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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2007

Surreales zwischen China und Oderbruch

Wolfgang Herrndorf: "Diesseits des Van-Allen-Gürtels. Erzählungen", Eichborn, Berlin 2007, 187 Seiten

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Alleine im Oderbruch: Herrndorfs Helden erleben Exotismus in Brandenburg, wenn ihnen beim Kanu-Ausflug das Auto gestohlen wird. (AP)
Alleine im Oderbruch: Herrndorfs Helden erleben Exotismus in Brandenburg, wenn ihnen beim Kanu-Ausflug das Auto gestohlen wird. (AP)

Wolfgang Herrndorf, Jahrgang 1965, gilt als eine Hoffnung der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Debütroman "In Plüschgewittern" machte schon dank des verdrehten Ernst-Jünger-Titels ein wenig Furore. Nach der Talentprobe ließ Herrndof mit weiteren Veröffentlichungen auf sich warten, gewann aber wie nebenbei den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb 2004.

Die Geschichte, die er damals las, gibt auch seinem jetzt erschienenen Erzählband "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" den Titel. Es ist ein Zyklus von Geschichten, der einen an Raymond Carver geschulten Realismus-Ton mit einer Neigung zum leicht Surrealen verbindet. In drei der Erzählungen treffen etwa Vierzigjährige auf Jugendliche – eine Konfrontation der Lebensalter, aus der eine ebenso unaufdringliche wie schräge Komik resultiert.

Das gilt vor allem für die Titelgeschichte, in der einer der charakteristisch unschlüssigen, leicht neben sich stehenden Herrndorf-Helden es mit einem zunächst nervtötenden Nachbarjungen zu tun bekommt. Eigentlich wollte er zur Geburtstagsparty seiner neuen Freundin (er ist sich aber nicht ganz sicher, ob sie überhaupt Geburtstag hat), nun aber findet er sich auf dem Balkon einer leer stehenden Nachbarwohnung wieder und plaudert mit dem Jugendlichen über Handballtraining, Biertrinken und Raumfahrt.

Er versucht, das Weltbild des Jungen ins Wanken zu bringen, indem er ihm Verschwörungstheorien über die Mondlandung erzählt, die bloß in Hollywood inszeniert worden sei. Nebenbei sorgt er dafür, dass der pubertäre Gesprächspartner ordentlich raucht und trinkt – eine deutliche Spur Bosheit ist da zu erkennen, zugleich aber kommen sich die beiden über alle Differenzen der Lebensalter und Interessen hinweg überraschend nahe.

Verschwörungstheorien reizen Herrndorf – womit man bei seiner inoffiziellen Mitarbeiterschaft in der viel beraunten Berliner Geheimgesellschaft der ZIA ist. Die letzte Geschichte des Erzählbandes heißt genau so: "Zentrale Intelligenz Agentur". Sie schildert, frei erfunden, deren Gründung in einem abgetakelten Schloss irgendwo in der brandenburgischen Provinz, das sonst als Kulisse für Pornofilme dient. Der mysteriöse Holm Friebe und der skurrile Joachim Lottmann haben hier ihre Auftritte – aber die Erzählung protzt nicht mit Insidergehabe, sondern schildert in zum Teil hochkomischen Szenen, wie aus Raunen und Party-Gerede etwas entsteht: ein digitales Luftschloss.

Während andere Autoren mit ihrer Weltläufigkeit punkten möchten, schreibt Herrndorf Geschichten, die bloß ins Umland von Berlin gehen, von dort aber den Brandenburger Exotismus heimbringen. Sehr schön in der Erzählung "Oderbruch", in der ein Berliner Wochenendausflügler nach einem Sonntag im Kanu plötzlich feststellen muss, dass sein Auto gestohlen wurde. Allein auf weiter Flur, kommt er nach einer Weile zu einem verlassenen Haus, das nur von einem misstrauischen Mädchen bewohnt wird. Wie in "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" entwickelt sich ein wunderbar schräger Dialog zwischen den beiden, die nur der Zufall in der Einöde zusammengebracht hat. Außerdem geht es um Tischtennis und verschrobene Provinzpolizisten.

Eine der besten Geschichten schafft es dann allerdings bis nach China. Natürlich ist es eine Exotismus-Parodie, denn der Erzähler beharrt hier sogar in einer Fußnote darauf, dass sich sein Wissen über das Land auf drei, vier Klischees beschränke, auf Reisschnaps, Papierlampen und ähnliche Chinoiserien. Ein Pfleger, der seinen Patienten offenbar gerne mit der einen oder anderen Überdosis Schlaftabletten versorgt, macht in dieser Geschichte eine unerwartete Erbschaft, kündigt seinen Job und geht auf Fernostreise, in deren Verlauf er zunehmend von einer fixen Idee besessen wird: der Suche nach Feuer speienden Drachen, die ihr Feuer auf der falschen Seiten des Kopfes haben.

Was könnte das bedeuten? Der Erzähler versichert: "Symbole und Motive sind mir immer zuwider gewesen." Das klingt verdächtig nach Nabokov, und tatsächlich liebt Herrndorf – wie übrigens auch Daniel Kehlmann – das Spiel mit unzuverlässigen Ich-Erzählern, wie es Vladimir Nabobov zur Perfektion getrieben hat.

Zum internen Anspielungsreichtum der Texte gehört ihre gegenseitige Vernetzung. Durch Verwandt- und Freundschaftsverhältnisse sind die Protagonisten der einzelnen Geschichten miteinander verbunden, so dass man auch von einem Zyklus sprechen könnte.

Herrndorfs Figuren sind Spätaufsteher des Lebens, um nicht den strapazierten Begriff der Boheme zu gebrauchen. Bei aller Verhaltenheit entwickeln sie eine leise Renitenz und Provokationslust gegenüber der allgemein empfohlenen Alltagswelt. Das liest man mit Vergnügen. Zwar enthält der Band auch das eine oder andere schwächere Stück, im Ganzen aber ist er eine sehr erfreuliche Erscheinung dieses Bücherfrühlings.

Rezensiert von Wolfgang Schneider

Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels
Erzählungen
Eichborn, Berlin 2007
187 Seiten, 17,90 Euro

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