur Pista genannt, eine typische ungarische Abkürzung für Istvan. Das Umfeld war damals zunehmend antisemitisch und Pista musste seine jüdische Identität mehr und mehr verstecken. Es wollte als "Ungar" durchgehen, nicht als "Jude" – die beiden Kategorien haben sich damals ausgeschlossen. Ein bisschen so, wie sich heute für die meisten Leute Mann und Frau ausschließen. 

"Diese Episoden sind zum Teil sehr abenteuerlich"

Noch als junger Mann ist Istvan über Umwege in die USA ausgewandert und hat sich "Steven Faludi" genannt. Er hat also den ungarischen Vornamen und den jüdischen Nachnamen abgelegt – und wurde ein "All American Dad", ein typischer amerikanischer Familienvater mit Frau und zwei Kindern, der an Weihnachten in die Kirche geht. Dann kam die Scheidung, mit harten Gewaltepisoden, und Steven Faludi durfte sich seiner Familie nicht mehr nähern – der Kontakt ist abgebrochen und er ist später zurückgezogen nach Budapest. Von dort aus erhielt die Tochter Susan Faludi dann diese Mail, Jahrzehnte später.

Rabhansl: Wie geht Susan Faludi vor, damit wir beim Lesen dieser fast unglaublichen Lebensgeschichte nicht den Überblick verlieren?

Westhof: Als Rahmen für das Leben ihres Vaters dienen die Treffen der beiden Frauen in Budapest. Nachdem ihr Vater wieder Kontakt aufgenommen hat, fährt die Autorin relativ regelmäßig nach Ungarn und diese Besuche ziehen sich dann über mehr als zehn Jahre bis zum Tod des Vaters. In dieser Zeit führen die beiden Gespräche, besuchen Orte aus der Vergangenheit von Stefanie Faludi – zum Beispiel das Haus, in der sie als kleiner Junge mit ihren reichen Eltern gelebt hat, die wurden dann irgendwann enteignet.

Und Susan Faludi streut auch Anekdoten ein, die sie selbst als Kind schon von ihrem Vater gehört hat, wie zum Beispiel, dass Istvan seine Eltern vor der Deportation gerettet haben soll. Dafür hat er sich eine Armbinde und ein Gewehr besorgt und sich als Pfeilkreuzler – also als ungarischer Faschist verkleidet, so geht zumindest die Geschichte. Es gibt noch ein paar andere Episoden, in denen es darum geht, wie gut Stefanie Faludi in ihrem Leben gelogen und gefälscht hat. Zum Teil auch sehr abenteuerlich.

"Das ist wirklich sehr klug und sehr witzig geschrieben"

Rabhansl: Wie hat den Susan Faludi diese Lebensgeschichte eines Menschen recherchiert, der so gut lügen kann?

Westhof: Susan Faludi streut in ihr Buch immer wieder journalistische Kapitel und Einschübe ein, in denen sie ihre Recherche beschreibt: Sie trifft sich mit alten Klassenkameraden ihres Vaters, mit entfernten Verwandten überall auf der Welt – die ihr zum Beispiel auch die Geschichte mit der Rettung der Eltern bestätigen, die sie eigentlich nie so wirklich geglaubt hat. Und vor allem beschreibt sie viele, viele Fotos. Es gibt Fotos von ihrem Vater in jedem Alter – echte, und manipulierte, in denen ihr Vater am Anfang vor der Operation und der Namensänderung noch den eigenen Kopf auf Frauenkörper gesetzt hat. Dazu noch Fotos von verstorbenen Verwandten, auch von eigenen Familienurlauben der Autorin mit ihren Eltern. Und das vermittelt ein bisschen das Gefühl, als würde man beim Lesen selbst das Faludi-Familienalbum durchblättern. Auch wenn im ganzen Buch kein einziges Foto zu sehen ist.

Rabhansl: Ist dieses Buch eine rein individuelle Lebensgeschichte, oder reichert Susan Faludi diese Geschichte mit Hintergrundinformationen an?

Westhof: Man erfährt viel über die ungarische Geschichte und das ungarische Selbstverständnis. Es geht um ungarischen Antisemitismus, der so weit geht, dass es einen eigenen Fachbegriff für die Situation gibt, in der erwachsene Menschen erfahren, dass sie jüdische Eltern haben. Solche Momente streut sie dann auch immer wieder ins Buch ein. Und auch andere kleine Insiderwitze, die man beim Lesen mit der Autorin hat. Das ist wirklich sehr klug und sehr witzig geschrieben.

"Dieses Frauenbild gilt längst nicht für alle Transfrauen"

Auch über Transsexualität erfährt man eine ganze Menge, denn Susan Faludi hat mit Wissenschaftlerinnen gesprochen, zum Teil selbst Trans sind. Und diesen Teil fand ich tatsächlich ganz wichtig, weil Stefanie Faludi, der Vater, ziemlich schrullig ist und ein sehr altmodisches Frauenbild für sich beansprucht. Und da tut es dann ganz gut, das ein bisschen eingeordnet zu bekommen, dass das eben bei weitem nicht für alle Transfrauen spricht.

Rabhansl: Sie klingen sehr begeistert – ist das in Ihren Augen ein quasi perfektes Buch?

Westhof: Fast. Der Rest von Susan Faludis Familie hat mir ein bisschen gefehlt. Man erfährt zwar, dass sie einen Bruder hat, aber der und auch ihre Mutter kommen im Buch überhaupt nicht zu Wort. Das fühlt sich ein bisschen unvollständig an. Falls die beiden nicht aktiv im Buch auftauchen wollten, hätte ich zumindest das gerne erfahren. Auch der Weg zwischen Scheidung, Umzug nach Budapest und Namensänderung kommt ein bisschen zu kurz. Gleichzeitig stellt Susan Faludi durch diesen Fokus auch nie infrage, dass ihr Vater eine Frau ist. Sie nimmt ihren Vater als Stefanie einfach Ernst. Und das ist wirklich angenehm.

Susan Faludi: "Die Perlenohrringe meines Vaters. Geschichte einer Neuerfindung"
dtv Verlagsgesellschaft, 2018
464 Seiten, 24,00 Euro

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